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International «Weniger Auswahl, steigende Preise»

In den kommenden Tagen sollen die verschärften Sanktionen der EU gegen Russland in Kraft treten. Von den bereits bestehenden Strafmassnahmen sei bisher nur wenig spürbar, sagt SRF-Korrespondent Christof Franzen in Moskau. Lediglich in den Regalen der Supermärkte werde die Auswahl kleiner.

Eine Frau greift in ein Kühlregal mit Milchprodukten.
Legende: Noch hat es etwas Mascarpone: Kundin in Wladiwostok. Reuters

Die EU legt bei den Sanktionen einen Zacken zu – wenn auch zögernd. Sie will nun auch staatlich kontrollierte Grossbanken treffen, Rüstungsfirmen und russische Energie-Riesen wie Gazprom, Rosneft und Transneft.

Ein Mann geht an einer leuchttafel mit Wechselkursen vorbei.
Legende: Wechselkurse in St. Petersburg. Russland und China versprechen sich mehr Handel und eine stärkere Zusammenarbeit der Banken, um den Sanktionen etwas entgegenzusetzen. Reuters

Diese sollen kein Geld mehr am europäischen Kapitalmarkt bekommen. «Kurzfristig wird Russland das verkraften», schätzt SRF-Korrespondent Christof Franzen. Immerhin horte das Land Währungsreserven von gegen 500 Milliarden Franken.

Dass russische Unternehmen bereits Mühe hätten, von Banken Kredite zu erhalten, sei kein Thema, so Franzen. Einer Nachbarin aber sei der Hypothekarzins um zwei Prozent erhöht worden.

Begründung der Bank: die westlichen Sanktionen und die deshalb gestiegenen Kapitalkosten. Auch von einigen KMU höre man, dass sie eine gewisse Zurückhaltung spürten und weniger investiert würde. Konkrete Zahlen fehlen noch.

Noch sind dies Einzelbeispiele, Stimmungen, Einschätzungen. Doch Korrespondent Franzen ist sicher: Längerfristig werden die Sanktionen Folgen haben. Schon heute sei das Investitionsklima für Ausländer kaputt. Der Internationale Währungsfonds berichtete im Juli, Investoren hätten im ersten Quartal bereits 64 Milliarden Dollar abgezogen.

Teurere Preise, tiefere Qualität, weniger Auswahl

Sichtbar sind die Folgen der Sanktionen in den Auslagen der Geschäfte. «Meine Familie greift gerne auf die qualitativ guten litauischen Milchprodukte zurück», erzählt Franzen. «Die fehlen jetzt. Die Läden haben ihre Vorräte aufgebraucht.»

Versorgungsengpässe gebe es in einer Stadt wie Moskau gewiss keine, berichtet Franzen. Doch die Auswahl schrumpfe und die Preise stiegen. Rindfleisch sei, zumindest vorübergehend, um 10 Prozent teurer geworden, Schweinefleisch gar um 30 Prozent.

Drastischer sind Schilderungen aus den entfernteren Regionen des Riesenlandes. Von den fernen Sachalin- Inseln habe man von Preiserhöhungen von 65 Prozent gehört, so Franzen.

«Wie gehts denn so in Europa?»

Doch die Bevölkerung ficht das nicht an. «Man habe den Krieg überlebt und die 1990-er Jahre, da zwinge doch so etwas das Land nicht in die Knie», kommt Christof Franzen regelmässig zu Ohren.

Ganz im Gegenteil habe sich die Ladenbesitzerin im Quartier bei ihm erkundigt, wie es um Europa stehe: Griechenland, Finnland, Polen und Litauen litten doch stark unter dem russischen Importstopp. Das Fernsehen berichte regelmässig darüber. Die Frau habe mit dem gutgemeinten Wunsch geschlossen: «Hoffentlich kommen die Europäer bald wieder zur Vernunft.»

Die EU entscheidet heute über neue Sanktionen gegen Russland. Details dazu sind noch nicht veröffentlicht worden. Es geht jedoch vermutlich um eine weitere Erschwerung des russischen Zugangs zum Kapitalmarkt der EU. Die Anwendung der neuen Sanktionen war bisher ausgesetzt worden, um zu sehen, ob die Waffenruhe eingehalten wird.

Christof Franzen

Christof Franzen

Der Journalist arbeitet seit 2003 für SRF, seit 2007 als Korrespondent in Moskau.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Briner, Neerach
    Absehbar, wie bald unser Bundesrat diesen EU-ler Sanktionen hinterher "höselet"!
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  • Kommentar von P Zunger, Basel
    Wenn die vom Westen zur Streng-Geheimsache gemachten Informationen zu MH17 aufgedeckt würden, müssten wohl scharfe Sanktionen gegen Ukraine folgen. Einen solchen massivsten Gesichts- und Vertrauensverlust kann sich EU und NATO nie leisten, das ist wirklicher Grund für fortlaufende Dämonisierung von Putin. Die Geschehnisse in der Ost-Ukraine können es kaum mehr sein, speziell nicht, wenn 750'000 NACH Russland geflohen sind, über 80% aller Geflohenen.
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  • Kommentar von Mischa Markert, Verscio
    Also ich denke schon, dass die Santionen mittelfristig diese "Art von neuer Mittelschicht" treffen wird, die zu Putins sichersten Unterstützern zählt. Putin hat es in den letzten zehn Jahren ganz klar nicht geschafft, eine heimische Industrie aufzubauen, die wenigstens einen "Ehrenteil" der nationalen Bedürfnisse abdeckten würde. Und dass Agrarbetriebe fast immer noch so ineffizient funktionieren wie zur Sowjetzeiten, ist bekannt. Allerdings hat dies auch mit der russ. Mentalität zu tun.
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    1. Antwort von W. Helfer, Zürich
      M.M. Putin hat ja gesagt, dass diese Sanktionen ein Ansporn für die Russen sein soll, selber mehr zu tun. Die Ressourcen sind ja da. Ist doch gar nicht schlecht, wenn man das Volk dazu bringt, mehr für das eigene Land zu tun.
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