China liebt Kino, doch europäische Kunst hat es schwer

Ist am Filmfestival Locarno von der Zukunft des Mainstream-Kinos die Rede, so heisst das gelobte Land derzeit China. Hollywood dringt bereits aggressiv in den Markt ein. Das traditionelle europäische Filmschaffen dagegen interessiert die Chinesen nicht wirklich.

Als vor zwei Jahren der chinesische Low-Budget-Film «Lost in Thailand» in der Volksrepublik alle Rekorde brach, hatte das niemand erwartet. Die Slapstick-Komödie spielte umgerechnet fast 160 Millionen Franken ein und liess damit Dramen wie «Titanic» weit hinter sich. Dies rüttelte die einheimische Filmlandschaft gehörig durch.

Kinder im Kino.

Bildlegende: Das chinesische Publikum liebt Action-Filme: «Nur nicht zu ernst» – so lautet die Devise. Reuters/Archiv

Jahrzehntelang produzierten die Chinesen Kung-Fu- und teure, epische Historienfilme. Solch leichte Kost wie «Lost in Thailand» sei neu gewesen für chinesische Kinogänger, erinnert sich der Pekinger Filmproduzent Zhöng Ji Quong, der am Filmfestival in Locarno weilt: «Der Humor ist gut. Die Schauspieler sind bekannte chinesische Künstler. Das Publikum konnte sich identifizieren. Das haben die Chinesen noch nie gesehen und erlebt.»

Rasendes Kino-Wachstum

«Lost in Thailand» steht für den Hype, den es im Moment um den chinesischen Filmmarkt gibt. Während in Europa und in den USA Kinos schliessen, ist China der am schnellsten wachsende Kinomarkt weltweit. Es ist noch keine zehn Jahre her, da gab es im ganzen Land nur vereinzelte moderne Multiplex-Kinos. Inzwischen sind es landesweit über 4000 Grosskinoanlagen mit insgesamt rund 25'000 Leinwänden, und täglich kommen 17 neue dazu.

Dieses Wachstum löst in Hollywood und auch in Europa glänzende Augen aus. Die grossen Hollywood-Studios haben reagiert. Sie eröffneten in der Volksrepublik Ableger und investieren enorme Summen. Auch werden Stars wie Matt Damon oder Bruce Willis in chinesischen Grossproduktionen platziert.

«  Es ist unglaublich viel Geld vorhanden. Den meisten Produzenten geht es ums schnelle Geld und nicht um Qualität. »

Alex Weimer
Filmproduzent aus Berlin mit Firma «Moviebrats» in Peking

Die Europäer steigen erst jetzt auf den Zug auf. Einer davon ist der Berliner Filmproduzent Alex Weimer. Er ist mit seiner Firma «Moviebrats» nach Peking gezogen. Weimer bestätigt die Goldgräberstimmung, doch der Markt sei nicht einfach: «Es ist unglaublich viel Geld für Produktionen vorhanden. Doch die Mittel stammen oft nicht von Leuten, die vom Film kommen. Den meisten geht es ums schnelle Geld und nicht unbedingt um die Qualität.»

Amerikaner lassen sich Zensur gefallen

Der chinesische Filmmarkt ist stark reguliert. Nur 34 ausländische Filme werden jährlich von der Regierung zugelassen, die meisten kommen aus Hollywood. Die Amerikaner akzeptierten deshalb ohne grossen Widerstand, dass ihre Werke massiv gekürzt werden. So zum Beispiel im jüngsten James Bond-Film «Skyfall», in dem Agent 007 in Schanghai einen chinesischen Wachmann erschiesst. Diese Szene haben die Chinesen im Kino nie gesehen.

«  Die Zensurstelle hat weniger Angst vor politischen Aussagen als vor moralischen Entgleisungen. »

Zhöng Ji Quong
Filmproduzent aus Peking

Die rigide Zensurstelle habe weniger Angst vor unangebrachten, politischen Aussagen als vielmehr vor moralischen Entgleisungen, erklärt Produzent Zhöng Ji Quong: «Küssende Männer und überhaupt Homosexualität gibt es nicht im chinesischen Kino. Sexszenen sind erlaubt, aber nur ohne nackte Haut.»

Suche nach Zusammenarbeit

Von den Praktiken der Zensurstelle wollen sich die Europäer nicht abschrecken lassen. Sie wollen endlich den Markteintritt. Im Rahmen eines Förderprogramms trafen sich in Locarno deshalb europäische und chinesischen Filmschaffende- und -produzenten wie Zhöng Ji Quong, um über mögliche Kooperationen zu sprechen.

In fünf intensiven Tagen hat er nun einen Überblick über das aktuelle europäische Filmschaffen erhalten. Er bewundere das hiesige staatliche Fördersystem, meint er diplomatisch. Aber für den chinesischen Markt sei der klassische europäische Arthouse-Film nicht geeignet.

«  Je unterhaltsamer der Film, desto erfolgreicher ist er in China. »

Zhöng Ji Quong
Filmproduzent aus Peking

Er verweist auf die kulturellen Unterschiede und betont: «Ich sage nicht, dass Chinesen die europäische Kultur nicht verstehen wollen. Es ist aber hart für sie, den Film zu verstehen, wenn er zu ernst ist. Je unterhaltsamer, desto erfolgreicher in China.»

Europäische Filmproduzenten wie Weimer hoffen aber langfristig auf eine Geschmacksveränderung. Die kinogehende Zielgruppe werde älter werden und irgendwann eine gewisse Sättigung erleben, ist er überzeugt: «Sie werden in fünf bis zehn Jahren nach einer anderen Filmkultur fragen.»

So lang will Weimer natürlich nicht warten und passt sich nun dem chinesischen Geschmack an: Gemeinsam mit seinem chinesischen Produktionspartner schreibt er an einem Drehbuch. Es ist eine Action-Komödie über ein Strassenrennen.

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