Zum Inhalt springen

International Zehntausende verlassen die Erdbebenregion

Kein Strom, kaum Wasser, wenig Essen: Drei Tage nach dem Erdbeben am Himalaya wachsen in Nepal Verzweiflung und Wut auf die Regierung. Zehntausende fliehen jetzt aus Kathmandu. Die UNO beziffert die Zahl der Betroffenen auf acht Millionen. Über 5000 Tote sind bisher zu beklagen.

Die Zahl der Toten nach dem gewaltigen Erdbeben in der Himalaya-Region steigt immer weiter. Allein in Nepal starben nach Angaben des Innenministeriums vom Dienstag 5057 Menschen. Zudem gebe es mehr als 8000 Verletzte.

Legende: Video Bevölkerung in Nepal kritisiert Regierung abspielen. Laufzeit 1:53 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 28.04.2015.

Auf der Suche nach Wasser und Nahrung verliessen Zehntausende Menschen das schwer getroffene Kathmandu-Tal. Die nepalesische Zeitung «Himalayan Times» gab ihre Zahl mit mehr als 72'000 an.

Das Erdbeben der Stärke 7,8 hatte am Samstag grosse Teile Nepals sowie die angrenzenden Länder Indien und das chinesische Tibet getroffen.

Auf chinesischer Seite stieg die Zahl der Toten auf 25. Es wird befürchtet, dass dort noch mehr Menschen ums Leben gekommen sind. Viele Strassen sind noch blockiert und Telekommunikationsverbindungen unterbrochen, wie die amtlicher Nachrichtenagentur Xinhua meldete. In Indien starben mindestens 72 Menschen.

Regierung gibt Fehler zu

Weltkarte mit den Regionen der stärksten Regionen
Legende: Die Himalaya-Region gehört zu den Gebieten, wo starke Erdbeben besonders häufig vorkommen. SRF

Die Schweiz hat bisher keine Todesopfer zu beklagen, wie Ralf Heckner, Chef des Krisenmanagement-Zentrums des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), am Montag erklärte. Mehr dazu lesen Sie hier.

Die Regierung ordnete drei Tage Staatstrauer an und räumte ausserdem erstmals öffentlich ein, trotz zahlreicher Warnungen vor einem bevorstehenden grossen Beben nicht ausreichend vorbereitet gewesen zu sein. «Wir haben nicht genügend Mittel, und wir brauchen mehr Zeit, um alle zu erreichen», erklärte Innenminister Bam Dev Gautam im staatlichen Fernsehen. Die Behörden hätten Schwierigkeiten, die Krise zu meistern. «Wir waren auf ein Desaster dieses Ausmasses nicht vorbereitet.»

Legende: Video Nepal nach der Katastrophe abspielen. Laufzeit 1:06 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 28.04.2015.

Selbst in der Hauptstadt Kathmandu beschwerten sich zahlreiche Menschen: «Wir leben hier auf der Strasse, ohne Essen und Wasser, und wir haben in den vergangenen drei Tagen (seit dem Beben) keinen einzigen Beamten gesehen», sagte ein Mann, der mit seiner Familie im Freien campiert.

Heftige Kritik an der Regierung

Die meisten Menschen verbrachten eine weitere Nacht in Parks, öffentlichen Plätzen oder auf den Strassen. Zusätzlich werden die Einwohner von Nachbeben aufgeschreckt. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, so dass weder Wasserversorgung noch Telekommunikation gut funktionieren.

«In unserer Gegend gehen die Lebensmittel aus. Die Läden sind so gut wie nicht geöffnet. Und wenn sie doch aufmachen, gibt es einen Ansturm, und alles ist binnen Minuten weg», beklagte ein anderer Überlebender.

Die Menschen kritisieren auch, ihnen mangele es an Gas zum Kochen. Der Regierung werfen sie vor, nicht genügend für sie zu tun. Aus einigen Stadtvierteln wurden zudem Einbrüche gemeldet. Vor Tankstellen bildeten sich lange Schlangen.

Nach den Erdbeben-Lawinen am Mount Everest konnten von dort inzwischen fast alle festsitzenden Bergsteiger ins Tal geflogen werden. Bislang seien 205 von ihnen am höchsten Berg der Welt gerettet worden, sagte ein örtlicher Polizeisprecher.

