Das Geschäft mit der vorgetäuschten Liebe boomt in China

Um die Neujahrszeit ist der Druck auf chinesische Singles besonders hoch. Wer keinen Partner nach Hause bringt, gerät vor den Eltern in Erklärungsnot. Findige Agenturen haben das Problem längst erkannt: Sie vermieten Männer und Frauen, die sich als potenzielle Schwiegertöchter und -söhne ausgeben.

Screenshot der Website von «Zu Nvyou».

Bildlegende: Die Agentur «Zu Nvyou» – zu Deutsch: «Miete eine Freundin» vermittelt fiktive Partnerinnen. Screenshot «Zu Nvyou»

Yoyo sitzt in einem Café im Shanghaier Stadtteil Pudong, vor sich hat sie eine Tasse Schwarztee mit Zitrone. Die 28-jährige Sekretärin entspricht dem chinesischen Schönheitsideal: Schlank, helle Haut, Augenlider mit Doppelfalte.

Ihren vollständigen Namen möchte Yoyo nicht in den Medien lesen – die Familie weiss nichts von ihrer Nebenbeschäftigung: Sie begleitet nämlich Männer nach Hause – und zwar zu deren Eltern.

Yoyo ist eine Mietfreundin – für 100 Franken pro Tag spielt sie die die zukünftige Schwiegertochter: «Der Kunde ruft mich an, sagt mir welche Rolle ich spielen soll; also, wie ich heisse, wie alt ich bin, was ich arbeite. Und er erzählt mir noch ein wenig über sich selbst. Das erste Mal war ich nervös, konnte mir nicht alles merken, aber inzwischen lerne ich schnell auswendig», erzählt Yoyo von ihrem speziellen Nebenerwerb.

Porträt von Yolo.

Bildlegende: Yoyo spielt die Rolle der potenziellen Schwiegertochter. SRF/Martin Aldrovandi

Nur Händchenhalten

Sollte ihr die passende Antwort plötzlich nicht in den Sinn kommen, übernimmt der Mann das Gespräch: «Er sagt dann seinen Eltern, sie sollten doch nicht so bohrend fragen, die junge Frau sei schliesslich sehr schüchtern. Zu detaillierte Fragen können wir so leicht abblocken.»

Manchmal schimpfe sie auch ein wenig mit den Männern, sagt Yoyo, so wie eine richtige Freundin. Intim wird sie mit ihren Kunden nie. Es gehe ja auch nicht um die Männer, sondern um deren Eltern: «Wenn wir zum Beispiel die Treppe hinuntergehen, und die Eltern uns vom Fenster aus beobachteten, halten wir Händchen – mehr ist nicht drin.»

Eine Frau nach dem Geschmack der Eltern

«Zu Nvyou» heisst die Agentur, für die Yoyo in ihrer Freizeit arbeitet – auf Deutsch: «Miete eine Freundin» – 20 Fillialen hat das Unternehmen in ganz China. Wer nicht über eine Agentur gehen will, schaltet selbst eine Annonce im Internet. Das versuchte Jianren, 30 Jahre alt, Einkäufer in einem Maschinenbauunternehmen in Shanghai. Seine Eltern sieht er einmal im Jahr über die Neujahrsferien: «Ich suchte eine zierliche junge Frau, mit einer netten Stimme – eine, wie sie meine Eltern mögen», erklärt er.

Fünf Frauen hätten sich bei ihm gemeldet. Die Ausserwählte spielte ihre Rolle der zukünftigen Schwiegertochter so gut, dass nicht einmal Jianrens Bruder Verdacht schöpfte.

200 Millionen Singles

Der chinesische Blockbuster-Film «Vertragsliebende» erzählt die Geschichte einer Mietfreundin, natürlich mit Happy End – das war vor bald zehn Jahren. Inzwischen hat die Realität den Film eingeholt. Das Phänomen der Mietpartner sei dabei voller Widersprüche, sagt die Soziologieprofessorin Liu Wenrong: «Einerseits demontieren wir damit die Vorstellung der schon fast heiligen Ehe und der wahren Liebe, andererseits zeigt das Phänomen aber auch, wie wichtig die Ehe in China noch immer ist. So wichtig, dass man sogar bereit ist, einen falschen Partner vorzuzeigen.»

Die Eltern ehren, das ist im konfuzianisch geprägten China noch immer sehr wichtig: Dazu gehört auch allerspätestens bis 30 zu heiraten und Kinder zu kriegen. Trotzdem hat die Anzahl der Singles auch in China zugenommen: 200 Millionen Erwachsene sind solo. Deren Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt.

Sicherheit plus die grosse Liebe

«Die Chinesen sind bei der Ehe sehr pragmatisch: Vom Staat gibt es kaum soziale Unterstützung, deshalb ist die Familie als Sicherheitsnetz so wichtig. Das ist auch der jungen Generation bewusst. Nur: Sie wollen auch noch Romantik, suchen den perfekten Partner, die ganz grosse Liebe. Das alles zusammen ist kaum möglich – deshalb schieben sie die Heirat auf», erklärt Soziologin Liu Wenrong das Phänomen.

Zurück im Café: Yoyo trinkt ihren Tee aus, streicht sich durchs rotgetönte Haar. Noch ein paar Jahre will sie die Mietfreundin spielen, danach wolle sie selbst heiraten und Kinder kriegen. Einen Freund habe sie schon, sagt sie, und zwar einen echten.