«Westen versteht Russland nicht»

Der Westen ist brüskiert über die russische «Propagandamaschinerie»: Sie verzerre im Ukraine-Konflikt die Fakten, indoktriniere ihr Volk. Der kremlnahe Journalist Wladimir Kondratjew kehrt die Perspektive um – und wirft dem Westen Unkenntnis und einseitige Berichterstattung vor.

Ein Soldat, im Hintergrund die Mauern des Kremls und eine Kundgebung zum Jahrestag der Heimholung der Krim

Bildlegende: Opfer der Propaganda oder aufgeklärte Bürger? Zehntausende Russen feierten jüngst den Anschluss der Krim. Keystone

SRF News: Was stört Sie an der westlichen Berichterstattung über den Krieg in der Ostukraine?

Wladimir Kondratjew: Man versteht die Politik unserer Regierung, unserer Staatsmacht, nicht. Auch das Problem der Ostukraine, ja des ganzen Landes, wird missverstanden. Die Krim war immer ein russisches Territorium. Diesen Teil des Landes Anfang der 1950er-Jahre an die Ukraine zu geben, war ein voluntaristischer Akt von Chruschtschow. Die russischen Menschen sind aber geblieben. Niemand glaubte damals, dass sich die Sowjetunion aufspalten könnte. Der Westen versteht nicht, wie stark dieses Problem in der Ukraine ist: Der russische Teil der Bevölkerung wird «ukrainisiert». Menschen, die immer russisch gesprochen haben, die russische Traditionen haben, sollen nun plötzlich umstellen.

Gegen die Annexion der Krim spricht das völkerrechtliche Argument. Es gibt das Budapester Memorandum von 1994, in dem Russland die territoriale Integrität der Ukraine garantiert.

Wenn wir über Einhaltung internationaler Verträge sprechen, sollten wir nicht vergessen, wie sich die ukrainische Regierung und die westlichen Mächte im Februar vergangenen Jahres verhalten haben. Am 21. des Monats unterzeichneten Vertreter von Frankreich, Deutschland und Polen die Vereinbarung über die Beilegung der Krise in der Ukraine. Es war auch ein Vertreter Russlands an diesem Tisch. Man hätte nur ein paar Monate zu warten brauchen: Janukowitsch hätte auf rechtlichem Weg abgelöst werden können. Doch bereits am nachfolgenden Tag wurde dieser Vertrag verletzt. Putin wurde betrogen.

Putin hat auch gelogen. Zum Beispiel als er am 4. März 2014 sagte, die «grünen Männchen» auf der Krim seien keine russischen Soldaten. Am 17. April 2014 sagte er im direkten Draht: «Wie ich schon immer sagte, das waren Russen.» Für einen westlichen Politiker wäre das ein absolutes ‹No-Go›.

Nach dem Vertrag zwischen der damaligen Ukraine, als noch Janukowitsch an der Macht war, und Russland hätte die russische Flotte bis in die 2040er-Jahre dort stationiert bleiben können. Allerdings nicht mit mehr als 20'000 Militärangehörigen. Und Putin sagt jetzt, dass eben diese Zahl durch die Stationierung russischer Spezialeinheiten nicht erhöht wurde.

Wenn man unserem Gespräch zuhört, hat man das Gefühl, dass es auf medialer Front schon einen heissen Krieg zwischen West und Ost gibt. Glauben Sie, dass dieser auch ganz real wird zwischen der Nato, dem Westen und Russland?

Die Situation ist viel schlimmer als noch vor einem Jahr. Doch ich bin optimistisch, dass sich die Lage früher oder später wieder beruhigt und das vormalige Verhältnis wieder hergestellt werden kann. Ich habe aber den Eindruck, dass die Ukraine alles Erdenkliche tut, um das zu verhindern.

Witkor Janukowitsch verhandelt mit westlichen Aussenministern über einen Weg aus der Ukraine-Krise, 20. Februar 2014

Bildlegende: Noch am Verhandlungstisch, bald schon im russischen Exil: Wiktor Janukowitsch im Februar 2014. Keystone

Gegenseitiges Verständnis setzt voraus, dass man miteinander redet – wie wir es gerade tun. Lassen Sie bei NTW auch westliche Journalisten zu Wort kommen, damit die Russen das auch hören?

Egal was im Westen über unseren Sender gesagt wird: Viele Politiker, Journalisten, Politologen haben die Möglichkeit, ihre Meinung frei darzulegen. In den Nachrichten sehen wir jeden Tag entgegengesetzte Meinungen, die den ukrainischen und russischen Standpunkt vertreten.

Sie sagen: Erstens verstehen die westlichen Medien das Problem nicht, zweitens berichten sie einseitig. Dagegen berichten die russischen Medien ausgewogen.

Das habe ich nicht derart generell behauptet. Die Mehrheit der westlichen Medien berichtet im Sinne der ukrainischen Position. Natürlich haben andererseits die russischen Medien mehr Sympathien für die ostukrainische Bevölkerung und Aufständischen...

...wie sollen sich die Ukraine und Russland versöhnen, wenn die Ukraine pauschal Faschisten sind?

Man spricht nicht ausschliesslich von Faschisten. Man spricht über die Politik, das Problem in der Ostukraine militärisch lösen zu wollen – das ist unerhört. Die Vereinbarungen von Minsk müssen erfüllt werden, damit sich die Lage beruhigt und der Krieg beendet wird.


«Die Krim war immer russisch»

6:26 min, aus Echo der Zeit vom 27.03.2015

Wann ist der Krieg zu Ende?

Wollen Sie das genaue Datum von mir hören?

Das Jahr.

Ich glaube Ende dieses Jahres.

Das Gespräch führte Peter Voegeli.

Zur Person

Der Journalist Wladimir Kondratjew arbeitete in den 80er-Jahren für das sowjetische Fernsehen in Bonn. Heute leitet er die Nachrichtenredaktion des regierungsnahen russischen Senders NTW.

Moskau «verschenkt» die Krim

Moskau «verschenkt» die Krim

Nachdem Nikita Chruschtschow sowjetischer Parteichef geworden war, wurde die Krim 1954 an die «Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik» angegliedert. Anlass war das 300-jährige Jubiläum des Vertrags von Perejaslaw von 1654, in dessen Rahmen sich der von Polen bedrängte ukrainische Kosakenstaat dem Schutz des russischen Zaren unterstellt hatte.