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Panorama Anne-Frank-Fonds: «Wir müssen die Rechte von Anne Frank wahren»

Ein Universitätsdozent hat die Texte von Anne Franks Tagebuch ins Netz gestellt hat. Yves Kugelmann, Mitglied des Stiftungsrates des Anne Frank Fonds, sagt, warum das falsch ist.

Eine Replika des Tagebuchs vom jüdischen Mädchen Anne Frank.
Legende: Anne Franks Tagebuch (im Bild eine Replika), fasziniert die Menschen bis heute. Keystone

Ein Universitätsdozent und eine Abgeordnete aus Frankreich haben das Tagebuch der Anne Frank frei abrufbar im Internet veröffentlicht. Die Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod von Anne Frank im Konzentrationslager sei ausgelaufen, argumentieren sie. Anders sieht dies der Anne Frank Fonds in Basel, der die Rechte am Tagebuch hält. Laut dem Fond, der von Annes Vater Otto Frank 1963 gegründet wurde, gilt eine 50-jährige Schutzfrist vom Zeitpunkt der Veröffentlichung der Originalschriften. Da diese erst 1986 veröffentlicht worden seien, seien diese noch mindestens bis 2037 urheberrechtlich geschützt, sagt der Fonds.

Zur Person

Zur Person

Yves Kugelmann ist ehrenamtliches Mitglied im Stiftungsrat des Anne Frank Fonds in Basel. Kugelmann ist Journalist und gibt unter anderem die jüdischen Magazine «Tachles» und «Aufbau» heraus.

SRF News: Wem gehört Anne Frank?

Yves Kugelmann: Sie gehört niemanden. Ihr Vater Otto Frank hat verfügt, dass der Nachlass mit allen Rechten an Werken oder etwa Fotos an den von ihm gegründeten Anne Frank Fonds gehen. Ziel des Fonds ist die Verbreitung des Tagebuches. Damit verbunden ist die Aufklärungsarbeit etwa gegen Diskriminierung und Antisemitismus.

Eine weite Verbreitung der vollständigen Texte im Internet müssten Sie sich demnach wünschen?

Beim Tagebuch handelt es sich um ein nicht zu Ende geschriebenes Werk und verschiedene Manuskripte. Eine editorische Bearbeitung ist daher Voraussetzung, wenn die Zeilen etwa in Schulen gelesen werden. Dafür ist Kompetenz, Expertise und auch Zugang zu den Familienarchiven wichtig. Notwendig ist auch, dass die Texte in die allgemeine Geschichte und in die Geschichte der Familie eingebettet werden, ebenso ist der jüdische Kontext zu beachten. Mit den Einnahmen aus den Lizenzen kann der Fonds das Tagebuch weltweit in guter Qualität, mit guten Übersetzungen und zu günstigen Preisen vertreiben. Daneben kämpft der Fonds seit Jahrzehnten gegen Fälschungsvorwürfe und hat die Beweisführung angetreten.

Was ist dann nach dem Jahr 2037, wenn die Rechte tatsächlich auslaufen?

Im Moment schreiben wir das Jahr 2016 und somit auch eine Transformation der
Geschichte, namentlich der Historisierung der Schoa. Zeitzeugen sterben aus und somit wird ein solches Zeitzeugnis noch wichtiger. Die Texte von Anne Frank sind
ein wesentliches Kulturerbe. Der Anne Frank Fonds hat allerdings nie einen Sonderschutz oder ein Sondergesetz – wie man das von anderen Texten und Werken kennt – beantragt, sondern beruft sich als Verfechter derjenigen auf die geltende Rechtsprechung. Wir wollen an Anne Frank kein Exempel statuieren, sondern eher auf die tausenden anderen Werkschaffenden erinnern, deren Werk in Vergessenheit geraten ist.

