«Wir verkaufen unsere Kinder»

Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Jüngstes Beispiel sind die Kämpfe in der Stadt Kundus. Im Land sind mittlerweile beinahe eine Million Menschen auf der Flucht. Die Situation der Flüchtlinge ist prekär.

Zwischen Lehmhütten toben die Kinder: das Haar verfilzt, die nackten Füsse schmutzig, die Hände bittend ausgestreckt. Helmand Camp heisst das Lager am Stadtrand von Kabul, denn die meisten Bewohner sind vor Jahren oder Monaten aus der Provinz Helmand hierher geflohen. Jetzt hausen ungefähr 500 Familien hier in Lehmhütten.

Die Frauen sind hinter dicken Filzvorhängen in den Innenhöfen versteckt und rüsten Gemüse. Genauso hätten sie zusammen gesessen, als ein amerikanischer Hubschrauber ihr Haus vor drei Jahren beschossen habe, erinnert sich Fatima: «Ich wurde an der Brust getroffen. Drei meiner Kinder starben und vier wurden verletzt. Seither fürchte ich mich vor Helikoptern.»

«  Sie glaubten wohl, wir seien Taliban, aber wir waren Bauern. »

Fatima ist die Ehefrau des Bauern Shawali, ein Hüne von einem Mann. Da Fatima verletzt wurde und nicht mehr arbeiten konnte, nahm sich der 50-Jährige eine 30 Jahre jüngere Zweitfrau. Für jedes tote Kind erhielt die Familie umgerechnet 7500 Franken Entschädigung. Die Wut des Bauern auf die Amerikaner ist geblieben: «Wieso haben sie unser Dorf beschossen? Sie glaubten wohl, wir seien Taliban, aber wir waren Bauern. Es war Krieg, Taliban gegen Regierungstruppen und Amerikaner und wir mitten drin. Es blieb uns nur die Flucht. Zurück können wir nicht. Heute ist die Situation in unserem Dorf schlimmer denn je.»

Beinahe eine Million Afghanen sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht. Viele versuchen ihr Glück in den Städten. Der Bauer Shawali hat in Kabul zwar Sicherheit, aber auch mehr Armut gefunden. Jeden Tag fährt er mit seinem Handkarren Gemüse auf einem lokalen Markt herum. Damit verdient er knapp zwei Franken pro Tag. Für die zwölf Kinder reicht das nicht.

Wenig Unterstützung von Hilfsorganisationen

Manchmal verteilt eine Hilfsorganisation Nahrungsmittel, früher gab es im Lager eine Schule. Aber mit dem Abzug der Nato-Truppen haben viele Hilfsorganisationen das Land verlassen, die Schule wurde geschlossen, die Lebensmittel kommen nur noch ab und zu. Und das Land, das ihnen Präsident Ashraf Ghani im Wahlkampf versprochen habe, hätten sie auch nicht bekommen, klagen ein paar Männer, die in einer Lehmhütte am Boden kauern.

So bleibe ihnen nur noch ein Ausweg, sagt Walid, der vier Frauen und 22 Kinder hat: «Wir verdienen nicht genug, deshalb verkaufen wir jetzt unsere eigenen Kinder.» Für 700 Franken hat Walid sein zehnjähriges Mädchen an einen Bräutigam verkauft. Mancher andere im Lager tat es ihm gleich.

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