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International Wie Russland aus Frauenrechtlerinnen Spione macht

Der Krieg in Tschetschenien ist längst vorbei, doch es gibt wieder vermehrt Gewalt gegen Frauen. Die südrussische Menschenrechtsorganisation «Frauen aus Don» hat diese Entwicklung publik gemacht. Nun sind die Don-Frauen von einem Gericht als ausländische Spione eingestuft worden.

Tschetschenische Frauen mit Kopftüchern.
Legende: In Tschetschenien werden Frauen wieder vermehrt Opfer von Gewalt. Keystone

Valentina Tscherevatenko weiss über die Kriegsgräuel und Verbrechen an der tschetschenischen Bevölkerung Bescheid. Seit 21 Jahren engagiert sich die Mitgründerin der Don-Frauen dafür, dass das Verschwinden, Foltern, Vergewaltigen und Ermorden von Frauen dokumentiert und aufgeklärt wird.

Doch jetzt, wo der Krieg vorbei ist, stellt sie fest: Die Lage für die Frauen im Nordkaukasus, vor allem Tschetschenien und Dagestan, ist keineswegs besser geworden. «Der religiöse Fundamentalismus wird im ganzen Land stärker – bei den Muslimen und den orthodoxen Christen. Das hat Folgen: Kleider- und Verhaltensregeln für Frauen versucht man jetzt mit Gewalt durchzusetzen. Junge Männer in Gruppen beschimpfen Frauen, wenn sie nicht angemessen gekleidet sind. Angemessen heisst: Kopftuch, bedeckte Armen und knöchellange Röcke.»

Ehrenmorde häufen sich wieder

Immer häufiger tauchten auf Facebook und im Internet Videos auf: von jungen Mädchen, die kahl geschoren werden, weil sie das Kopftuch nicht richtig trugen.

Präsident Ramsan Kadyrow, der die Republik nach eigenem Gutdünken wie ein Lokalfürst regiert, heisst das gut. In Tschetschenien gilt zwar eigentlich die russische Verfassung, in der etwa Ehrenmorde verboten sind. Aber Kadyrow propagiert daneben auch mittelalterliches Gewohnheitsrecht, den Adat. Es erlaubt die Ermordung der Beschuldigten, damit die Familienehre wieder hergestellt ist.

Jetzt häuften sich solche Morde wieder, sagt Frauenrechtlerin Tscherevatenko und berichtet über ihren jüngsten Fall: Ein Ehemann behauptete, seine Frau sei nicht von ihm schwanger. Die Frau stritt dies ab. Aber statt dies medizinisch untersuchen zu lassen, wurde die Frau des Hauses verwiesen. Die eigenen Eltern willigten ein, sie zu verstecken und nach der Geburt des Kindes umzubringen. In diesem Fall gelang es der Frau, ins Ausland zu fliehen. Das ist aber eine Seltenheit. Das traditionelle Recht flammt wieder auf, bei dem die Behauptung des Mannes genügt, ohne dass er Beweise braucht.

Verrohung der Jugend als Hauptgrund

Die Gründe für die Häufung solcher Ehrenmorde mag Valentina Tscherevatenko nicht nur mit alten Familien- und Clanrechten erklären. Sie spricht von den Folgen der beiden Tschetschenienkriege. «In Kriegszeiten ist das Bildungsniveau massiv gesunken. Das hat zu einem Wertezerfall, zu einer Verrohung der jüngeren Generation geführt. Die Jungen haben wenig Perspektiven hier, sind nihilistisch, ohne Glauben an eine Zukunft, und ohne Erinnerung an eine Vergangenheit, wo es noch soziale Sicherheit gab. Das war bei den Eltern, die zu Sowjetzeiten aufgewachsen sind, noch anders.»

Brautraub geht wegen hohen Bussen zurück

Nicht alle gesellschaftlichen Bereiche haben sich im Kaukasus negativ entwickelt. Der Brautraub zum Beispiel – ein Phänomen, das in kaukasischen Gesellschaften lange populär war – geht seit ein paar Jahren kontinuierlich zurück.

Brautraub war nach dem Krieg so populär, dass Eltern Angst hatten, ihre Töchter in die Schule zu schicken. Die Männer wollten Frauen, nicht zur zum Heiraten. Und Eltern, die ihren jugendlichen Kindern ein gute Ausbildung bieten wollten, mussten sie bis vor das Schulzimmer begleiten – bis UNO-Sonderkommission und Menschenrechtler intervenierten.

Mit Erfolg: Die russische Regierung pochte beim tschetschenischen Präsidenten darauf, dass in Tschetschenien der Brautraub unter Strafe gestellt wird. Bis zu einer Million Rubel müssen Brauträuber dem Vater der geraubten Frau zahlen, wenn es denn publik wird.

