Flüchtlingselend in Libyen «Wie Waren im Warenlager»

Geschichten über die Zustände in Libyens Gefangenenlagern gibt es viele. Aber nur die wenigsten wissen, was sich dort wirklich abspielt. Eine von ihnen ist Annemarie Loof.

  • In den letzten Jahren haben hunderttausende Migranten und Flüchtlinge von Libyen aus den Weg über das Mittelmeer in Richtung Europa auf sich genommen.
  • Sie verbrachten Wochen, teils Monate unter menschenunwürdigen Zuständen im Land. Ausserhalb von Libyen wissen die wenigsten, was sich genau abspielt.
  • Eine der wenigen internationalen Hilfsorganisationen, welche in Libyen präsent ist, ist Médecins Sans Frontières. Einsatzleiterin Annemarie Loof war kürzlich selbst dort.

Annemarie Loof sagt gleich zu Beginn, worum es in Libyen geht: «Die Migranten sind das grosse Geschäft – viele versuchen, deren Situation auszunutzen und so Geld zu verdienen.» Médecins Sans Frontières, für die auch Loof arbeitet, ist seit einigen Jahren mit Rettungsschiffen vor der Küste Libyens unterwegs. Deren Helfer haben so unzählige Menschen gerettet, die mit seeuntüchtigen Boten nach Europa wollen.

Bei solchen Einsätzen hätten sie auch erfahren, was dieses grosse Geschäft für die Migranten bedeute, erzählt Loof: «Während wir die Menschen in einen sicheren Hafen bringen, sprechen wir auch mit ihnen», erklärt Loof. «Dabei erzählen sie uns immer wieder von Gefangenenlagern in Libyen und wie schrecklich es dort gewesen sei. Also sagten wir uns, wir müssen nach Tripolis gehen und den Gefangenen helfen.»

«  Die Gefangenen werfen ihren Urin in Bechern gegen die Wand, in der Hoffnung, dass er verdampft, weil sie ihn sonst nirgends hinschütten können. »

Annemarie Loof
MSF-Einsatzleiterin

Illegale Migranten sitzen am Hafen von Tripolis, bewacht von der libyschen Marine (Oktober 2016)

Bildlegende: Nach gescheiterter Fahrt nach Europa: Am Hafen von Tripolis werden Migranten gesammelt und dann in ein Lager überführt. Reuters

Médecins Sans Frontières nahm Kontakt mit der Einheitsregierung in Tripolis auf und hat nun seit einem Jahr Zugang zu solchen Gefangenenlagern rund um die libysche Hauptstadt und kann die Inhaftierten medizinisch betreuen: «Viele Migranten und Flüchtlinge werden in Libyen festgenommen und dann eingesperrt», sagt Loof. «Meistens in alten Lagerhallen – ohne Fenster und ohne Ventilation.»

Prekäre Zustände vor Ort selbst gesehen

Loof leitet den Einsatz von Amsterdam aus. Kürzlich reiste sie selbst nach Libyen: «Ich habe gesehen, dass die Wände zum Teil nass sind.» Und sie hat auch mitbekommen, weshalb: «Die Gefangenen werfen ihren Urin in Bechern gegen die Wand, in der Hoffnung, dass er verdampft, weil sie ihn sonst nirgends hinschütten können.»

Die Zustände seien katastrophal, sagt Loof. Hinzu komme, dass die Inhaftierten auch zu wenig zu essen und zu trinken haben. «Viele sind deshalb auch krank.»

Als Sponsoring getarnter Sklavenhandel

Fast am Schlimmsten aber sei, dass die Menschen willkürlich eingesperrt seien: «Das ist schlimmer als in einem Gefängnis.» Jene Insassen wüssten wenigstens, warum und wie lange sie eingesperrt sind. «Die Menschen hier aber wissen nicht, was mit ihnen passiert, wann sie wieder herauskommen. Sie haben keine Rechte und werden gehalten wie Waren in einem Warenlager, bis man sie verkaufen kann.»

Es komme tatsächlich vor, dass sie verkauft würden, erzählt Loof weiter. Libysche Staatsangehörige könnten Inhaftierte sponsern und sie dann mit nach Hause nehmen, werde in Tripolis erzählt. Es gebe aber auch solche, die Glück hätten.

