Ziemlich beste Freunde

Die Sanktionen gegen Iran sind gefallen, Moskau und Teheran loten gemeinsame Interessen aus – und werden bei grossangelegten Projekten im Energiebereich fündig. Die beiden vereint einiges – und trennt vieles, findet Russland-Experte Hannes Adomeit.

Putin und Ruhani in Baku.

Bildlegende: Dass aus «strategische Partnern» beste Freunde werden, glaubt Russland-Experte Adomeit nicht. Keystone

Russlands Präsident Wladimir Putin hat bei einem Dreiertreffen in Baku eine engere Zusammenarbeit mit seinen Amtskollegen aus Aserbaidschan und dem Iran vereinbart. Im Zentrum der Gespräche, stand die wirtschaftliche Zusammenarbeit, konkret etwa die Wiederbelebung des über 7000 Kilometer langen Verkehrskorridors von Russland via Aserbaidschan in den Iran.

Doch die Bedeutung der Verbindung gehe über die drei Staaten hinaus, so der Politikwissenschaftler Hannes Adomeit: «Auch der Weg für indische Produkte nach Europa wird erheblich verkürzt; statt den 40 Tagen, die sie über den Suez-Kanal und das Mittelmeer brauchen, würden sie über diese Nord-Süd-Korridor lediglich 14 benötigen.»

Ambitionierte Pläne

Eine sinnvolle Verbindung, von der alle profitieren – so scheint es. Stellt sich die Frage, warum sie nicht früher reaktiviert wurde. Die einfache Antwort: Die Sanktionen gegen Iran. «Nach deren Lockerung wird das Land nun wieder ein sehr wichtiger Handelspartner, insbesondere für Russland», so Adomeit. Durch den Öl- und Gasexport verzeichne Teheran steigende Einnahmen und auch seine Kaufkraft nehme zu.

Und im Kaspischen Meer gibt es gewaltige Vorräte – auf die neben Iran und Russland auch die anderen Anrainerstaaten Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan Ansprüche stellen.

Während Russland und Iran für gemeinsame Nutzung auf Grundlage von bald 100-jährigen Verträgen plädierten, forderten die ehemaligen Sowjetrepubliken das Recht, ihre jeweils eigene Zone ausbeuten zu können.

«  Moskau verfolgt knallharte wirtschaftliche Interesse in Iran.  »

Konfliktpotenzial ist also gegeben. «Es ist die Frage, ob die Gipfelkonferenz in Baku eine Lösung bringt. Jemand müsste nachgeben – ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass das Russland sein wird», so der emeritierte Professor für Osteuropa-Studien.

Im Fokus der Weltöffentlichkeit steht das Treffen in Baku jedoch vor allem der wegen «strategischen Partnerschaft» zwischen Moskau und Teheran, die beide Seiten immer wieder beschwören. Die Realität sieht aber, glaubt man Adomeit, ganz anders aus: «Von einer echten Partnerschaft kann man wirklich nicht reden». Verantwortlich dafür seien die in vielen Bereichen unterschiedlichen, oft überlappenden Interessen der beiden Platzhirsche in der Region. Das prominenteste Beispiel: Der Krieg in Syrien.

«Der Iran will sich zur Grossmacht mausern, dazu dient auch sein dortiges Engagement.» Dies widerstrebe jedoch Russlands Zielen, das seinerseits bestrebt sein, zur Ordnungsmacht im Nahen Osten aufzusteigen. «Zwar haben beide in Syrien parallele Interessen (vor allem: Assad an der Macht zu halten, Anm. d. Red.), aber nicht gemeinsame.»

Nüchterne Interessenpolitik

Nichtsdestotrotz: Seit dem Fall der Sanktionen umgarnt Russland den Iran. In einem Interview vor dem Treffen mit seinem iranischen Amtskollegen Hassan Ruhani hatte Putin einen russischen Kredit von 2,2 Milliarden Euro für iranische Energieprojekte angekündigt: «Wir werden unseren iranischen Partnern weiterhin helfen beim Atomprogramm, einschliesslich der Anreicherung von Uran».

Konkret will Moskau in Iran acht Atomreaktoren bauen. Eine Charmeoffensive, um die Bande zu Teheran zu stärken? Nur bedingt. Die Hauptmotivation des Kremls sieht Adomeit in «knallharten wirtschaftlichen Interessen (…) Iran muss dafür Milliarden aufbringen. Für Russland ist das Projekt ein ganz wichtiger Punkt, um die eigene Atomindustrie anzukurbeln.»

Nüchterne Zusammenarbeit in beiderseitigem Interesse also – wie auch die Waffenlieferungen an Iran, die Russland wieder aufnehmen wolle.

Zur Person

Hannes Adomeit (geb. 1942 im deutschen Memel) ist ehemaliger Professor für Osteuropa-Studien in Warschau und leitete die Russland-Forschungsgruppe bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.