WHO fordert mehr Einsatz zur Verhinderung von Selbstmorden

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) präsentierte in Genf ihren ersten globalen Bericht zur Suizidprävention. Dabei richtete sie einen eindringlichen Appell an die Mitgliedstaaten. Viele Suizide seien «vermeidbar», das Thema werde in vielen Ländern tabuisiert.

Ein Mann sitzt angelehnt an ein Gemäuer

Bildlegende: Alarmierende Zahlen: Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei 14 bis 29-Jährigen. Colourbox

Alle 40 Sekunden nimmt sich ein Mensch das Leben. Weltweit sind es jedes Jahr 800'000. Suizide sind im globalen Durchschnitt die Ursache bei 50 Prozent aller gewaltsamen Todesfälle von Männern, bei Frauen sogar bei 71 Prozent. Bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren ist Suizid die zweithäufigste Todesursache.

«Eine vermeidbare Tragödie»

«Jeder einzelne Fall ist eine Tragödie – eine vermeidbare Tragödie», sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan bei der Präsentation des ersten globalen Berichts zum Phänomen. Leider gebe es aber bislang erst 28 nationale Programme zur Suizidprävention. Aktiv ist auch die Schweiz, wo 2012 gemäss offiziellen Zahlen 972 Menschen Suizid verübten.

Chan fordert ein stärkeres staatliches Engagement zur Suizidprävention: Alle 194 Mitgliedstaaten der WHO hätten im letzten Jahr einem Aktionsplan zugestimmt. Dem Thema müsse endlich mehr Priorität in der nationalen Gesundheitspolitik eingeräumt werden.

«  Jeder einzelne Fall ist eine Tragödie – eine vermeidbare Tragödie »

Margaret Chan
WHO-Generaldirektorin

Viele Suizide kommen mit Ankündigung

Als globale Risikofaktoren für Selbsttötungen nennt die WHO Alkoholsucht, psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen, aber auch Gewalterfahrungen wie sexueller Missbrauch. Viele der Suizide kommen dabei mit Ankündigung – die Zahl der Selbstmordversuche sei weltweit 20 Mal höher als diejenige der vollzogenen Selbsttötungen.

Angehörige, aber auch die medizinische Versorgung müssten die Signale besser wahrnehmen. Gesellschaftlich wie von behördlicher Seite sei in vielen Ländern eine Enttabuisierung des Themas nötig.

Auch die Verfügbarkeit tödlicher Waffen spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit wenigen Ausnahmen (z.B. China) weisen Männer eine deutlich höhere Suizidrate auf – und greifen bei der Selbsttötung zu drastischeren – und «erfolgreicheren» – Mitteln.

Häufung bei Jugendlichen aus Armutsregionen

Die WHO spricht dabei von einem globalen Phänomen: Entgegen der verbreiteten Vorstellung passierten 75% der Selbsttötungen in Ländern mit vergleichsweise niedrigen bis mittleren Einkommen. Hier sind jüngere Menschen deutlich stärker betroffen als ihre Gegenüber in reicheren Ländern.

Die höchsten Suizidraten finden sich im südostasiatischen Raum, wo sich durchschnittlich 17,7 auf 100'000 Einwohner das Leben nehmen. Schlusslicht ist Saudi-Arabien (0,4), die höchste Suizidrate weist Guyana (44,2) aus -– gefolgt von Nordkorea (38,5).

Uneinheitliches Bild in Europa

Auch Europa (12) liegt über dem weltweiten Durchschnitt von 11,4. Sechs europäische Länder figurieren unter den 20 global meist betroffenen, darunter die ehemaligen Ostblock-Staaten Litauen, Weissrussland, Lettland und Ungarn.

«Schlusslicht» sind dabei die katholisch geprägten Länder Italien (4,7) und Spanien (5,1). In der Schweiz liegt die Suizidrate mit (9,2) leicht unter dem Durchschnitt.

Suizidrate nach Ländern (Auswahl)

Der Schweizer Aktionsplan

In der Schweiz sind Bund und Kantone im Rahmen des «Dialogs Nationale Gesundheitspolitik» daran, einen Aktionsplan zur Suizidprävention zu erarbeiten, wie das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) mitteilte. Dieser werde zusammen mit der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz und weiteren Akteuren erstellt und solle im Frühjahr 2016 vorliegen.