«  Die Menschen hier haben keine Rechte und werden gehalten wie Waren in einem Warenlager. »

Annemarie Loof

Migrantin in einem Gefangenlager bei Tripolis, Aufnahme aus dem Jahr 2012.

Bildlegende: Ein Lager unweit von Tripolis: Es fehlt an allem. Frauen berichten von Schlägen und sexuellen Übergriffen. Keystone/Archiv

Loof hat in einzelnen Lagern auch Mitarbeiter des UNO-Flüchtlingshifswerkes UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration IOM gesehen. Diese versuchen, einen Kontakt zwischen den Inhaftierten und ihren Botschaften herzustellen. So könnten manche die Lager auch verlassen und in ihre Heimatländer zurückfliegen. Doch was passiert mit all den anderen?

Erpressung der Angehörigen am Telefon

«Die bleiben drinnen», so Loof. «Ich nehme an, dass der, der Geld auftreiben kann, sich freikaufen kann. Ich habe das nie gesehen, aber das erzählen uns alle.» In einem Gefangenenlager Geld aufzutreiben, ist schwierig. Und auch darüber weiss Loof Schreckliches zu berichten: «Wir hören Geschichten, dass Inhaftierte gezwungen werden, ihre Familien anzurufen und sie dann am Telefon gefoltert werden.» Dies als Druckmittel, damit die Familien Geld schickten. «Wenn es eintrifft, werden sie freigelassen oder sie können auf ein Boot.»

Migranten decken sich mit Decken zu, nachdem sie bei der Flucht übers Mittelmeer aufgefangen wurden.

Bildlegende: Wer von der libyschen Küstenwache aufgegriffen wird, den erwartet eine ungewisse Zukunft in den Lagern. Keystone

MSF bewegt sich zwar lediglich in der libyschen Hauptstadt und hat nur Zugang zu den dortigen Lagern, aber Loof weiss, dass es auch ausserhalb zahlreiche Lager gibt. Viele nutzten die Situation der Migranten und Flüchtlinge gnadenlos aus; lokale Machthaber und Milizen und in Tripolis sogar die von der UNO anerkannte Einheitsregierung: «Diese betreibt selber Gefangenenlager. Es sind diese, zu welchen wir von Médecins Sans Frontières Zugang haben.»

Brüssel will mit Einheitsregierung kooperieren

Die Einsatzleiterin bestätigt denn auch, dass auch die Einheitsregierung mit den Migranten und Flüchtlingen Geld verdient: «Die Staats- und Regierungschefs der EU haben Anfang dieses Jahres bei einem Sondergipfel entschieden, dass sie die Zusammenarbeit mit genau dieser Einheitsregierung intensivieren wollen.»

«  Libyen ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. »

Annemarie Loof

Ziel sei, die Bedingungen in den Lagern zu verbessern. «Und vor allem wollen die Staats- und Regierungschefs die Küstenwache der Einheitsregierung ausrüsten und ausbilden.» Diese soll die Migranten noch an der Küste abfangen und verhindern, dass sie nach Europa kommen. Für Loof ist das unhaltbar. Die Migranten würden danach oftmals zurück in solche Lager geschickt.

MIgranten in einem Gefangenlager verteilen Essen.

Bildlegende: Ohne Perspektive, gefangen im Bürgerkriegsland: Laut NGOs haben sich mafiöse Organisationen den Migranten «angenommen». Keystone

«Die Situation in Libyen ist so katastrophal, dass Migranten und Flüchtlinge nicht dorthin zurückgeschickt werden dürfen», ist Loof überzeugt. «Libyen ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.» MSF ist gemäss eigenen Angaben die einzige internationale Organisation, welche mit internationaler Crew in Libyen präsent ist. Sie wäre froh, wenn andere folgen würden, denn sie müssten jeden Moment damit rechnen, ihre Arbeit dort abbrechen zu müssen. Deshalb seien sie und ihre Mitarbeiter sehr zurückhaltend mit Interviews.

«  Die Situation in Libyen ist so katastrophal, dass Migranten und Flüchtlinge nicht dorthin zurückgeschickt werden dürfen. »

Annemarie Loof

Loof war kürzlich in Brüssel, um den politisch Verantwortlichen von ihren Erfahrungen zu berichten. Wer Entscheide fälle, müsse die Situation in Libyen kennen, sagt sie. Aber bisher hat sich nichts an der offiziellen EU-Politik geändert.

«International»

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