Wie Martin Luther King ohne Gewalt Gewalt provozierte

Sie waren gewaltlos, voller Symbolkraft und berechnend: die Proteste der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Und gerade deshalb kamen sie nicht ohne drastische Mittel aus. Ein Experte klärt auf.

«I have a dream» («Ich habe einen Traum»). Mit diesen Worten ging Martin Luther King in die Geschichte ein. Seine Rede am 28. August 1963 in Washington zählt zu den meistzitierten der Bürgerrechtsgeschichte. Und sie ist viel mehr als nur eine rhetorische Meisterleistung. Sie bildete den Höhepunkt einer Bewegung, die die Aufhebung der Rassentrennung in den USA zum Ziel hatte. Einer Bewegung, die durch eines auffiel: die Tatsache, dass sie friedlich war und gerade dadurch Gewalt provozierte.

SRF News Online: Die Bürgerrechtsbewegung wählte die Strategie des zivilen Ungehorsams, des gewaltlosen Widerstands. Welche Formen des Protests kannte sie?

Manfred Berg: Zum einen gab es Boykotte. Wie den Busboykott von Montgomery 1955, als die Afro-Amerikanerin Rosa Parks sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weissen zu räumen. Es gab Sit-ins, ebenfalls eine bewusste Übertretung der Rassentrennungsgesetze. Und man führte Massendemonstrationen durch.

Welchen Zweck verfolgten diese Formen des Protests?

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Amerikaner erinnern an den «Marsch auf Washington»

1:20 min, vom 24.8.2013

Dahinter stand politisches Kalkül. Man brach formal Gesetze und erwartete, dafür verhaftet, bestraft oder gar misshandelt zu werden. Die Bürgerrechtler waren bereit, sich verprügeln zu lassen, ohne selbst gewalttätig zu werden. Auf dramatische Weise wollten sie damit den Kontrast zwischen der moralisch überlegenen Position der Bürgerrechtsbewegung auf der einen Seite und den gewalttätigen Rassisten auf der anderen Seite verdeutlichen.

Beispielhaft ist der Marsch von Birmingham, Alabama, im Frühjahr 1963, der in heftiger Gewalt endete. Die Organisatoren griffen zu drastischen Mitteln und liessen Jugendliche in die Schusslinie geraten. Weshalb?

Das war eine ganz bewusste Entscheidung, um in der Auseinandersetzung mit den Rassisten des Südens die Bundesregierung zum Handeln zu zwingen. Der Marsch zielte darauf ab, eine gewalttätige Reaktion der Polizeikräfte zu provozieren. Auch Birmingham als Austragungsort war ein bewusst gefällter Entscheid. King traute dem dortigen Polizeichef zu, wütend und masslos auf den Protest zu reagieren. Das Kalkül ging auf, löste aber auch heftige Kritik aus.

Beim Marsch auf Washington nahmen 250'000 Menschen teil – Weisse wie Schwarze. Der Marsch endete ohne jegliche Gewalt seitens der Polizei. Was war anders als in Birmingham?

Der Marsch auf Washington hatte ein anderes Ziel. Es ging in erster Linie um eine Demonstration der numerischen Stärke der Bewegung. Sie sollte zeigen, dass die Teilnehmer die eigentlichen Repräsentanten Amerikas sind.

Auf den Bildern zum Marsch auf Washington und in anderen Städten fällt auf, wie gut angezogen die Teilnehmer waren. Zufall oder Berechnung?

Auch das war ein bewusster Entscheid seitens der Organisatoren. Sie verfassten Verhaltensregeln für die Märsche, um der Öffentlichkeit klar zu machen: Es ist kein randalierender Mob, sondern es sind aufstrebende, anständige und loyale amerikanische Bürger, die ihre Rechte einfordern.

Was ist von den Protestmärschen von damals übrig geblieben?

Die USA sind heute eine postrassistische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der zwar der institutionalisierte Rassismus abgeschafft wurde, sein Erbe aber nachwirkt. Trotzdem: Dass heute ein Afroamerikaner Präsident ist, signalisiert einen fundamentalen Wandel. Die oft zu hörende Vorstellung, es habe sich eigentlich nichts verändert, ist falsch und alarmistisch.

Ökonomisch zeigt sich ein zwiespältiges Bild: Einerseits haben die Afroamerikaner im Vergleich zu den 1960er-Jahren deutlich aufgeholt. Es existiert eine solide schwarze Mittelklasse und immer mehr steigen in die Klasse der Hyperreichen auf. Andererseits stehen Schwarze als soziale Gruppe bei allen wirtschaftlichen Indikatoren am unteren Ende der sozialen Leiter. Ob das Ausdruck eines andauernden Rassismus ist, ist umstritten. Viele Ökonomen aber sehen die seit 1980 stark gewachsene soziale Ungleichheit in den USA als Hauptgrund dafür, dass sich historische Nachteile wieder verfestigen.

Zur Person

Manfred Berg ist Professor für Amerikanische Geschichte am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Er hat sich eingehend mit der Bürgerrechtsbewegung der USA beschäftigt.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • 50. Jahrestag der «I have a dream»-Rede

    Aus 10vor10 vom 28.8.2013

    Heute vor 50 Jahren hielt Martin Luther King seine legendäre «I have a dream»-Rede. Die Worte blieben im historischen Gedächtnis der USA und der Welt haften. Doch Martin Luther King hat an jenem Mittwoch in Washington noch mehr gesagt. «10vor10» zeigt, was hinter seinen Worten stand und was daraus wurde.