Zum Inhalt springen

International «Wir wollen etwas zurückgeben»

Vor 15 Jahren sind viele Albaner aus Preševo geflüchtet. Seit einem halben Jahr strömen täglich Tausende Flüchtlinge in die Kleinstadt. SRF-Redaktorin Nina Blaser berichtet von einer unglaublichen Willkommenskultur der ehemaligen Flüchtlinge und von bewegenden Momenten.

In der serbischen Stadt Preševo leben einige Tausend Einwohner. Eine grosse Mehrheit von ihnen sind Albaner. Vor 15 Jahren – während des Kosovokriegs – sind viele von ihnen geflüchtet. Nachdem sie zurückkehrten, haben sie versucht, ihre kriegsversehrte Stadt wiederaufzubauen. An manchen Orten ist ihnen das auch gelungen.

Seit Monaten ist es in der beschaulichen Kleinstadt vorbei mit der Ruhe. Menschen aus Syrien, Afganistan, Irak und anderen Ländern sind zu Tausenden nach Preševo geflüchtet.

Legende: Video Schweizer Helferin auf der Balkan-Route abspielen. Laufzeit 5:43 Minuten.
Aus 10vor10 vom 23.12.2015.

Die Behörden und die Hilfsorganisationen tun ihr Bestes. Doch reicht das aus? Und wie reagiert eine Stadt mit 80 Prozent Arbeitslosen auf diesen Flüchtlingsströme? SRF-Redaktorin Nina Blaser hat sich vor Ort kundig gemacht und berichtet von einem – wahren Wintermärchen.

Nina Blaser, wie bewältigt eine Kleinstadt einen Ansturm von bis zu 4000 Flüchtlingen pro Tag?

Nina Blaser: Die Behörden und Hilfsorganisationen schaffen das in Preševo gut. Die Flüchtlinge werden geordnet registriert, während Freiwillige Nahrungsmittel und Tee verteilen. Sobald die Menschen registriert sind und Durchreisepapiere ausgehändigt bekommen, bringen sie Busse Richtung Kroatien.

Und wie reagieren die Bewohner Preševos auf die Flüchtlinge?

Als im Sommer die Infrastruktur noch nicht ausreichte, schliefen viele Flüchtlinge auf der Strasse. Etliche Bewohner konnten diesen Anblick nicht ertragen und nahmen die Menschen (illegal) in ihre Häuser auf.

Porträt Nina Blaser.
Legende: «10vor10»-Reporterin Nina Blaser hat sich vor Ort ein Bild der Lage verschafft. SRF

Aber auch jetzt lässt die Hilfsbereitschaft der Bewohner nicht nach. Eine lokale Gruppe «Jugend für Flüchtlinge» wurde zum Beispiel gegründet. Ihr Gründer erhielt von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Serbien die Auszeichnung «Personality of the Year».

Wie erklären Sie sich diesen Einsatz?

Die Mehrheit der Einwohner Preševos sind Albaner. Während des Kosovokriegs sind viele Einwohner in andere Länder, darunter die Schweiz, geflüchtet. Dort haben sie erlebt, wie ihnen geholfen wurde. Etliche sind später wieder zurückgekehrt. Diese Menschen sagen mir: «Wir haben selber erlebt, wie uns geholfen wurde. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, anderen Flüchtlingen zu helfen.»

Sie sind diesen Sonntag aus Preševo zurückgekehrt. Welche Eindrücke bleiben Ihnen haften?

Mir ist aufgefallen, wie viele Familien sich auf der Balkanroute befinden. Darunter vor allem Frauen mit bis zu vier Kindern. Aber auch Minderjährige ohne Familienbegleitung habe ich getroffen. Mit einem 14-jährigen Jungen aus Afghanistan konnte ich reden. Seine Eltern habe er aus den Augen verloren und hoffe, sie in Deutschland irgendwo wieder zu finden, erzählte er mir. Er wolle Doktor werden, sagte er mir noch.

Warum bleiben die Flüchtlinge eigentlich nicht bis zum Frühling in Preševo? Jetzt in dieser kalten Jahresperiode macht das doch mehr Sinn als die beschwerliche Reise fortzusetzen.

Die Realität ist aber anders. Die Flüchtlinge stehen unter Stress, sie wollen weiterziehen. Zwar wird die Infrastruktur in Preševo stets verbessert. Bald stehen beheizte Zelte den Flüchtlingen zur Verfügung. Aber nur wenige Menschen wollen hier eine Nacht verbringen.

