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Allein unter vielen «Einsamkeit tut weh, ist ansteckend und bringt uns um»

Einsamkeit ist eine Krankheit. Davon ist der Psychiater Manfred Spitzer überzeugt. Eine unterschätzte Gefahr?

Legende: Audio «Es tut weh, ist ansteckend und bringt uns um» abspielen.
6:38 min, aus Echo der Zeit vom 03.04.2018.

Die Ostertage sind vorbei. Tage, an denen Familien zusammenkommen, sich Freunde zum Brunch treffen. Für viele sind es aber auch Tage der Einsamkeit. 2012 fühlten sich in der Schweiz 36 Prozent der Menschen einsam. Fünf Jahre vorher waren es noch sechs Prozent weniger gewesen. Manfred Spitzer hat ein Buch über Einsamkeit geschrieben. Er nennt sie «die unerkannte Krankheit».

Manfred Spitzer

Manfred Spitzer

Psychiater

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Manfred Spitzer hat Psychologie, Medizin und Philosophie studiert. Der Facharzt für Psychiatrie ist seit 1998 ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Neurodidaktik.

SRF News: Warum halten Sie Einsamkeit für eine Krankheit?

Manfred Spitzer: Einsamkeit tut weh, sie ist ansteckend und sie bringt uns um – zumindest gemäss den Daten, die wir heute haben. Wenn das keine Krankheit sein soll, dann weiss ich nicht, was man Krankheit nennt.

Wie genau bringt uns die Einsamkeit denn um?

Einsamkeit erzeugt Stress. Das ist nachgewiesen. Und Stress erhöht den Blutdruck und den Blutzuckerspiegel, reguliert die Immunabwehr runter, und damit erhöhen sich die Chancen für Krebs. Genau das zeigen auch die Daten.

Leute suchen das Alleinsein, weil sie mal Ruhe haben möchten. Das ist völlig normal.

Fragen Sie, ob die Leute hohen Blutdruck oder Übergewicht haben, trinken oder rauchen sie oder sind sie einsam? Und schauen Sie nach zehn Jahren, wer noch lebt. Von denen, die einsam sind, leben die wenigsten noch.

Was ist mit den Menschen, die gerne alleine sind?

Es gibt einen grossen Unterschied zwischen dem subjektiven Erleben, dass man einsam ist, und dem Alleinsein. Das hat zwar schon miteinander zu tun, aber nur geringfügig. Das heisst, es gibt Menschen, die dauernd unter Leuten sind, sich aber trotzdem einsam fühlen. Umgekehrt gibt es Leute, die sozial isoliert sind, und sich selten oder gar nicht einsam fühlen. Wenn man das unterscheidet, versteht man, wie es sein kann, dass Leute das Alleinsein suchen, weil sie mal Ruhe haben möchten. Das ist völlig normal. Aber Einsamkeit sucht niemand.

Ab wann ist man Ihrer Ansicht nach zu einsam?

Letztlich dann, wenn man sich oft einsam fühlt. Dieses Gefühl ist das, was einen so hilflos macht. Dann kommen einem Gedanken wie: «Ach, die anderen wollen mich eh nicht, ich gehe denen doch nur auf die Nerven.» Und wenn es dann tatsächlich chronisch wird, und man dieses Gefühl immer wieder hat, dann wird die Einsamkeit selbst zum Problem, dann wirkt sie krankhaft.

Wer sich einsam fühlt und dann mit anderen zusammen ist, zieht diese runter.

Wie kann man sich mit Einsamkeit anstecken?

Wer sich einsam fühlt und dann mit anderen zusammen ist, zieht diese runter. Das heisst, er kann einem das Gefühl von Einsamkeit vermitteln, obwohl man es selbst gar nicht erlebt. Das zeigt eine grosse Studie aus dem Jahr 2009. Sie galt eigentlich Herzkrankheiten. Forscher fanden dann aber heraus, dass Einsamkeit tatsächlich ansteckend ist. Und dies nicht nur von Freund zu Freund, sondern auch über einen Freund von einem Freund des Freundes – also über drei Ecken.

Das hiesse, dass wir einsame Menschen meiden müssten. Das kann doch nicht in deren Sinne sein?

Das ist richtig, aber andererseits muss man sich immer überlegen, dass es Menschen gibt, die besonders anfällig sind für Einsamkeit. Wenn man merkt, dass man selbst sehr empfänglich ist, hat man keine andere Chance, als zu versuchen, nicht zu viel Kontakt zu einsamen Menschen zu haben. Es gibt auch Menschen, denen das überhaupt nichts ausmacht. Die können durchaus Kontakt mit einsamen Menschen haben, ohne selbst einsam zu werden. Es ist wichtig, einschätzen zu können, ob man selbst dafür empfänglich ist oder nicht. Wenn man es ist, muss man auch ein bisschen auf sich achten.

Warum nimmt die Einsamkeit in der Bevölkerung zu?

Wir haben einen Trend zu mehr Singlehaushalten. Weltweit gibt es einen Trend zur Verstädterung. Im Jahr 1900 haben 13 Prozent der Weltbevölkerung in Städten gelebt, heute sind es über 50 Prozent. In der Stadt leben zwar viele Menschen. Aber die Chance, dass wir jemanden treffen, den wir kennen, ist viel kleiner als in einem Dorf. Denn dort kennt jeder jeden.

Man kommt aus dem Wald als sozialeres Wesen wieder raus, als man reingegangen ist.

Und wir haben auch einen Trend zur Mediatisierung. Junge Menschen verbringen sechs bis neun Stunden täglich mit Medien. Das Medium ist das Vermittlende. Soziales Erleben ist aber zunächst einmal unmittelbar. Wenn ich mit anderen zusammen bin, schaue ich ihnen in die Augen, höre ihre Stimme, die Sprachmelodie, sehe die Gestik, die Mimik. Das ist das Entgegengesetzte von medialem Zusammensein. Soziale Medien gibt es eigentlich gar nicht.

Was kann man tun, wenn man sich einsam fühlt?

Man kann sich in die Natur begeben, sogar allein. Das Verrückte ist, dass neueste Studien zeigen, dass dadurch Einsamkeit bekämpft werden kann. Man kommt aus der Natur als sozialeres Wesen wieder raus, als man reingegangen ist. Man hat entsprechende Experimente gemacht und gezeigt, dass das Erleben der Natur uns zu freundlicheren, zugewandteren und hilfsbereiteren Lebewesen macht als die Betonwüste in der Stadt. Wer das weiss, kann sich sagen: «Okay, ich gehe jetzt mal in den Wald.» Wenn er nach drei Stunden wieder zu seinen Leuten geht, reagiert er weniger abwehrend und neigt vermehrt dazu, sich der Gemeinschaft zuzuwenden. Das ist ein Befund, den man – gerade heutzutage – nicht laut genug verkünden kann.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

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