Wenn Kinder töten müssen

Kinder sollen spielen. Im Kongo aber haben rund 30‘000 ein anderes Schicksal. Sie sind Kindersoldaten. Sie müssen töten. Eine kongolesische Nichtregierungs-Organisation will nun diese Kinder aus der Armee lösen und sie in die Gesellschaft integrieren. Eine Illusion?

Das Zentrum will den Kindersoldaten ein neues Leben geben. 70 Prozent der Jungs packt es.

Bildlegende: Das Zentrum will den Kindersoldaten ein neues Leben geben. 70 Prozent der Jungs packe es, sagt der Leiter. Keystone

Im Kongo befinden sich nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 30‘000 Kindersoldaten in der staatlichen Armee. Der Grund: Die Regierung hat in den letzten zwei Jahren ehemalige Milizen in die Armee integriert. Das Land sollte befriedigt werden.

Der Erfolg ist zweifelhaft, wie die jüngsten blutigen Auseinandersetzungen im Ostkongo zeigen. Erneut rekrutieren und kidnappen Rebellengruppen, wie M23, Kinder.

« Ich habe viele umgebracht. Zahllose. Keine Ahnung wie viele. »

Im schummrigen Licht eines Unterschlupfs blitzt das Weiss Dutzender Kinderaugen – die Augen ehemaliger Soldaten. Viele sind gerade mal 14 Jahre alt. Einige der Jungs wurden bereits mit 6 Jahren von Rebellen oder Milizen gekidnappt.

Die meisten von ihnen waren 12, wie Bahati: «Ich war gnadenlos. Ich habe nie gezögert, sondern sofort getötet. Wenn man mir sagte, ‹schiess ins Herz›, dann habe ich das getan. Sollte ich in den Kopf schiessen, dann habe ich auch das getan. Ich habe viele umgebracht. Zahllose. Keine Ahnung wie viele. Der erste, den ich erschoss, war ein grosser Oberst. Das war ziemlich beängstigend. Danach habe ich weitergemacht. Gespürt habe ich nichts. Es war mein Job.»

« Bei den Mai-Mai war es gut. »

Bahati war so gut, dass ihn die Mai-Mai abwarben. Diese Milizen sind bekannt für ihre Kaltblütigkeit und Brutalität. «Bei den Mai-Mai war es gut. Die hatten Respekt vor mir. Ich war Leutnant. Aber als wir in die staatliche Armee integriert wurden, wurde es hart. Die verschiedenen Rebellengruppen bekriegten sich. Wir bekamen kein Essen und keinen Sold.»

Der Junge forderte sein Geld ein. Aber der zuständige General weigerte sich. Weil er entweder tatsächlich kein Geld von der Regierung bekam, oder weil er lieber in die eigene Tasche wirtschaftete. Bahati rächte sich und brach der Frau des Generals beide Beine. Dann landete er im Gefängnis.

Dort fand ihn Murhabasi Namegabe. Er ist Leiter eines Heims für derzeit 50 ehemalige Kindersoldaten. Er kaufte auch Bahati frei und brachte ihn in den Unterschlupf: «Die Kinder sind krank und unterernährt. Sie haben meist Jahre im Busch gelebt und gekämpft.»

Zentrum für eine Kindheit

In dem Zentrum steht den ehemaligen Kindersoldaten ein ganzes Team zur Verfügung. Es kümmert sich individuell um ihre Gesundheit und ihre Psyche. «Meist müssen wir die Kinder von Grund auf sozialisieren. Wir müssen ihnen wirklich alles beibringen. Es ist der Versuch, ihnen eine Kindheit zurückzugeben, die sie nie hatten.»

Bahati ist weit davon entfernt, ein normaler 16Jähriger zu werden: «Wir sind zwar demobilisiert, aber wenn es wieder Krieg gibt, dann kämpfe ich. Ich lasse doch mein Land nicht zerstören.» Es ist noch ein weiter Weg für Bahati, die Zeit als Kindersoldat hinter sich zu lassen.

« 70 Prozent unserer Jungs schaffen es. »

Der Unterschlupf für Kindersoldaten hat bis heute tausende Kinder und Jugendliche psychologisch betreut. Er ist vor allem von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, finanziert. 

Der Leiter Murhabasi Namegabe erzählt: «Ich blicke sehr zuversichtlich in die Zukunft dieser Kinder. 70 Prozent unserer Jungs schaffen es. Das sind Erfolgsgeschichten: Sie sind stabil und beginnen ein neues Leben. Die meisten gehen wieder zur Schule oder machen eine Ausbildung.»

Entweder konnten Familienangehörige ausfindig gemacht werden, oder die Jungen konnten in Gastfamilien oder in kleinen 4er-Wohngemeinschaften untergebracht werden. «Erleben die Jungs aber wieder bewaffnete Konflikte, oder familiäre Auseinandersetzungen, dann wird es schwierig», sagt Namegabe.

«Red Hand Day»

Jährlich am 12. Februar ist der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten (englisch Red Hand Day). Der «Red Hand Day» soll aufrufen zum Kampf gegen diese besonders schwerwiegende Form des Kindesmissbrauchs. Kindersoldaten kämpfen in aktuellen Konflikten im Kongo oder in Ruanda.