Wenn die Eltern nicht mehr zu den Kindern ziehen

Die Eltern schauen nach den Kindern und später schauen die Kinder nach den Eltern. So war das früher in der Schweiz, und so ist das noch heute in Indien. Altersheime gibt es dort kaum. Doch langsam ändert sich das, weil sich die Gesellschaft wandelt. Die Privatwirtschaft hat die Marktlücke erkannt.

Innenhof des Altersheims Sukhshanti.

Bildlegende: Altersheime wie das Sukhshanti bei Bangalore gibt es erst wenige in Indien. Karin Wenger, SRF

Wer ins Altersheim Sukhshanti ausserhalb der Stadt Bangalore zieht, muss Einsamkeit und Natur lieben. Der schlichte, mehrstöckige Bau mit den kleinen Ein- und Zweizimmerwohnungen liegt mitten in einer Mangoplantage, weitab jeder Zivilisation. Es gibt einen kleinen Tempel und unendlich viele Vögel. Das Gemeinschaftszentrum ist noch im Bau, der Fitnessraum wirkt unbenutzt.

Altere Frau blickt nach links

Bildlegende: Die ehemalige Lehrerin Vasanta ist vor vier Jahren als eine der ersten in das Altersheim eingezogen. Karin Wenger, SRF

Im kleinen Restaurant geniesst die 66-jährige Vasanta, eine hochgewachsene, drahtige Frau alleine ihr Mittagessen: einen Teller mit Linsen, indischem Fladenbrot und Gemüse. Die Lehrerin ist eine der jüngsten der 37 Bewohner und war mit ihrem Mann die erste, die hier vor vier Jahren eingezogen ist.

Doch aus ihrem Umfeld hatte es Widerstand gegeben, erzählt Vasanta: «Wieso geht ihr da hin? Ihr habt doch zwei gut verdienende Söhne, kritisierten die Leute. Ich habe meinen Söhnen von Anfang an gesagt, dass ich meinen Freiraum brauche und nicht von ihnen abhängig sein will». Ihre Söhne respektierten den Entscheid ihrer Eltern. Doch viele Inderinnen und Inder fürchten sich davor, wie andere über sie denken, wenn ihre Eltern in ein Altersheim ziehen statt zu ihnen.

Keine Zeit mehr für die Eltern

Nur langsam löst sich das gesellschaftliche Tabu auf, weil sich die indische Gesellschaft verändert. Vasantas Söhne leben in Amerika, genauso wie Hunderttausende von anderen Indern. Nicht alle können oder wollen ihre Eltern bei sich aufnehmen. Und die Schwiegertöchter, die bislang die Eltern ihrer Ehemänner bis zum Tod gepflegt hatten, arbeiten heute vielfach und haben keine Zeit, sich auch noch um Haushalt, Kinder und Schwiegereltern zu kümmern.

Staatliche Wohn- und Betreuungseinrichtungen für alte Leute fehlen jedoch gänzlich in Indien. Doch private Bau- und Dienstleistungsfirmen haben die Marktlücke längst erkannt, sagt N.S. Vinodh. Er ist einer der Investoren des «Bel Valley Home», ein Altersheim für 400 Personen, das im kommenden Jahr fertig werden soll: «Der Bedarf ist enorm und viele Investoren glauben, mit Altersheimen schnelles Geld zu verdienen. Es sind jedoch nicht die Superreichen, die ins Altersheim ziehen. Denn sie können sich Fachbetreuung rund um die Uhr leisten. Es ist die Mittel- und obere Mittelschicht, die sich nach einem Platz im Altersheim umsieht».

In Indien sind 100 Millionen Menschen älter als 60. Im ganzen Land gibt es erst nur 30 bis 40 Altersheime. Sie bieten Essdienste, Unterhaltung, und Krankenschwestern sind 24 Stunden anwesend, aber auf schwere Pflegefälle ist keines eingerichtet.

Sei glücklich

Im Altersheim Sukshanti spielen Vasanta und ihr Mann Baskara täglich eine Runde Pingpong, ein kämpferisches Duell. Yoga, Meditation, Spaziergänge, Zeitungslektüre und Internet füllen ihren Alltag. Es sei einfacher, noch rüstig ins Altersheim zu kommen, statt sich im hohen Alter nochmals an eine neue Umgebung anpassen zu müssen, glaubt sie. Jeden Tag schreibt Vasanta den Witz des Tages an eine Gemeinschaftstafel.

«Sei glücklich, mache andere glücklich, lache!, das ist das wichtigste in dieser letzten Lebensphase», sagt sie. Darum bemühen müsse sich jedoch jeder einzelne, bis zum Tod in der grossen Gemeinschaft des Altersheims und der kleinen der Ehe.

An diesem Morgen fand Vasanta eine rote Rose vor ihrer Zimmertür. Ihr Mann hatte sie hingestellt. Zur Feier ihres 47. Hochzeitstags.