Wie konnte sich der IWF bei Griechenland so irren?

Griechenland ächzt trotz Milliardenhilfe weiter unter der Krise. Nun räumt der IWF erstmals Fehlprognosen ein. Für den IWF-kritischen Ökonomen Kunibert Raffer an der Uni Wien ist klar: Die Troika hat mit dem Verzicht auf den sofortigen Schuldenschnitt und zu harten Auflagen die Lage nur verschärft.

EU-Flagge und griechische Flagge über der Akropolis.

Bildlegende: Mit falschen IWF-Prognosen tiefer in die Krise. Der Währungsfonds stellt Fehler fest. Keystone

Der IWF nimmt sich selbst hart ins Gericht: Bei der ersten Rettungsaktion für Griechenland vor drei Jahren seien «beträchtliche Misserfolge» gemacht worden. Der Währungsfonds habe die künftige Wirtschaftsentwicklung viel zu optimistisch eingeschätzt, schreiben die Ökonomen in ihrer 51-seitigen Analyse. Schon für 2012 hatte der IWF damals wieder Wirtschaftswachstum erwartet.

Tatsächlich steckt das Land seit fünf Jahren in der Rezession. Der IWF gibt sich eine Mitschuld daran: Aufgrund der falschen Wachstumsprognose habe man den Griechen ein zu hartes Sparprogramm verordnet.

Zu grosser Aderlass - Patient tot

Dabei sei die Folge absehbar gewesen, sagt der IWF-kritische Volkswirtschaftler Kunibert Raffer von der Universität Wien gegenüber SRF: «Wenn sie zu viel aderlassen, dann ist der Patient halt tot.» Die IWF-Prognosen seien schon immer zu optimistisch gewesen,. Raffer erinnert an 1982, als die grosse Schuldenkrise in Lateinamerika ausbrach. Den «Over Optimism» - gebe die Organisation ja auch selbst zu.

Raffer teilt auch die weitere Fehleranalyse des IWF, wonach Griechenland 2010 nach den strengen Kriterien des Währungsfonds gar nicht kreditwürdig gewesen war. Aber der IWF habe die eigenen Regeln über Bord geworfen und sich  trotzdem am ersten internationalen Notkredit von 110 Milliarden Euro mit 30 Milliarden beteiligt. Einen so hohen Kredit hatte vorher kein IWF-Land erhalten.

EU-Staaten machten Druck

Trotzdem bezeichnen die IWF-Oekonomen dieses erste Rettungspaket auch im Nachhinein noch als angemessen und erforderlich. Schliesslich sei es gelungen, Griechenland damit in der Euro-Zone zu halten. Und eine Ansteckung auf andere Euro-Länder zu verhindern. Was denn auch sonst, meint Raffer: Den Irrtum zugeben, wäre wohl ein sehr grosser Opfer. Nicht zu unterschätzen sei allerdings, dass der IWF unter einem enormen Druck seiner grossen Aktionäre – der EU-Staaten – gestanden habe.

Griechenland sei also ein gutes Beispiel dafür, wie eine offizielle Intervention zur Verschlimmerung der Lage beigetragen habe, so Raffer. Die Schulden hätten 2010 Krisenbeginn ungefähr 120 Prozent Schulden gemessen zum Bruttoinlandprodukt betragen. Heute stünden sie nach Schätzungen des Währungsfonds bei über 180 Prozent: «Und das ist nur dadurch zustande gekommen, dass die Troika sehr viel nach Griechenland ausgezahlt hat.»

Zu lange zugewartet

Und er folgert: «Hätte man damals sofort, wie es einige Leute aus dem Finanzsektor und dem akademischen Bereich angeraten haben, sofort einen Schuldenschnitt etwa von 50 Prozent gemacht, dann hätte Griechenland 60 Prozent Schulden zum BIP gehabt, das Maastricht-Kriterium erfüllt und die Krise wäre vorbeigewesen.»

EU-Kommission distanziert sich

Die EU distanziert sich in deutlichen Worten von dem internen Griechenland-Bericht des IWF. «Die EU-Kommission ist mit einigen Schlussfolgerungen nicht einverstanden», sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn am Donnerstag in Brüssel. 

Es handle sich um ein Papier, das nicht die offizielle Haltung
des Weltwährungsfonds widerspiegele. Die Behauptung, es sei für
wachstumsfördernde Reformen in Griechenland nicht genug getan
worden, sei «schlichtweg falsch und unbegründet», so der Sprecher.