Umgang mit dem Terror «Wir gewöhnen uns an Anschläge»

Nach Terroranschlägen entsteht oft eine «Wir lassen uns nicht unterkriegen»-Stimmung. Dennoch bestehe die Gefahr, dass sich die Gesellschaft spaltet, sagt der Religionssoziologe Johannes Saal. Wann ist der soziale Frieden gefährdet?

SRF: Derzeit erleben wir, dass sich Attentate in Westeuropa häufen. Warum?

Johannes Saal: Einer der Hauptfaktoren sind sicherlich die Gebietsverluste der Terrormiliz Islamischer Staat im Irak und in Syrien. Der IS befindet sich stark auf dem Rückzug. Der militärisch organisierte Krieg bricht weg – und der IS ändert offensichtlich seine Strategie. Er kehrt zu Terror-Attacken zurück. Es gibt dabei einen interessanten Wandel. In Brüssel und Paris 2015 hatten wir es vor allem mit Dschihad-Rückkehrern zu tun. Die Personen, die in letzter Zeit in England, aber auch in Deutschland Anschläge verübt haben, sind nur teilweise Rückkehrer. Der IS hat seine Strategie dahin geändert. Er versucht, Ausreisewillige dazu zu bewegen, in ihrem Ursprungsland zu bleiben und den Dschihad da auszutragen.

Man gewöhnt sich – so zynisch das klingen mag – auch daran, dass Attentate geschehen. Wenn diese nun aber massiert auftreten, was macht das mit den Menschen?

«  Die Extremisten hoffen darauf, dass die gemässigte Bevölkerung nach rechts driftet und sich Muslimen gegenüber negativ verhält. Dies wiederum gibt den Terroristen Aufwind.  »

Paradoxerweise gewöhnen wir uns tatsächlich an Anschläge. Das konnte man vor einigen Jahren in Israel beobachten. Es führt einerseits dazu, dass die Menschen sagen: ‹Wir lassen uns nicht einschüchtern und in unserem bisherigen Leben einschränken.› Aber es besteht auch immer die Gefahr – und das wollen die Terroristen – dass sich die Gesellschaft spaltet. Dschihadisten sehen alles in schwarz und weiss. Es gibt in ihren Augen die wahren Muslime, die den Dschihad unterstützen und es gibt Ungläubige. Dazu gehören auch Muslime, die einen moderaten Islam wollen. Die Extremisten hoffen darauf, dass die gemässigte Bevölkerung nach rechts driftet und sich Muslimen gegenüber negativ verhält. Dies wiederum gibt den Terroristen Aufwind. Es wird einfacher, Muslime dazu zu bewegen, sich aus einer vermeintlichen Opferrolle heraus zu wehren.

Ab wann ist der soziale Friede tatsächlich gefährdet und was kann jeder einzelne dagegen tun?

Der soziale Friede ist gefährdet, wenn die Stimmen in der Gesellschaft nicht mehr gehört werden, die das Problem rational zu behandeln versuchen. Deshalb ist es wichtig, sich einzugestehen, dass der Islam keine einheitliche Religion ist. Den grössten Fehler macht, wer pauschalisiert. Dass Attentate Angst und Misstrauen schüren ist natürlich. Das hat man auch nach dem Attentat in London gesehen, als in Turin wegen eines Knallkörpers eine Massenpanik ausbrach. Man muss sich verinnerlichen, dass die Chance, Opfer eines Attentats zu werden, am Ende minimal ist. Für rationale Menschen ist das aber sicher einfacher. Bei mir funktioniert das.

Zur Person:

 Zur Person:

Johannes Saal ist Religionssoziologe und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Luzern. Zurzeit forscht er an einem Nationalfondsprojekt über Radikalisierungs- und Rekrutierungsprozesse innerhalb dschihadistischer Netzwerke im deutschsprachigen Raum.

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