Anne Frank.
Legende: Die jüdische Familie Frank hatte sich seit 1942 in Amsterdam versteckt. Bis zur Deportation schrieb Anne ihr Tagebuch. Keystone

Trotzdem, für Sie ist 2037 offenbar das richtigere Datum als 2016, um die Texte freizugeben. Warum?

Der Fonds hat eine Verpflichtung gegenüber der Familie, dem letzten Willen des Vaters und im Speziellen gegenüber Anne Frank. Damit wahren wir gerade auch die Persönlichkeitsrechte der im Konzentrationslager umgekommenen Familienmitglieder. Anne Frank ist als 15-jährige ums Leben gekommen. Ihr Vater hätte die Texte der Öffentlichkeit vorenthalten können. Er tat dies nicht, sondern publizierte einen ersten Teil. Der Anne Frank Fonds machte schliesslich den ganzen Text zugänglich. Jeder und jede, die den Text bearbeiten möchte, kann beim Anne Frank Fonds die Rechte dafür erfragen.

Der Anne-Frank-Fonds soll jedes Jahr Millionen Franken einnehmen.

Die Familie hat nie Geld mit den Texten verdient. Otto Frank wollte das nicht. Der
Stiftungsrat arbeitet ehrenamtlich. Das Büro hat drei Teilzeitangestellte. Das Geld, das der Fonds einnimmt, fliesst in karritative und edukative Projekte weltweit oder in Projekte des Fonds. Weltweiter Partner ist unter anderem Unicef.

Legende: Video «Tagebuch der Anne Frank» im Internet zugänglich abspielen. Laufzeit 1:56 Minuten.
Aus Tagesschau vom 02.01.2016.

Wird der Fond nun rechtliche Schritte gegen jene unternehmen, die die Texte ins Netz gestellt haben?

Der Anne Frank Fonds ist seit Jahrzehnten mit Verletzungen des Copyrights konfrontiert. Wir entscheiden von Fall zu Fall zusammen mit unseren internationalen Partnern und Verlagen.

Das Gespräch führte Christa Gall.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Schutz wovor..... dieses Buch ist Allgemeingut und gehoert mE zum Pflichtfach.... an der Schule.. wobei, NIEMAND kann heute noch nachvollziehen was und wie es damals war.. selbst wir im Krieg geborenen und konfrontiert von Geburt weg... haben Muehe damit.Moege die Seele dieser geschunden Person die Ruhe gefunden haben die sie verdient und mit ihr alle die Opfer dieser schrecklichen Zeit.. aber DENKEN WIR daran, Solches nie mehr geschehen zu lassen.. im HEUTE, in Nahost zB!!!
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  • Kommentar von martin reiser (martin reiser)
    "Da diese erst 1986 veröffentlicht worden seien". Da stellt sich mir schon die Frage, was ich in den 70er Jahren an der Schule gelesen habe?
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    1. Antwort von Franz NANNI (Aetti)
      Also es ist lange her, aber ich habe von Anne Frank auch etwa in den spaeten 60ern, anfangs 70ern.. gelesen .. nicht ein Buch, sondern so ich mich erinnere aus Zetungen.. oder Radio..Film??? wir haben das in unserer "WG" in Zuerich ausgiebig diskutiert..
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  • Kommentar von Chris Leuenberger (Freudenberg)
    Das Interesse der Stiftung an der Kontrolle über die Editionen in allen Ehren: Die Auslegung "50 Jahre nach Veröffentlichung" scheint mir stark interessegeleitet und eigenwillig (obwohl ich nicht Jurist bin). Das hätte SRF auch abklären können, statt der einseitigen Darstellung im vorliegenden Interview. Es geht ja um den Schutz einer Erstveröffentlichung nachgelassener Schriften; das fällt mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit nicht unter die Schutzfrist von 50 Jahren. In dt. wären es 25 Jahre.
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    1. Antwort von Florian Frey (flofre)
      Ja, wieso lies man nicht einen Juristen zu Wort kommen, der sich mit Urheberrecht auskennt? (Hoff diese Thematik wird noch nachgeholt)
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