Wer will für 35 Franken pro Monat arbeiten?

Seit Tagen kommt es in Bangladesch zu massiven Protesten für einen höheren Mindestlohn. Dabei kam es auch zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, zahlreiche Fabriken gingen in Flammen auf.

Frauen mit farbigen Kopftüchern hören sich aufmerksam eine Rede an.

Bildlegende: Textilarbeiterinnen protestieren für mehr Lohn. Reuters

Die Bilder der eingestürzten Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch sind noch immer präsent: In den Trümmern starben im April 1100 Arbeiterinnen und Arbeiter. Schon damals kam es zu Grossdemonstrationen – und jetzt demonstrieren die Textilarbeiter wieder zu Zehntausenden. Sie verlangen einen höheren Mindestlohn.

Bei den Protesten kam es in den vergangenen Tagen immer wieder zu Zusammenstössen mit der Polizei. Dabei wurden laut Polizeiangaben mindestens 50 Menschen verletzt. Die Demonstrierenden warfen auch Steine gegen Fabriken und setzten mehrere Produktionsstätten in Brand. Landesweit wurden rund 300 Fabriken vorübergehend geschlossen, die Kleidung für westliche Konzerne produzieren.

Verdreifachung des Mindestlohns gefordert

Der Mindestlohn in Bangladesch liegt seit 2010 bei 3000 Taka, das sind rund 35 Franken im Monat. Die Arbeiter fordern nun 96 Franken, also beinahe dreimal soviel. Dies sei eine unmögliche Forderung, sagen die Fabrikbesitzer. Sie wollen den Lohn lediglich um 20 Prozent, also um 7 Franken pro Monat, erhöhen. Nun soll eine Regierungskommission bis Ende Monat entscheiden.


«Die ausländische Kundschaft muss mehr bezahlen»

2:40 min, aus SRF 4 News aktuell vom 24.09.2013

Dass sich die Regierung überhaupt um den Mindestlohn kümmert, sei ein positives Zeichen, sagt Professor Mustafizur Rahman. Er ist Direktor des Analyseinstituts Center for Policy Dialogue in Dhaka. Dass sie den Forderungen der Arbeiter nachkommt, glaubt er jedoch nicht. Er sagt: «Die Unternehmer haben eine starke Lobby. Im Parlament besetzen sie zehn Prozent aller Sitze.» Zudem unterstützten sie Regierung und Politiker finanziell.

Bald sollen in Bangladesch Wahlen stattfinden – da brauchen viele Politiker genau diese finanzielle Unterstützung. Zudem hängt die Wirtschaft am Tropf der Textilindustrie. In landesweit rund 4500 Fabriken werden 80 Prozent aller Exportgüter produziert.

Kunden im Westen müssen mehr zu zahlen bereit sein

Proteste und Lohnforderungen gehören in Bangladesch zum Alltag. Doch nach dem Einsturz der Fabrik im April sind sie häufiger und heftiger geworden. Damals versprachen sowohl Fabrikbesitzer als auch westliche Auftraggeber bessere Arbeitsbedingungen und mehr Sicherheit für die Arbeiter.

Zwar gebe es in diesem Bereich tatsächlich Verbesserungen, sagt Rahman. Doch sie kämen nur langsam voran. «Gebäude werden jetzt besser kontrolliert, Notausgänge wurden geschaffen und die Arbeitsgesetze wurden überarbeitet.» Zumindest sei das Bewusstsein für die Probleme der Textilarbeiterinnen und -arbeiter sowohl bei den Fabrikbesitzern als auch bei den Kleiderkäufern im Westen gestiegen.

Doch um die Probleme rund um den Mindestlohn zu lösen, braucht es nach Meinung des Textilexperten Rahman vor allem eines: Die ausländische Kundschaft muss mehr für die Ware bezahlen.

Forderung durchaus gerechtfertigt

Dies betont auch Christa Luginbühl von der Entwicklungsorganisation Erklärung von Bern: Es sei wichtig, dass die Konsumenten im Westen den Firmen immer wieder sagen würden, dass sie Kleider möchten, die unter anständigen Bedingungen und für faire Löhne hergestellt wurden.

In Bezug auf Bangladesch gibt Luginbühl ausserdem zu bedenken, dass ein dortiger Haushalt von den derzeit umgerechnet 35 Franken pro Monat eines Textilarbeiters keinesfalls über die Runden komme. Inflation und steigende Preise für Nahrungsmittel führten dazu, dass dazu mindestens fünf bis sechsmal mehr Geld nötig sei. Insofern sei die Forderung nach einer Verdreifachung des Mindestlohnes durchaus gerechtfertigt.