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Jahresrückblick 2012 Die Krise in der EU

Seit drei Jahren kämpft Europa mit der Schuldenkrise. Nach Griechenland, Irland und Portugal brauchen 2012 auch Spanien und Zypern Hilfsgelder. In der Eurozone sind knapp 19 Millionen Menschen ohne Job. Rasche Besserung ist nicht in Sicht.

Legende: Video «Rückblick auf die Eurokrise» abspielen. Laufzeit 1:55 Minuten.
Vom 19.12.2012.

In der ersten Jahreshälfte sinkt das Vertrauen in die Eurozone; die Finanzmärkte zeigen sich misstrauisch. Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), reagiert. Anfang Sommer signalisiert er: Der Euro wird gerettet – koste es, was es wolle. Der Entscheid: Die EZB will notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aus den kriselnden Euroländern kaufen. Das Programm der EZB heisst Outright Monetary Transactions (OMT).

Das Programm wirkt. Draghi konstatiert Wochen später, das Vertrauen kehre allmählich zurück. Er betont aber auch: Jedes Land müsse seine Verantwortung übernehmen und entschieden gegen die Krise ankämpfen.

Griechenland bleibt in der Eurozone

Im Verlauf des Jahres wird die Haltung gegenüber Griechenland klar: Ein sogenannter «Grexit» – ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone – ist nach dem Machtwechsel in Frankreich kein Thema. Dort zieht nun François Hollande die Fäden, nicht mehr Nicolas Sarkozy. Zuletzt wurden Stimmen laut, die sich die Eurozone ohne Griechenland vorstellen konnten – darunter aus Frankreich und Deutschland.

Das europäische Portemonnaie

Aus dem provisorischen europäischen Rettungsschirm EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) wird im Herbst der permanente ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus). 700 Milliarden Euro schwer soll der Fonds werden. ESM-Chef Klaus Regling ist überzeugt: Der Fonds trägt dazu bei, die Krise in Europa innerhalb von zwei bis drei Jahren zu überwinden. «Wir tun das, was der IWF (Internationale Währungsfonds) seit vielen Jahren erfolgreich tut: Wir helfen Ländern, die zu den nötigen Reformen bereit sind, ihre Finanzierungs-schwierigkeiten zu überwinden.»

Sie feilen an der Zukunft der Union

Permanent kämpfen Europas Politiker gegen die Krise. Und sie bauen die Währungsunion um. Mitte Dezember gibt’s in Brüssel einen Gipfel zur Zukunft der Union. Bei diesem Gipfel einigen sich die EU-Finanzminister auf eine gemeinsame Bankenaufsicht. Ab 2014 wird die EZB die Geschäfte der rund 150 wichtigsten Banken in den 17 Euro Ländern unter die Lupe nehmen. Bei ersten Anzeichen einer Krise will die Zentralbank eingreifen.

Griechenland bekommt eine weitere Hilfstranche. Die Minister geben 50 Milliarden Euro an Athen frei. Sie stammen noch aus dem alten Rettungsschirm EFSF.

«Alles wird gut» – oder doch nicht?

Viele Staats- und Regierungschefs der EU zeigen sich nach dem Gipfel zufrieden. «Alles wird gut», lautet ihre Botschaft. EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy signalisiert: Das Schlimmste sei vorüber. Frankreichs Staatschef François Hollande verkündet sogar: «Die Euro-Krise ist vorerst beigelegt.» Es gibt aber auch warnende Stimmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel: «Es ist einiges geschafft, aber ich glaube, es liegt noch eine schwere Zeit vor uns.» Merkel befürchtet, nach dem Gipfel könnte der Reformdruck auf die Krisenländer nachlassen.

Jean-Claude Juncker, der scheidende Chef der Eurogruppe, zeigt sich nach den 14stündigen Verhandlungen frustriert: «Die Krise in Europa hat sich abgeschwächt. Es soll aber niemand so tun, als ob wir am Ende all unserer Mühen wären», so sein Resümee.

Der Stand der Krise bei «Sorgenkind» Griechenland:

Mehr als zweieinhalb Jahre nach der ersten Finanzspritze steht Griechenland immer noch vor dem Bankrott. Die Wirtschaft ist binnen fünf Jahren um mehr als 20 Prozent geschrumpft. Die Aussichten bleiben schlecht.

Die Stimmung im Volk ist explosiv. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 25 Prozent. Dramatisch ist die Lage für junge Menschen unter 25 Jahren: 58 Prozent von ihnen sind ohne Job.

Aktivisten der Occupy-Bewegung in Frankfurt machen vor der Euro-Skulptur in Frankfurt ein Feuer. (keystone)
Legende: Die Europäer suchen das Licht am Ende des Tunnels. In vielen Ländern hat die Krise längst einen Flächenbrand entfacht. Keystone

Griechenland sitzt kurz vor Jahresende auf einem Schuldenberg von gut 340 Milliarden Euro – fast 170 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Der Stand der Krise beim «Zweckoptimisten» Spanien:

2013 wird besser – das meint der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy. Mit dieser Meinung steht er jedoch ziemlich allein. Für seine maroden Banken bekommt das Land knapp 40 Milliarden Euro von den Partnerstaaten. Das Geld soll noch im Dezember aus dem ESM fliessen. Ob Spanien ganz unter den europäischen Rettungsschirm schlüpft, ist unklar.

Experten aus der EU prognostizieren für Spanien bis 2014 ein höheres Budgetdefizit, als alle anderen EU-Staaten haben – einschliesslich Griechenland.

In Spanien ist jeder Vierte arbeitslos. Bei den Jungen sind 52 Prozent ohne Job.

Der Stand der Krise beim «Musterschüler» Portugal:

Portugal steht das Wasser bis zum Hals. Lange Zeit galt das Land als «Musterschüler» unter den Euro-Krisenländern. Portugal versucht zu sparen. Doch die Rezession durchkreuzt die Sanierungspläne.

Das Haushaltsdefizit klettert rapide in die Höhe. Die Arbeitslosenquote liegt bei knapp 16 Prozent. Auch in Portugal stehen die Jungen vor einer ungewissen Zukunft: 40 Prozent von ihnen sind derzeit ohne Job.

Im Januar 2013 wird Portugal die nächste Hilfstranche in Höhe von 2,5 Milliarden Euro bekommen. Mit dieser Tranche hat das Land insgesamt 64 Milliarden Euro erhalten. Das sind gut 80 Prozent jenes Hilfspakets in Höhe von 78 Milliarden, das die EU, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds 2011 gewährten.

Beobachter befürchten, Portugal könnte für die Sanierung der Finanzen mehr Zeit und noch mehr Geld benötigen.