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International Züge bestellen, Jobs sichern, Stimmen gewinnen

Frankreichs Regierung hat für fast eine halbe Milliarde Euro neue TGV-Züge bestellt. Die staatlich kontrollierte Bahngesellschaft SNCF sagt zwar, man brauche diese gar nicht. Dennoch sei das politisch ein kluger Schachzug, meint SRF-Korrespondent Charles Liebherr.

Ein Mann geht an einem TGV-Waggon vorbei.
Legende: Industriepolitik à la Hollande: Mit der öffentlichen Hand Arbeitsplätze bei Alstom sichern. Keystone

SRF News: Züge auf Vorrat kaufen: Warum tut die französische Regierung sowas?

Charles Liebherr: Sie will um jeden Preis 400 Arbeitsplätze in Belfort retten. Die Auftragsbücher des dortigen Alstom-Werkes sind aber ab 2018 leer. Also kurbelt die Regierung einfach die Nachfrage an und bestellt 22 TGV-Züge bei Alstom. Das gibt in Belfort Arbeit für drei bis vier Jahre. Kurzfristig sind die Arbeitsplätze also gerettet. Bis dahin soll Alstom sein Werk mehr auf Unterhalt und auf den Bau von Rangierloks ausrichten. Insgesamt soll das den Standort mittelfristig sichern.

Wieso ist das Werk in Belfort für die Regierung von François Hollande so wichtig?

Es geht um sehr viel Symbolik. Wir stehen sieben Monate vor den nächsten Präsidentenwahlen in Frankreich. Vor diesem Hintergrund kann es sich derzeit einfach kein Politiker leisten, zu sagen, ‹so ist der Lauf der Wirtschaftsgeschichte›. Hollande und seine Regierung wollten ein Zeichen setzen, dass sie für den Erhalt von Arbeitsplätzen in der Industrie kämpfen. Für jeden Arbeitsplatz. Insbesondere auch in den wirtschaftlich schwachen Regionen. Es ist also nicht nur ein Rettungsplan für Alstom, sondern auch für die Regierung Hollande.

Es ist nicht nur ein Rettungsplan für Alstom, sondern auch für die Regierung Hollande.

Die SNCF ist staatlich kontrolliert, ist das also ein Wahlkampf mit Steuergeldern?

Ja, das kann man so sagen. Allerdings ist es auch nicht ganz falsch, in so einem Fall in eine Infrastruktur zu investieren, von der auch noch künftige Generationen profitieren können. Das ist beim TGV gegeben. Wenn schon Industriepolitik, dann eher so als anders, würde ich sagen. Allerdings ist der Preis tatsächlich sehr hoch. Ein TGV kostet im täglichen Betrieb doppelt so viel wie ein normaler Intercity. Man hätte also auch für die gleiche Summe mehr haben können. Davon hätten andere Standorte in Frankreich und vielleicht auch andere Hersteller profitiert. Aber es ging ja um die Rettung des Werkes in Belfort.

Ex-Premierminister François Fillon, der auch als Präsidentschaftskandidat antreten will, sagte, wenn die SNCF diese Züge nicht brauche, werde sich ihre finanzielle Lage noch weiter verschlechtern. Geht es der SNCF denn so schlecht?

Der SNCF geht es nicht so schlecht. Oder anders gesagt: Sie fährt Defizite ein wie andere Staatsbahnen in Europa auch. Das Problem ist, dass die Passagierzahlen bei steigenden Kosten im Unterhalt stagnieren, und der Güterverkehr in Frankreich brachliegt. Dass die SNCF die steigenden Kosten nicht mit mehr Einnahmen auffangen kann, macht ihre künftige Lage schwierig. Und das ist eine schlechte Aussicht für die öffentliche Hand, der die Bahn gehört.

Selbst Hollandes Gegner können sich nicht gegen die Rettung von Alstom stellen.

Eine halbe Milliarde für Züge, die man nicht braucht, für eine Bahngesellschaft, die finanziell in Rücklage ist. Was schätzen Sie, ist das ein guter Schachzug?

Der Aktivismus der Regierung Hollande hat sich insofern gelohnt, als dass es ihr jetzt gelungen ist, eine aufkeimende Polemik innerhalb eines knappen Monats zu verhindern. Niemand, auch die politischen Gegner rechts nicht, können sich im Kern gegen die Rettung von Alstom stellen. Das wäre ein zu hoher politischer Preis. Die Affäre hat sich also gelohnt – in der Politik zahlen ja immer andere die Rechnung.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Charles Liebherr

Charles Liebherr

Seit 2014 ist Charles Liebherr Frankreich-Korrespondent von Radio SRF. Er studierte in Basel und Lausanne Geschichte, Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Politologie. Davor war er beim Schweizer Radio unter anderem als Wirtschaftsredaktor tätig.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Ch. Helfenstein (Ch. Helfenstein)
    22 Züge bauen, welche nicht benötigt werden? Das ist schon fast Planwirtschaft. Anderseits hat es Flüchtlinge ohne Unterkunft. Vielleicht ist dies ja die Lösung, Züge bauen, Flüchtlinge durch F fahren, damit diese das Land kennen lernen. Gibt Arbeitsplätze und Beschäftigung für die Flüchtlinge. Die einzigen "Dummen" sind die Steuerzahler. Aber bis diese es merken, ist Hollande eh im Ruhestand.
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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    20 KompositionenTGV sind relativ günstig und Frankreich muss die TGV sowieso modernisieren. Wenn eine Lücke entsteht wird es dann eben viel teurer. Der Autor hat wenig Ahnung, wenn er ernsthaft einen Intercity mit einem TGV vergleicht. Kein Intercity fährt 300 km/h was in einem Land wie Frankreich notwendig ist, sonst sind alle auf dem Flieger. Ein Intercity ist auf den Distanzen in Frankreich nie Konkurrenzfähig.
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    1. Antwort von Charles Liebherr (Charles Liebherr)
      Natürlich können TGV-Züge auf Intercity-Strecken fahren. Das ist heute auf vielen Strecken im Land der Fall. Die Frage ist, ob es sich lohnt, einen so teuren Zug auf einer Strecke Bordeaux-Toulouse einzusetzen, die keine Hochgeschwindigkeit zulässt. Ein TGV, der mehr als 300 km/h fahren kann, ist im Einkauf doppelt so teuer und im Unterhalt mehr als ein Viertel teurer als ein "normaler" Intercity-Zug, den Alstom auch im Katalog führt. Wirtschaftlich macht das wenig Sinn.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Nimmt mich doch wunder, was da Frau Merkel dazu meint. Das ist doch nicht so wie man in der EU Geschäfte ausführt. Und die Schweiz ist nicht einmal Mitglied der EU und lässt trotzdem ihre "Rüebli" in Italien waschen!?
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    1. Antwort von Charles Liebherr (Charles Liebherr)
      Die Regierung greift auf einen alten Rahmen-Vertrag mit Alstom zurück für die Beschaffung zusätzlicher TGV-Züge. Damals gewann Alstom die Ausschreibung. Darum kann die Bestellung nun ohne zusätzliche Ausschreibung erfolgen. Frankreich verletzt damit kein Wettbewerbsrecht der EU.
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