«Wir werden die Gunst der Stunde nutzen»

Nihad Salim Qoja ist Bürgermeister von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak. Er fürchtet die Gotteskrieger des Isis nicht, welche die nahegelegene Stadt Mossul eingenommen haben. Im Gegenteil: Er sieht den Konflikt als Chance.

Zwei Männer in Kampfuniform stehen nebeneinander, in der Mitte weht eine kurdische Fahne.

Bildlegende: Kurdische Soldaten rücken in Gebiete vor, welche die irakische Armee verlassen hat. Reuters

SRF: Machen Ihnen die Gotteskrieger des Isis (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) Angst?

Nihad Salim Qoja: Uns nicht. Denn die Stadt Mossul liegt knapp 100 Kilometer von Erbil entfernt. Wir haben eine eigene Verteidigung, die uns schützt und wir sind gut ausgerüstet. Wir fürchten keinen Angriff von Isis, denn er verfolgt andere Ziele.

Die Gotteskrieger haben zurzeit andere Prioritäten. Doch was macht Sie so sicher, dass der Isis längerfristig nicht auch versuchen wird, das kurdische Gebiet zu destabilisieren?

Isis ist nicht in der Lage, an zwei Fronten zu kämpfen. Auch wird er nicht in der Lage sein ohne Unterstützung der Bevölkerung gegen die Zentralregierung zu kämpfen. Und in Kurdistan unterstützt die Bevölkerung Isis nicht und wird es auch künftig nicht tun.

Gibt es denn eine Art Waffenstillstand zwischen Kurden und Isis?

Isis hat uns nicht angegriffen. Und so lange er das nicht tut, werden wir uns auch nicht in diesen Konflikt einmischen.

Kurdische Soldaten, die Peshmerga, haben die Ölstadt Kirkuk und die anderen von den Kurden beanspruchten Gebiete eingenommen. Heisst das, die Kurden haben die Gunst der Stunde genutzt, um ihr Gebiet zu vergrössern – auf Kosten von Bagdad?

Als der Isis Mossul einnahm, legten die Soldaten der irakischen Armee ihre Waffen nieder, räumten die Kasernen und verliessen die Region. Angesichts dessen mussten die kurdischen Truppen vorrücken. Ansonsten hätte der Isis oder hätten andere militanten Gruppierungen diese Gebiete besetzt. Wir wären niemals auf die Idee gekommen, diese Gebiete zu erobern, wenn die irakische Armee sie nicht aufgegeben hätte.

Planen die Kurden in Kirkuk zu bleiben?

Wir werden uns die historische Chance nicht entgehen lassen: Wir werden nicht mehr zurückgehen.

In Kirkuk leben neben Kurden auch viele sunnitische Araber und Turkmenen. Wollen die wirklich alle unter kurdischer Hoheit leben?

Die Turkmenen und die Araber, die in der Stadt Kirkuk leben, haben sich bisher solidarisch gezeigt. Sie werden wie alle anderen Bewohner der kurdischen Region behandelt. Es wird Wahlen geben, bei denen jeder seinen Kandidaten stellen kann.

Faktisch gibt es nun drei autonome Gebiete im Irak: ein kurdisches im Norden, ein sunnitisches im Westen und ein schiitisches im Süden. Ist der Irak als Staat am Ende?

Sollte der Konflikt länger dauern, dann ist der Irak als Staat am Ende. Das Land ist bereits in drei Teile aufgeteilt. Wir müssen nun alle Konfliktparteien gemeinsam an einen Verhandlungstisch bringen, um diese Tatsache zu anerkennen. Irak könnte als ein in drei Teile aufgeteiltes Land mit der Hauptstadt in Bagdad weiter bestehen. Sollte es keine Einigung geben, dann wird Irak als Staat aber von der Landkarte verschwinden.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann würde Ihnen diese Lösung gar nicht so schlecht passen?

Das kann man so sagen. Deshalb habe ich vorher gesagt, dass wir die historische Gunst nutzen müssen.

Das heisst, die Kurden, die schon lange für einen eigenen Staat kämpfen, sind diesem Ziel durch den aktuellen Konflikt einen Schritt näher gekommen?

Sollte sich der Konflikt weiter verschärfen und der Irak sich als Institution auflösen, dann werden die Kurden selbstständig.

Das Gespräch führte Roman Fillinger.

Zur Person

Nihad Salim Qoja ist seit zehn Jahren Bürgermeister von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Nordirak. Er hat 20 Jahre in Deutschland gelebt.

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