«Wir sind das Pack»: Buhrufe bei Merkels Besuch in Asylunterkunft

Die deutsche Kanzlerin hat das Flüchtlingsheim Heidenau besucht. Zum Missfallen einiger Demonstranten. Angela Merkel wurde bei ihrer Ankunft als «Volksverräter» beschimpft.

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Merkel wird ausgebuht

0:09 min, vom 26.8.2015


Gewalt in Deutschland:

5:11 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.08.2015

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat im sächsischen Heidenau das dortige Flüchtlingsheim besucht. Sie hat sich bei dem Treffen mit Migranten, Helfern und Sicherheitskräften ein Bild der Lage gemacht.

Die deutsche Kanzlerin distanzierte sich klar von den fremdenfeindlichen Protesten in den vergangenen Tagen. «Es gibt keine Toleranz für die, die die Würde anderer Menschen infrage stellen und die nicht bereit sind, zu helfen, wo rechtlich und menschlich Hilfe geboten ist», betonte sie nach dem Besuch der Unterkunft.

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Merkel in Heidenau

0:57 min, aus Tagesschau vom 26.8.2015

Der Empfang für Angela Merkel in Heidenau war allerdings ruppig. Schon vor ihrer Ankunft fuhren zahlreiche Autos hupend am Flüchtlingsheim vorbei. Mehrere Hundert Schaulustige klatschen laut Beifall. In sozialen Netzwerken hatten rechte Gruppen zu der Aktion aufgerufen.

«Lügenpresse» und «Volksverräter»

Als die Kanzlerin mit ihren Begleitern erschien, wurde die Delegation von den Demonstranten mit Sprechchören als «Volksverräter, Volksverräter» beschimpft. Sie riefen «Wir sind das Pack» – in Anspielung auf Äusserungen von Merkels Vizekanzler Sigmar Gabriel, der die Unterkunft wenige Tage zuvor besucht hatte. Er hatte dabei namentlich die rassistischen Aufrührer als «Pack» bezeichnet.

Doch nicht nur die Kanzlerin bekam ihr Fett ab. Auch die anwesenden Journalisten wurden mit dem Begriff «Lügenpresse» eingedeckt.

Rechtsextremisten und Rassisten hatten in den vergangenen Tagen in der Kleinstadt Heidenau bei Dresden Asylbewerber bedroht und Polizisten angegriffen. Danach war der Kanzlerin vorgeworfen worden, zu lange zu den Ausschreitungen geschwiegen zu haben.

Bundespräsident Gauck lobt freiwillige Helfer

Auch der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck wollte mit dem Besuch einer Asylunterkunft ein Zeichen gegen den Fremdenhass setzen. In einem Flüchtlingsheim in Berlin lobte er das «leuchtende» Beispiel der freiwilligen Helfer in Deutschland.

Die Rechtsextremisten nannte Gauck «Hetzer», die das weltoffene Bild Deutschlands beschädigten. Die grosse Mehrheit hilfsbereiter Menschen im Land werde jedoch die Rechtsextremisten und Ausländerfeinde isolieren, gab er sich überzeugt.

Deutschland sei in der Lage, die vielen hunderttausend Menschen aufzunehmen. Nach dem zweiten Weltkrieg seien es in der damals bettelarmen und zerstörten Bundesrepublik Millionen gewesen.

Weitere Angriffe auf Flüchtlingsheime

In der Nacht auf heute wurde erneut ein Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft verübt. Gebrannt hat es in einer Halle in der ostdeutschen Kleinstadt Nauen, die als zukünftige Unterkunft vorbereitet war. Verletzt wurde nach Angaben der Polizei bei dem Brand niemand.

Ausserdem gab es einen Angriff auf ein Flüchtlingsheim in Parchim, Mecklenburg-Vorpommern. Zwei mit einem Messer bewaffnete, betrunkene Männer seien auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft im deutschen Parchim vorgedrungen, teilte die Polizei in Rostock mit. Mehrere Bewohner, die sich vor der Unterkunft aufhielten, konnten sich in Sicherheit bringen und den Wachdienst alarmieren. Die beiden Männer seien zunächst geflohen, seien aber kurz danach gefasst worden.

Das Auswärtige Amt Deutschlands stellt angesichts der Flüchtlingskrise im Balkan eine Million Euro Soforthilfe zur Verfügung. Das Geld soll Menschen zugutekommen, die sich derzeit in Serbien und Montenegro aufhalten.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die deutsche Bundekanzlerin Angela Merkel kündigt bei einem Besuch im Flüchtlingszentrum Heidenau Gesetzesänderungen an.

    Merkel kündigt Gesetzesänderungen an

    Aus Echo der Zeit vom 26.8.2015

    Die deutsche Bundeskanzlerin hat eine Weile geschwiegen, ist aber jetzt umso deutlicher geworden. Sie verurteilt die jüngsten Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte. Und sie will nicht nur reden, sondern auch handeln - und kündigte Gesetzesänderungen an.

    Fritz Dinkelmann