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Auf dem absteigenden Ast Das Vogelsterben geht weiter – mit einzelnen Ausnahmen

Europas Vögel sind auf dem Rückzug. Droht bald schon ein stummer Frühling? Ein Ornithologe zur Lage in der Schweiz.

Legende: Audio «In gewissen Gebieten kann es sehr ruhig werden» abspielen. Laufzeit 6:35 Minuten.
6:35 min, aus SRF 4 News aktuell vom 08.05.2017.
  • Amsel, Drossel, Fink und Star – in Europa nimmt die Zahl der Vögel ab.
  • Auch in der Schweiz sind die Zahlen einzelner Arten rückläufig. Doch es gibt auch positive Entwicklungen.
  • Bedroht werden diverse Vogelarten unter anderem durch die intensive Nutzung landwirtschaftlicher Flächen – aber auch durch naturferne Gestaltung von Privatgärten.

In Deutschland ist dieser Tage eine Diskussion um das Vogelsterben entbrannt: «Die Situation ist dramatisch», warnte die Grünen-Politikerin Steffi Lemke. Mit ihrem Befund ist sie nicht allein: Studien zeigen, dass die Zahl der Vogel-Brutpaare in der EU seit den 80er-Jahren um 300 Millionen zurückgegangen ist – ein Minus von 57 Prozent.

Doch auch die Schweiz ist keine ornithologische Insel der Glückseligkeit. Samuel Wechsler arbeitet bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach am neuen Brutvogel-Atlas der Schweiz. Darin wird – alle zwanzig Jahre neu – dokumentiert, wo welche Vogelarten brüten.

Dem Spatz fehlen sozusagen die Häuser.
Autor: Samuel WechslerMitarbeiter der Vogelwarte Sempach
Vogelscheuche in Maisfeld.
Legende: Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Früher waren Vogelscheuchen das grösste Ärgernis für Vögel. Heute ist es die Chemie. Keystone

Dass das Vogelgezwitscher in Schweizer Baumkronen bald verstummt, glaubt Wechsler zwar nicht: «In gewissen Gebieten kann es aber doch sehr ruhig werden.»

Wie im restlichen Europa auch, sind vor allem Vögel bedroht, die in Agrarlandschaften leben. «Gewisse Rückgänge» seien auch bei Insektenfressern und Vögeln zu verzeichnen, die lange Strecken zurücklegen und südlich der Sahara überwintern.

Gepflegte Gärten, hungrige Vögel

Der vielleicht prominenteste Betroffene: der Spatz. «Mit Blick auf die ganze Schweiz sehen wir zwar keinen klaren Trend, dass seine Bestände abnehmen», sagt Wechsler. «Wir stellen aber in verschiedenen regionalen Untersuchungen eine sehr starke Abnahme fest, etwa im Kanton Zürich oder der Bodenseeregion.»

Besorgniserregende Zahlen in Deutschland

In Deutschland hat etwa der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent abgenommen, die Zahl der Braunkehlchen um 63 Prozent, die der Uferschnepfen um 61 Prozent und die der Feldlerchen um 35 Prozent. Die Zahl der Rebhühner hat zwischen 1990 und 2015 sogar um 84 Prozent abgenommen. Ein Drittel aller Vogelarten zeigte seit Ende der 90er Jahre «signifikante Bestandsabnahmen». Die definitive Auswertung für den Schweizer Brutvogel-Atlas steht noch aus.
Hauskatze frisst Vogel.
Legende: Ein (niedlicher) Teil des Problems: Hauskatzen. Auch sie sind eine Gefahr für Wildtiere, beklagen Tierschützer. Reuters

Die Ursachenforschung gestaltet sich schwierig. Dass schlichtweg die Nahrung für die Vögel fehlt, ist eine naheliegende Erklärung: «Es wird vermutet, dass die Spatzen in unseren sehr stark gepflegten Gärten zu wenig Nahrung finden und die Nistmöglichkeiten – also Gebäudenischen – zunehmend verschlossen werden.» Dem Spatz fehlten, so Wechsler, sozusagen die Häuser.

Am meisten Sorgen macht Experten aber nicht die allzu propere «Gärtchen-Schweiz», sondern die Landwirtschaft. Mit Insektiziden wird zwar die Ernte geschützt. Gleichzeitig verschwindet aber auch die Nahrungsgrundlage vieler Vögel.

