Zyprer haben Angst vor Verlust des Lebensstandards

Auf Zypern ist heute ein Feiertag. Doch zum Feiern ist den Menschen nicht zumute. Im Gegenteil: Sie sind verärgert. Darüber, dass alle, die Geld auf einer Bank haben, jetzt zur Kasse gebeten werden sollen. Journalistin Christine Sternberg hat die Atmosphäre in der Hauptstadt Nikosia eingefangen.

Menschen stehen Schlange von einem zyprischen Bankomaten.

Bildlegende: Die geplante Zwangsabgabe auf Spareinlagen hat die Zyprer in helle Aufregung versetzt: Viele räumten ihr Konto leer. Keystone

SRF News: Wie zeigt sich die Verärgerung unter den Zyprern?

Christine Sternberg: Das hat man vor allen Dingen am Samstag gesehen: Menschen hatten sich  spontan vor dem Präsidentenpalast versammelt und demonstriert. Weitere Kundgebungen wurden für heute Nachmittag vor dem Parlament angekündigt. Jeder macht sich Luft, im 'Kafenion' (griech. für Café, Anm. d. Red.), an Treffpunkten. Heute ist ja ein Feiertag. Man ist draussen, man trifft sich, und da brodelt es natürlich.

Der zyprische Staatspräsident Nikos Anastasiades spricht von einer Notlösung in Zeiten einer Notlage. Wollen die Menschen die schwierige Lage ihres Landes eigentlich gar nicht wahrhaben?

Das ist für die Zyprer relativ schwierig. Mit der Republik Zypern ging es seit 30 Jahren immer nur wirtschaftlich bergauf. Die Leute haben grosse Häuser. Auch Normalbürger haben Hausangestellte. Jetzt haben sie natürlich Angst vor dem Zusammenbruch ihres Lebensstandards. Aber sie wollen auch nicht fremdbestimmt sein. Sie kämpfen mit der Einsicht in die Notwendigkeit und dem Ärger über Brüssels harte Forderungen.

Der Staatspräsident hat versprochen, sich dafür einzusetzen, dass Kleinsparer weniger als abgemacht zahlen müssen. Kann er dies tatsächlich noch nachträglich mit den Kreditgebern aushandeln?

Er muss ja die Hoffnung haben. Diese ist vielleicht nicht ganz vergeblich. Bisher war angesetzt, dass Einlagen unter 100'000 Euro mit 6,75 Prozent Kürzung rechnen müssen. Leute, die über 100'000 Euro auf dem Konto haben, müssten 9,9 Prozent zahlen. Das soll abgeschwächt werden. Die Kleinsparer sollen nur noch drei Prozent abgeben; die mit viel Geld zwölf Prozent. Ob er das durchbekommt, ist die Frage. Aber Anastasiades wird sicher bis zum letzten Moment dafür kämpfen. Und vielleicht erhöht das sogar seine Chancen, dass er mit dem Vorschlag durchkommt.

Am Nachmittag spricht das Parlament in Nikosia über die Beschlüsse, die Zypern mit den Geldgebern der EU und dem IWF ausgearbeitet hat. Die Abstimmung findet morgen Dienstag statt. Welcher Ausgang ist zu erwarten?

Das gibt auf jeden Fall eine Zitterpartie. Es gibt im Parlament 56 Sitze. 20 Sitze nimmt die Regierungspartei ein, der auch der Präsident angehört. 19 Sitze hat die Opposition, die kommunistische Akel, die bis vor kurzem noch regierte und ganz klar gesagt hat, sie werde dagegen stimmen. Sie will sogar fordern, dass Zypern wieder aus der Währungsunion austritt. Es liegt jetzt also an den kleineren Parteien, zum Beispiel an der rechten Diko, ob diese sich auf die Seite der Regierungspartei schlagen. Ich erwarte eine lange, harte Debatte. Und es ist wirklich nicht vorauszusehen, wie sie endet.

Interview: Barbara Büttner