Zweifel an Giftgas-Einsatz in Syrien

Die Berichte über einen Giftgas-Angriff nahe Damaskus werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Experten schätzen das Bildmaterial unterschiedlich ein. Opfer konnten bisher nicht untersucht werden. Unklar ist, warum das Assad-Regime nach militärischen Erfolgen jetzt C-Waffen einsetzen sollte.

Opfer des mutmasslichen Giftgas-Angriffs in der Stadt Arbin bei Damaskus.

Bildlegende: Opfer des mutmasslichen Giftgas-Angriffs vom Mittwoch. Bildmaterial vom Lokalkomitee der Stadt Arbin. Keystone

Von einem Giftgas-Angriff nahe Damaskus mit hunderten von Toten berichten Oppositionelle und legen umfangreiches Bildmaterial mit schockierenden Bildern vor. Die gesicherten Fakten sind allerdings noch sehr spärlich. Zwar besitzt Syrien ein beträchtliches Arsenal von C-Waffen mit Nerven- wie auch Hautgasen. Man weiss auch mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass in Syrien schon mehrfach in den vergangenen Monaten C-Waffen eingesetzt wurden.

Neu sind nun die sehr zahlreichen Aussagen über einen grossen Angriff mit chemischen Kampfstoffen und die am Mittwoch vorgelegten Fotos und Videos. Gesichert ist bisher aber nur, dass syrische Truppen gestern früh Angriffe rund um Damakus auch mit Raketen ausgeführt haben.

Die Fragezeichen sind viel zahlreicher als die gesicherten Informationen: So ist nicht klar, ob Bilder und Zeugen manipuliert wurden. Ebenso fraglich ist, ob die Bilder tatsächlich zeigen, was sie zu zeigen vorgeben.

Helfer ohne Schutzkleidung?

Experten kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen: Einige halten die Bilder für plausibel und erkennen Symptome von Nervengasen. Andere fragen sich, warum Ärzte und Krankenschwestern keine Schutzkleidung und keine Schutzmasken tragen, was in einer solchen Situation höchst gefährlich wäre. Wieder andere sehen die Symptome beispielsweise von Sarin auf den Bildern nicht. Die ganz grosse Frage aber lautet: Wer ist für diesen mutmasslichen C-Waffen-Einsatz verantwortlich?

Es wäre nun absolut dringend, die mutmasslichen Opfer auf Giftgas zu untersuchen. Allerdings ist das Mandat der zurzeit in Damaskus weilenden UNO-Inspektoren begrenzt. Sie können nur gewisse Orte untersuchen. Die syrische Regierung hat ihnen bisher nicht erlaubt, an die Orte des gestrigen Geschehens zu gehen. Die UNO selbst beurteilt Untersuchungen zurzeit als extrem gefährlich beziehungsweise unmöglich, da noch Kampfhandlungen im Gang seien.

Wem soll der Giftgas-Angriff nützen?

Einen konkreten Nutzen der im Internet kursierenden Bilder hat zurzeit eigentlich niemand wirklich: Das syrische Regime hat in den letzten Wochen grössere militärische Erfolge errungen. Der politische Druck aus dem Ausland ist eher geringer geworden.

Es ist also nicht plausibel, warum das Regime nun C-Waffen einsetzen sollte. Denn mit C-Waffen lässt sich nicht das Land zurückerobern. C-Waffen sind letztlich Terrorwaffen, die der Einschüchterung dienen. In der jetzigen verhärteten Situation ist es höchst unwahrscheinlich, dass durch einen solchen C-Waffen-Einsatz die Rebellen zum Aufgeben gezwungen werden.

Ausländische Militäreinsätze wenig wahrscheinlich

Falls aber die Rebellen die Bilder manipuliert haben sollten, erreichen sie ebenfalls nichts. Denn gerade die Amerikaner wie auch andere Länder werden in Syrien nicht militärisch eingreifen, solange es keine Beweise für einen solchen Grosseinsatz von C-Waffen gibt.

Selbst bei einem klaren Beweis ist es noch längst nicht sicher oder sogar unwahrscheinlich, dass die USA militärisch vorgehen würden. Washington spricht seit Monaten nicht mehr von der so genannten roten Linie, die einen Militäreinsatz beim Einsatz von C-Waffen zwingend machen würde.

(fasc;krua)

«Maximale Kooperation»

Das syrische Regime ist nach Angaben Russlands zu «maximaler Kooperation» mit den UNO-Inspekteuren zur Aufklärung von angeblichen Giftgaseinsätzen bereit. Russland hoffe, die Untersuchungen würden die «Spekulationen» beenden und zum Beginn eines friedlichen Dialogs beitragen. Moskau ist ein enger Partner des syrischen Regimes.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Diese Symptome weisen auf Nervengas hin»

    Aus Tagesschau vom 22.8.2013

    Bildmaterial der Opposition aus Syrien soll beweisen, dass das Assad-Regime hunderte Zivilisten mit Chemiewaffen vergiftet hat. Die Bilder könnten inszeniert sein; für den Schweizer Chemiewaffen-Experte Stefan Mogl sprechen sie dennoch eine deutliche Sprache. Die Internationale Gemeinschaft bleibt derweil untätig.