Don-Frauen als ausländische Spione bezeichnet

So sehr sich Valentina Tscherevatenkao über vorläufige Erfolge freut: Die Arbeit der Menschenrechtlerinnen wird nicht leichter. Menschenrechtsorganisationen, die wie die Don-Frauen aufklären und den Frauen Rechtsbeistand bieten, sind den Behörden verhasst.

Das russische Justizministerium hat sie und fünf weitere Menschenrechtsorganisationen verpflichtet, sich als ausländische Agenten registrieren zu lassen. Hintergrund ist ein Gesetz, wonach sich alle Nichtregierungsorganisationen (NGO), die Geld aus dem Ausland erhalten, selbst als «ausländische Agenten» bezeichnen müssen.

«Wir glaubten in unserer Naivität, dass wir ja keine politische Tätigkeit ausüben, und darum bewarben wir uns bei verschiedensten Stiftungen. Wir nahmen an Ausschreibungen teil und konnten so unsere Projekte finanzieren», erzählt Tscherevatenkao.

Noch haben die Don-Frauen das Verdikt nicht akzeptiert und dagegen geklagt, sich selbst als ausländische Agenten brandmarken zu müssen. Denn in kaukasischen Regionen würde ein solches Etikett die Arbeit der Organisation schlicht unmöglich machen. Eine Arbeit, die aber sonst keiner mehr machen würde – weder der russische Staat noch die tschetschenischen Behörden.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Eddy Dreier, Burgdorf
    Seit Russland interveniert, hat sich in der Region schon einiges gebessert. Und das nun die Russlandhasser wegen eines Übersetzungsfehlers (Agent != Spion) aus allen Rohren schiessen, macht sie ja nur lächerlich.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Hallo, wo bleiben denn nur die Proteste der Russland-Fraktion, die in anderen Blogs keine Mühe scheuen, um gegen die "Putschisten" und "Faschisten" in der Ukraine anzuschreiben? Auch DAS ist ein Problem, das wieder aufgekommen ist, seitdem in Tschetschenien der Putin-Statthalter Kadyrow die Macht übernommen hat.
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    1. Antwort von W. Helfer, Zürich
      J. Stump. Was wollen Sie jetzt genau sagen? Dass wir jetzt glauben müssen, dass RU Frauenrechtlerinnen angeblich als Spione einstuft u jetzt RU deshalb für etwas hassen müssen, was gar nicht stimmt? Ehrenmorde, Misshandlungen, od. Kriegsverbrechen sind allgemein zu verurteilen. Und die von Ihnen sogenannte "Russland-Fraktion" tut das auch und können auch gut differenzieren! Die Anti-RU-Fraktion scheint das aber offensichtlich nicht so gut zu können.
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    2. Antwort von A. Stahel, 8000 Zürich
      @Helfer: Für manche Menschen gibt es halt nach wie vor ausschliesslich Schwarz und Weiss. Kalter Krieg, hurra.. - Frei nach Pispers: "Es geht nichts über ein einfaches Weltbild. Wenn man weiss, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur!"
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    3. Antwort von Juha, Zürich
      @A. Stahel: Wie Recht Sie doch haben! Wer nicht Ihre Meinung und die von W. Helfer teilt, kann natürlich nur ein kalter Krieger sein. Wie ich es schon in einem anderen Blog geschrieben habe, ist die Rückkehr zum Kalten Krieg nicht vom Westen ausgegangen, sondern von Russland. Das hat überhaupt nichts mit Russenphobie zu tun, wie mir das verschiedene schon untergeschoben haben, sondern ist eine nüchterne Feststellung von Tatsachen. Auch die oben erwähnten Frauen müssen dafür büssen.
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    4. Antwort von A. Stahel, 8000 Zürich
      Stimmt, der böse Russe hat mit einer unglaublichen Aggression auf der Krim eingegriffen und dabei aus allen Rohren gefeuert. Und auch in der Ostukraine ist er wie die ein Wilder eingefallen und ist die Bevölkerung niedertrampelnd durch die Strassen gezogen. Und das Ganze provoziert hat von Anfang an auch nur er. Völlig klar. - Im Kalten Krieg stecken sie auf Grund ihrer eigenen Denkweise fest, nicht weil sie meine nicht teilen. Auch hier wieder, es gibt mehr als nur schwarz und weiss...
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  • Kommentar von peter müller, zuerich
    Offensichtlich hat man bei SRF immer noch kein Englischwörterbuch. Ein Agent ist kein Spion. Nur ein Secret Agent wird als Spion bezeichnet. Ein Agent ist ein Stellvertreter üblicherweise einer Organisation. z.B WWF Russland v. WWF International was im Russischen NGO Gesetz absolut korrekt ist. Ebenfalls korrekt sind Jahreberichte vorzulegen und der Empfang von Geldwerten von Internationalen Organisationen ist extrem sorgfältig anzugehen. Naivität schütz nicht vor Strafe.
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