Eine lange Schlange von Lastwagen auf den engen Strassen.
Legende: Die Reisebusse stehen Stossstange an Stossstange. Der Bus-Korso erstreckt sich auf eine Länge von fünf Kilometern. SRF

Sie haben Aufnahmen gemacht von einer langen Schlange von Bussen. Stammen diese Busse von den Behörden?

Nein, mehrheitlich sind das Privatbusse. Dieser lange Treck ist ständig in Bewegung und erstreckt sich über eine Länge von 5 Kilometer. Sobald ein Bus wieder voll von registrierten Flüchtlinge ist, verlässt er Preševo und fährt bis zur Grenze. Danach kehrt er wieder zurück und schliesst sich hinten beim Korso an.

Morgen ist Heiligabend. Wie werden Sie das Fest begehen?

Ich treffe mich mit meiner Familie im engen Kreise. Für dieses Jahr haben wir beschlossen, auf Geschenke zu verzichten. Mit dem Geld wollen wir eine gemeinnützige Organisation unterstützen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Ich finde eher, dass die früheren und die heutigen Flüchtlinge sich zusammen tun sollten, um in ihr Land zurückzukehren und dort bei einem Aufbau in ihren Heimatländern Hand anlegen sollten. Das wäre die einzige wirklich gute Hilfe für Flüchtlinge und deren Heimat. Sonst werden solche Länder leergefegt, um den "korrupten" und "schlechten" Verbleibenden Platz zu machen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Die Sache hat für uns einen rabenschwarzen Hintergrund, wird, sofern man nicht irgendwann die Karawane stoppt, zu einem unlösbaren Problem. Ich glaube, das sehen auch linke Politiker und Medien. Mit solchen, Berichten, die naturgemäss kaum überprüfbar sind, wird dieser Hintergrund wie mit einer Taschenlampe immer wieder aufgehellt. Dass das so ist, zeigt die Tatsache, das kaum je von der dunklen Seite berichtet wird und keine wirklich kritischen Berichte, bzw. Stimmen erscheinen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
      Nein, die Sache hat für Sie, Herr Sand, einen rabenschwarzen Hintergrund. Für mich ist es auch kein unlösbares Problem, wenn Menschen ein Herz für andere Menschen in Not haben. Solche Berichte geben mir Hoffnung für die Zukunft, ganz im Gegenteil zu ihrem Kommentar.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Ja, Thomas Steiner, unser Blickwinkel auf das Geschehen und seine Folgen ist zu verschieden. 1.5 Millionen Migranten muslimischen Glaubens, fern unserer Kultur sind 2015 in Europa eingereist. 70% davon gesunde, kräftige junge Männer. Kaum einer dieser Männer und nur wenige Frauen gehören zu den Ärmsten der Ländern aus denen sie kommen. Alle sind ausnahmslos Asyloptimierer. Nicht wenige Täter oder gar Terroristen. Wenn Sie nur von "Herz" reden, hat das für mich eine psychedelische Dimension.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Mark Stalden (Mark)
      Sie sind diesen Sonntag aus Preševo zurückgekehrt. Welche Eindrücke bleiben Ihnen haften? Mir ist aufgefallen, wie viele Familien sich auf der Balkanroute befinden. Darunter vor allem Frauen mit bis zu vier Kindern. Aber auch Minderjährige ohne Familienbegleitung habe ich getroffen. Ich glaube eher jemandem der DA war als ihnen Herr Sand.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Stalden, mir müssen Sie nichts glauben, konsultieren Sie die Statistiken Deutschlands und der Schweiz.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
    Wie sagt man so schön? Bei den Reichen lernt man sparen. Diese Menschen geben viel, obwohl sie selber nicht viel haben. Bravo!!!!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Ursula Schüpbach (Artio)
      Stimmt. Vielleicht wieder mal wahr: Man sehe nur mit dem Herzen gut. Und dazu braucht man keine Taschenlampe.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von robert mathis (veritas)
      T.Steiner,und wo landen diese Menschen am Ende? In Europa wo sie wieder abgeschoben werden weil sie kein Asylrecht haben,man weckt nur falsche Hoffnungen,das ist keine Hilfe,das ist Menschenhandel.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen