«Wir haben keine gute Option mehr in Syrien»

John Nagl war als US-Offizier in beiden Irakkriegen an der Front. Zusammen mit Ex-CIA-Direktor David Petraeus verfasste er ein Handbuch zur Bekämpfung des sunnitischen Terrors. Die USA müsse ihre Anstrengungen im Kampf gegen IS verstärken, sagt er im Interview. In Syrien sehe die Lage düster aus.

Eine Explosion mit Feuerball schleudert Erde in die Luft, im Hintergrund ist eine Stadt zu sehen.

Bildlegende: Luftschläge alleine reichen nicht. John Nagl fordert mehr US-Bodentruppen, die im Irak IS-Gegner beraten sollen. Reuters

SRF: Ist ISIS gefährlicher als es Al Kaida je war?

John Nagl: Ich denke nicht, dass ISIS eine grössere Bedrohung ist als Al Kaida je war. Aber ich glaube, dass ISIS heute gefährlicher ist als Al Kaida. ISIS ist zum Renommierstück des internationalen Dschihad geworden.

Deshalb bin ich so besorgt, denn ich finde nicht, dass Obama genügend Ressourcen freigibt und in der gebotener Schnelligkeit. Meine Empfehlung ist, dass der Präsident viel mehr tun sollte, um ISIS zu bekämpfen. Und das bedeutet auch mehr Bodentruppen.

Wo soll er denn die Bodentruppen einsetzen? Im Irak, in Fallujah, oder auch in Kobane?

Im Moment amerikanische Bodentruppen im Irak. Wir haben etwa 1500 Soldaten im Irak. Wir bräuchten etwa zehnmal soviel, und die müssten wir näher zur Front bringen als sie es jetzt sind. Ich meine nicht, dass die Amerikaner dort kämpfen sollen, aber sie sollen beraten.

Sie sagen, man soll die Köpfe und Herzen der Menschen gewinnen. Wenn Sie jetzt Spezialkräfte nach Kobane schicken, würden Sie in der Region eine Menge Leute für sich gewinnen.

Wir würden sicher einige gewinnen, aber Präsident Obama ist ja nicht einmal bereit, Spezialkräfte im Irak einzusetzen, mit dessen Regierung wir befreundet sind. Syrien ist ein noch viel schwierigerer Fall: Wir wollen nicht, dass Assad gewinnt, wir wollen nicht, dass ISIS gewinnt. Die USA sind in der heiklen Situation, dass sie nicht wissen, wer in Syrien gewinnen soll. Und wer Syrien später regieren soll, wenn Assad und Syrien besiegt sind.

Wenn Sie ein enger Berater wären von Obama: Was würden Sie ihm bei Kobane raten?

Kobane hat international gesehen eine viel zu grosse mediale Beachtung, verglichen mit seiner strategischen Bedeutung: Es ist keine Hafenstadt, es hat keinen Flughafen, es ist einfach eine andere Stadt. Aber die lässt sich von türkischem Gebiet aus eben sicher filmen. Ich finde, dass Präsident Obama punkto Kobane grundsätzlich richtig gehandelt hat, mit den Flugangriffen und den Waffenlieferungen an die Kurden. Aber viel wichtiger ist Bagdad. Die ISIS steht vor dem Flughafen in Bagdad, wir müssen diesen Flughafen unbedingt halten.

Eine Lehre von früher war, die Herzen und Köpfe zu gewinnen. Aber welche in diesem riesigen Gebiet, das nicht von ISIS kontrolliert wird?

Während des Irak-Kriegs, als ich auch dort war, wollten wir die Herzen der Sunniten gewinnen, um gegen Al Kaida zu kämpfen. Das ist uns auch gelungen. Die Regierung von Präsident Al Maliki hat dieses Vertrauen leider zerstört. Deshalb ist es jetzt die unmittelbare Aufgabe seines Nachfolgers Al Badhi zu zeigen, dass er der Präsident aller Irakis ist, indem er Regierungsjobs an Sunniten verteilt und willkürlich verhaftete Gefangene frei lässt.

Wäre es nicht eine gute Idee, die ehemaligen Soldaten von Sadam Hussein zurück zu gewinnen, die jetzt an der Seite von ISIS kämpfen? Denn das sind ja jene Leute, die die Tanks und die modernen Waffen bedienen können.

Ja, das ist ja das entmutigende für jemanden, der im Irak gekämpft hat. Denn diese Soldaten waren ja auf unserer Seite, aber Al Maliki hat sie verloren, weil er die Sunniten diskriminiert hat. Wir müssen jetzt leider wieder von vorne anfangen.

Das heisst, der Schlüssel, um gegen ISIS zu gewinnen, der liegt im Irak?

Das ist der erste und der leichtere Schritt. Syrien ist viel schwieriger. Wir haben keine Verbündete mehr in Syrien. 2012 hatten wir eine moderate Opposition. Präsident Obama hat es versäumt, sie zu bewaffnen und auszubilden. Die meisten sind heute tot. Die guten Rebellen, jene Leute, die wir künftig gerne an der Regierung hätten, die sind getötet worden von ISIS oder von Assad. Wir haben keine gute Option mehr in Syrien. Ich denke, es wird Jahre dauern, bis wir ein solche entdecken werden.

ISIS heisst nur noch IS

Seit Ende Juni 2014 nennt sich die Organisation nur noch «Islamischer Staat» IS und unterstreicht damit ihren Anspruch auf die Errichtung eines weltweiten islamistischen Kalifats. Der Name ISIS stand für «Islamischer Staat im Irak und Syrien». Während im deutschen Sprachgebrauch das Kürzel IS vorherrscht, ist in den USA ISIS gebräuchlicher.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

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    Aus 10vor10 vom 23.10.2014

    Nach dem Anschlag stellt sich die Frage, wie mutmassliche Dschihadisten bei einer allfälligen Rückkehr in die Schweiz überwacht werden. «10vor10» hatte die seltene Gelegenheit, den Schweizer Terror-Ermittlern bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Dem Bund sind aber enge Grenzen gesetzt, welche die Revision des Nachrichtendienstgesetzes lockern würde. Führt unsere Angst zu einer viel grösseren Überwachung?

  • Kampf gegen IS

    Aus Tagesschau vom 15.10.2014

    Die internationale Koalition sucht nach einer Strategie im Kampf gegen die Terror-Miliz IS. Beim Treffen von US-Präsident Barak Obama mit zwanzig internationalen Militärvertretern wird vor allem eines klar: Der Kampf gegen den IS wird viel Zeit in Anspruch nehmen.