Die Polizei sprach von 17 Menschen, die durch eine Lawine im Everest-Basislager gestorben seien. Ein Sprecher der Tourismusbehörde gab die Zahl mit mindestens 20 an. Das indische Militär, das bei der Rettungsaktion mithalf, sprach von 22 Toten. Zum Zeitpunkt des Unglücks hielten sich etwa 1000 Menschen im Basislager auf. Mehr dazu lesen Sie hier.

Flughafen von Kathmandu überlastet

Am frühen Morgen starteten mehrere Flugzeuge von Kathmandu und machten somit Parkpositionen für ankommende Flieger frei. Der einzige internationale Flughafen Nepals war am Vortag wegen des Andrangs überlastet. Mehrere Maschinen mit Hilfsgütern und Helfern mussten umkehren.

Am Mittwoch soll ein achtköpfiges Team aus der Schweiz für medizinische Hilfe mit dem Bundesrats-Jet nach Nepal geflogen werden. Mehr zur Schweizer Hilfe lesen Sie hier.

Viele Touristen konnten nicht ausfliegen. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen schicken auch Teams über beschwerlichen Landweg in die betroffenen Gebiete – von Indiens Hauptstadt Neu Delhi dauert es drei bis fünf Tage.

UNO: Acht Millionen Menschen betroffen

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef machte darauf aufmerksam, dass vom Beben auch eine Million Kinder betroffen sind. Nach Schätzungen der UNO sind etwa acht Millionen Menschen von dem schweren Erdbeben im Himalaya betroffen. Mehr als 1,4 Millionen davon bräuchten Nahrungsmittel, berichtete das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in New York.

Wasser und Unterkünfte würden benötigt. Für die Gesundheitsversorgung müssten medizinische Zelte, Medikamente und chirurgische Geräte ins Land gebracht werden. Auch Leichensäcke würden gebraucht.

Am 5. Mai organisiert die Glückskette in der Schweiz gemeinsam mit der SRG und mit Unterstützung der Privatradios einen nationalen Solidaritätstag, Link öffnet in einem neuen Fenster. 13 Partnerhilfswerke sind zurzeit in Nepal aktiv, wie die Glückskette mitteilte.

Furcht vor Epidemien

Nach den Erdbeben in Nepal warnen Fachleute vor dem Ausbruch von Krankheiten. «Wir fürchten, dass es zu Epidemien kommen könnte», sagte der Koordinator der Arbeiterwohlfahrt International (AWO) in Kathmandu, Felix Neuhaus. Die Trinkwasserversorgung sei ausgefallen und Regen verschlimmere die Lage. «Die Krankenhäuser sind komplett überlastet».

Spendenaufruf

Logo und Schriftzug der Glückskette

Die Glückskette ruft zu Spenden für die Erdbebenopfer in Nepal auf: Postkonto 10-15000-6 oder auf www.glueckskette.ch mit dem Vermerk «Nepal» oder mittels der Swiss-Solidarity-App.

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von C. Szabo, Thal
    Es ist gut, dass die europäischen Spezialisten dort helfen. Aus den Berichten geht hervor, dass die asiatischen Nachbarn, die über gute Ausrüstung für den alpinen Bereich und über weit mehr Personal verfügen, dort den Hauptteil der Arbeit übernommen haben. Die Chinesen und Inder haben Rettungsgerät mit Teams, gutes medizinisches Personal als auch Bautrupps für die Wiederherrstellung der Wege. Die dringend benötigte Nahrungsmittel können die asiatischen Kräfte besser und günstiger bereitstellen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von S. Meier, Adliswil
    Das achtköpfige Ärzteteam, das die Schweiz schickt ist schon beschämend mickrig. Haben wir nicht auch Rettungsteams, die mit Hunden in Katastrophengebiete geschickt werden können?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Keller, Sirnach
    Habe gehört das die Touristen aus dem Westen von Helikoper evakuiert werden, auch teueres Geld bezahlen dafür, damit sie schnell weg kommen. Welch Ironie! Warum bergen die Helikopoter nicht Opfer aus entlegenen Orten wo keine Hilfe hinkommt? Die Touristen gehen schnell möglichst nach Hause - Aus den Augen aus dem Sinn! Was für ein Egoimus. Man könnte doch mithelfen. Hilfe wird gebraucht. Wünsche den Opfer dieser Katastrophe viel Kraft und Hilfe - Essen, Wasser und mediz. Versorgung und Zelte.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen