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Wie weiter in Katalonien? «Den Katalanen fiel die Kinnlade herunter»

Puigdemont hat mit seiner Rede viele Katalanen enttäuscht. Doch er habe kaum anders gekonnt, sagt die Journalistin Julia Macher im Interview.

Frau spricht in ein Mikrofon, sie steht des Nachts auf einer Strasse.
Legende: Julia Macher lebt in Barcelona. Die Journalistin berichtet für verschiedene deutschsprachige Medien aus Spanien. srf

SRF News: Hat Puigdemont mit dem Verzicht auf die sofortige Unabhängigkeit dem grossen Druck von allen Seiten nachgegeben?

Julia Macher: Ihm blieb nicht viel anderes übrig, wenn er Katalonien nicht an den Rand eines Ausnahmezustands bringen will. Auf eine Sezession, wie sie Puigdemont vorschwebt, muss man mental vorbereitet sein. Doch als vor ein paar Tagen einige Banken und Grossunternehmen ankündigten, ihren Sitz verlegen zu wollen, hat das einem Teil der sehr heterogenen Unabhängigkeitsbewegung einen heftigen Dämpfer versetzt. Ihnen war die Reise in eine ungewisse Zukunft dann doch allzu abenteuerlich.

Auch ist Puigdemonts Versuch der letzten Wochen, aus der Katalonien-Frage ein internationales Thema zu schaffen, nicht ganz aufgegangen. Zwar wird überall breit über Katalonien berichtet, doch auf politischer Ebene gibt es bisher keinen Vermittler. Nun unternimmt er einen letzten Versuch in dieser Richtung. Puigdemont sprach in seiner gestrigen Rede fünf Mal von der Internationalen Gemeinschaft – das Wort Unabhängigkeit aber nahm er nicht ein einziges Mal in den Mund.

Menschen jubeln.
Legende: Die Begeisterung vor dem Parlament war gross, als Puigdemont in seiner Rede die Unabhängigkeit forderte. Reuters

Nach seiner Rede unterzeichnete Puigdemont zusammen mit anderen katalanischen Politkern eine Unabhängigkeitserklärung. Darin wird die internationale Staatengemeinschaft aufgerufen, Katalonien als souveräne Republik anzuerkennen. Was soll das, wenn er doch kurz zuvor gesagt hatte, die Unabhängigkeit vorderhand nicht umzusetzen?

Es ist eine Geste der Beschwichtigung an all jene, die über seine Rede traurig, wütend oder enttäuscht waren. Den meist unabhängigkeitsbefürwortenden Zuschauern vor den Grossleinwänden in Barcelona fielen während Puigdemonts Rede buchstäblich die Kinnlade herunter, als er zuerst die Unabhängigkeit ausrief und diese acht Sekunden später wieder suspendierte. Sie brauchen eine Art Beweis, dass es Puigdemont trotzdem ernst ist. Deshalb diese symbolische Erklärung. Ausserdem wollte Puigdemont die kleine linksradikale Partei KUP beruhigen. Sie stützt seine Regierung und möchte den sofortigen Bruch mit Spanien.

Enttäuschte Menschen.
Legende: Doch ebenso gross war die Enttäuschung, als Puigdemont die Unabhängigkeit kurz darauf aussetzte. Reuters

Was wird die spanische Zentralregierung jetzt tun?

Das wird sich zeigen. Premier Mariano Rajoy traf sich gestern schon mit dem Oppositionsführer, heute trifft sich der Ministerrat. Weiterhin im Gespräch sind Massnahmen wie die Aufhebung der katalanischen Autonomie oder Haftstrafen für die Separatistenführer. Allerdings würde dies den Konflikt weiter anheizen, Madrid würde Märtyrer für die Unabhängigkeitsbewegung schaffen. Andererseits kann sich Rajoy nach dem Referendum nur schlecht auf Gespräche einlassen, auch wenn Puigdemont darum bittet. Das würden ihm seine Wähler nicht verzeihen. Einfach warten und vorerst nichts tun ist auch problematisch, weil so der Druck auf Rajoy aus der eigenen Partei weiter zunimmt.

Puigdemont will sich als der Kompromissbereite positionieren – auch gegenüber der spanischen Öffentlichkeit.

Glaubt Puigdemont, er könne mit einem Aufschub der Unabhängigkeit die spanische Zentralregierung zu einem Umdenken bewegen?

Mit seiner Rede am Dienstag ging es Puigdemont eher um die Weltöffentlichkeit als um Rajoy. Tausend Journalisten waren akkreditiert, ein Wald von Kameras war vor dem Parlamentsgebäude aufgebaut. Der katalanische Regierungschef will sich als der Gute, als der Kompromissbereite positionieren – auch gegenüber der spanischen Öffentlichkeit. So hielt er einen Teil der Rede auf Spanisch und wandte sich damit an jene Spanier, die ausserhalb Kataloniens ein «echtes» Unabhängigkeitsreferendum als Ausweg aus der verfahrenen Lage sehen. Allerdings wären Verhandlungen darüber wohl erst mit einer neuen Regierung in Madrid möglich.

Junger Mann mit katalanischer Fahne über den Schultern.
Legende: Die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Vorläufig wird Katalonien nicht unabhängig. Reuters

Was wird Puigdemont jetzt tun?

Er wird vorerst wohl ein paar Tage lang auf eine Reaktion aus Madrid warten und nichts tun. Erst dann wird er reagieren und sich allenfalls vor der Weltöffentlichkeit als der Leidtragende präsentieren, sollte die Reaktion hart ausfallen. Sollte sie sanfter ausfallen, besteht vielleicht doch noch die Chance auf Gespräche.

Der Konflikt ist also bloss aufgeschoben – und er könnte sich auch wieder verschärfen?

Er geht nun in eine neue Runde, so viel ist sicher. Ob es die letzte Runde ist, bleibt aber offen. Spätestens in vier Wochen kommt das Thema wieder auf den Tisch, denn dann läuft die Frist ab, die sich die katalanische Regierung selber für Verhandlungen mit Spanien gesetzt hat.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Willy Gruen (wgruen)
    Deutschland hat seinen Freistaat Bayern wie Spanien seine autonomen Katalanen oder Belgien seine Flamen und Wallonen. Das sind alles Inlandsangelegenheiten, die der EU nicht die geringste Sorge bereiten, weil alle Europäer auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, nämlich Frieden zu sichern und bessere Lebensbedingungen für Alle zu schaffen. Katalonien ist eine spanische Angelegenheit. Das sollte auch Puigdemont begreifen.
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  • Kommentar von M. Berger (Mila)
    Auch wenn Rajoy, der derz. Ministerpräsident von Spanien nicht mein Wunschpolitiker ist, finde ich doch klug, dass er und seine Regierung bisher keine übereilte Aktion ausgelöst haben und ich hoffe, im Interesse Aller, dass der Artikel 155 nicht angewandt wird. Die einzige, für Alle einigermassen akzeptable Lösung wären wohl Reformen der katalanischen Autonomie, eine legale Abstimmung und Neubestellung der katalanischen Regierung. und eine weitere Abstimmung über die spanische Zentralregierung.
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  • Kommentar von Mischa Markert (THECOMMENTATOR)
    UM WAS GEHT ES EIGENTLICH? Um das Überleben der EU und nichts Geringeres. Irgendein EU Funktionär hat sinngemäss gesagt: "Wenn wir Katalonien die Unabhängigkeit zugestehen, fliegt uns der ganze Laden um die Ohren!" Dann kommt als nächstes das Veneto etc., etc
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    1. Antwort von ivan regolati (Pàtek)
      Ja, schon möglich. Aber erst einmal fliegt den Katalanen der eigene Laden um die Ohren. Das haben die letzten Tage deutlich gezeigt.
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    2. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Für die EU wäre es gar nicht schlecht, wenn bestehende Nationalstaaten aufgehoben werden. Kleinere Regionen lassen sich vielleicht sogar besser regieren. Nur braucht es eine stärkere Zentralregierung, und die muss aus Brüssel nach Osten verlegt werden, in das Zentrum der EU, z.B. Prag.
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