Wer ist der oberste Weltpolizist?

Cyberkriminalität und die Rückkehr von europäischen Dschihadisten: Das sind die Schwerpunkte des neuen Interpol-Chefs Jürgen Stock. Probleme dürfte ihm auch die Abhängigkeit der Weltpolizei von privaten Geldgebern bereiten. Privat beschäftige Stock aber kürzlich ein gewöhnlicher Diebstahl.

Das Interpollogo: Eine Weltkugel mit einem Lorbeerkranz, durch den Globus geht horizontal ein Schwert

Bildlegende: Die Weltpolizei Interpol wurde 1923 in Wien gegründet und wird heute von 190 Mitgliedsstaaten getragen. Reuters

Nach seinem Mittelschulabschluss hat Jürgen Stock eine einzige Stellenbewerbung geschrieben: und zwar für einen Posten bei der Polizei. Den bekam der Deutsche, jagte jahrzehntelang Verbrecher, verhörte Verdächtige, sicherte Spuren, war Drogenfahnder. Nun wird er, mit 55 Jahren, der höchste Polizist der Welt.

Sein Ruf ist tadellos. Eher durch Kompetenz als durch Eloquenz besticht der schlaksige Hesse mit dem grauen Kurzhaarschnitt und der Intellektuellenbrille. Sein Vorgänger als Interpol-Chef, Ronald Noble, hat sich diese Woche noch einmal für Stock ins Zeug gelegt.


Jürgen Stock neuer Interpol-Chef

3:44 min, aus Echo der Zeit vom 07.11.2014

Für die Schweiz eine gute Wahl

Auch aus Schweizer Sicht sei dies eine hervorragende Wahl, sagt Marco Gamma vom Bundesamt für Polizei, der die Schweiz auf der Interpol-Generalversammlung in Monaco vertritt. «Herr Stock ist uns seit vielen Jahren bekannt. Er kennt auch Interpol bestens, weil er dort schon verschiedene Ämter innehatte.»

Sein Hauptamt aber war bisher jenes als Vizepräsident des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden. Und mit diesem hätten die Schweizer Polizeibehörden oft dieselbe Wellenlänge. «Wir haben mit Deutschland und mit dem Bundeskriminalamt insbesondere ausgezeichneten Kontakt und sehen immer wieder, dass die gleichen Prioritäten gesetzt werden», sagt Gamma.

Jürgen Stock mit Anzug und Brille

Bildlegende: Jürgen Stock war Rechtsanwalt, Polizeischul-Gründer, Sicherheitsforscher und Vizepräsident des Bundeskriminalamts. Keystone

Unabhängigkeit hat Priorität

Nicht zuletzt bei einem ganz aktuellen Problem bei Interpol. Nämlich der Frage, wie man unabhängig bleibt. Die mit einem eher knappen Budget ausgestattete Weltpolizeibehörde finanziert sich nämlich immer stärker über potente private Geldgeber.

So spendet der Weltfussballverband Fifa Millionen für Aktionen gegen illegale Sportwetten, der Tabakkonzern Philipp Morris unterstützt Massnahmen gegen den Zigarettenschmuggel und die Pharmaindustrie solche gegen gefälschte Medikamente.

Jürgen Stock teilt die Schweizer Haltung, dass das nicht unproblematisch ist und unterstützt die Forderung nach mehr Transparenz und Vorsicht.

Vorsicht ist für Stock auch wichtig, wenn es um autoritäre Regime geht, die versuchen, Interpol zu missbrauchen. Immer wieder wollen Diktatoren ihre politischen Widersacher via Interpol jagen. «Interpol weist ein solches Ersuchen zurück, wenn Anhaltspunkte bestehen, dass andere Motive als lautere Strafverfolgung dahinter stehen», erklärte er gegenüber Deutschlandradio Kultur. Er will daher heikle Fahndungsersuchen gründlich prüfen lassen.

«  Cyberkriminalität ist längst mit dem internationalen Drogenhandel vergleichbar. »

Jürgen Stock
Chef Interpol

Priorität hat für den neuen Mann an der Interpol-Spitze die Bekämpfung des Terrorismus. Zurzeit heisst das vor allem, sich vorzubereiten auf die Rückkehr Tausender kriegserprobter Dschihadisten aus dem Nahen Osten.

Schwerpunkt Internetkriminalität

Ebenso zentral sei der Kampf gegen die Cyberkriminalität. Zumal sie inzwischen weltweit zu einem mehrere hundert Milliarden schweren Geschäft geworden ist. «Das sind Dimensionen, die längst mit dem internationalen Drogenhandel vergleichbar sind», sagt Stock. Mit Cyberkriminalität liesse sich zudem einfacher Geld verdienen, weil das Entdeckungsrisiko geringer sei.

Doch auch altbekannten Formen des internationalen Verbrechens wird sich Jürgen Stock widmen müssen. Wie er neulich am eigenen Leib erfuhr, sind auch sie längst nicht besiegt: Sein Peugeot wurde nämlich aufgebrochen, das Navigationsgerät geklaut – und später in Osteuropa gefunden. Entwendet hatten es grenzüberschreitend aktive Serientäter.