Zudem würden, wie Wechsler ausführt, landwirtschaftliche Flächen heutzutage sehr intensiv bewirtschaftet: «Das Gras wird sehr früh und sehr häufig geschnitten. Das gibt vielen Vogelarten gar nicht mehr die Zeit, ein Nest zu bauen und Junge aufzuziehen.»

Spatzen sitzen auf Drähten.
Legende: Mensch und Natur – ein spannungsgeladenes Verhältnis. Vogelexperte Wechsler sieht Handlungsbedarf. Reuters

Die guten Nachrichten aus der Vogelwelt

Vögel sind eine Art Warnanlage, wie es um unsere Natur und Biodiversität steht. Stellt der neue Brutvogel-Atlas der Schweiz diesbezüglich nun ein vernichtendes Zeugnis aus?

Nicht alles sei auf dem absteigenden Ast, sagt Wechsler: «Im Greifvogelschutz konnten in den letzten Jahrzehnten viele Probleme gelöst werden». So hätte das Verbot des Insektizids DDT Wirkung gezeigt. Zudem sei die Jagd auf Greifvögel weitgehend eingestellt worden.

Was tun?

Trotzdem sieht der Ornithologe Handlungsbedarf. «Es gibt in der Landwirtschaft Beispiele, in denen stark eingegriffen und die Biodiversität gefördert wurde.» Dies müsse aber verstärkt geschehen, um nachhaltig Fortschritte zu erzielen: «Hier braucht es eine engagierte Zusammenarbeit mit den Bauern, und zwar mehr, als es heute im Schnitt üblich ist.»

Schliesslich sei aber auch jeder Einzelne gefordert: Indem er etwa Produkte von Bauern und Labels kaufe, die sich aktiv für die Biodiversität einsetzten. Aber auch, indem Privatgärten naturnah gestaltet würden: «Denn sie sind die Grundlage für viele Vogelarten».

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14 Kommentare

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  • Kommentar von H. Wach (H. Wach)
    Als Beobachter der Biosphäre in Luzern stellen wir fest: Der Stadtgärtnerei u. dem Strasseninspektorat sind mit Steuergeldern zur Gestaltung, Pflege, Erhaltung 150ha! Grünflächen anvertraut. Beispiele: Obwohl die Freibäder ca. 320-340 Tage/Jahr unbenutzt! sind, mäht die Stadt ca. 20x den monotonen, leblosen Rasen auf ca. 60ha. bis auf die Wurzeln! Büsche, Sträucher, Bäume werden ständig verstümmelt (nachgeschnitten?). Folge: Vogelarten/Tiere sind wegen Nahrungsmangel u. Schutz verschwunden!
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    1. Antwort von H. Wach (H. Wach)
      Weitere Beispiele: Die Stadt Luzern schneidet auch ständig unbenutzte, blütenreiche Grünflächen an Schulhäusern, öff. Gebäuden, Weg- u. Strassenrändern. Die Folge: Keine Insekten, Schmetterlinge, Bienen (Bienensterben!), Hummeln, Insektenfresser, Vögel (u.a. Hausrotschwanz, Mönchsgrasmücke), Regenwürmer, Igel, usw. Sie fällte vor ca. 15 J. einen grossen Vogelbeerbaum. Verschwunden: Mistelamseln! Im 2012 Fällte man alle Haselnussbäume – keine Waldmäuse, Waldkauz, 4 Eichhörnchen verschwunden, usw.
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  • Kommentar von Willy Gruen (wgruen)
    Gepflegte Gärten machen zum Glück nur einen winzigen Bruchteil unserer natürlichen Umgebung aus. Darauf sind die Vögel ganz sicher nicht angewiesen. Dass wir unsere Umwelt in grossem Masse vergiften halte ich hingegen für weitaus wahrscheinlicher. Das hat jedoch weniger mit der Anzahl der Menschen zu tun als vielmehr mit Brennmotoren und -öfen aller Art und Überproduktion auf Teufel komm raus. Dennoch nisten sich bei mir jedes Jahr ungehemmt Spatzenpaare in den Rolllädenkästen ein.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Nun, es müssen ja nicht unbedingt Gärten sein. Da langen auch schon Balkonpflanzen, welche man gegen "Schädlinge" mit Giften besprüht aus. Und die Zubetonierung durch immer mehr Menschen im Land, trägt auch am Verschwinden von Vogelarten bei. So sind durch die Verbauung von Seeufern, od. Ufern von Flüssen & Bächen dort dann auch die Wasseramsel verschwunden. Und zusätzlich zu Giften, Brennmotoren & Öfen aller Art, ist es eben auch die Zubetonierung, welchen vielen Vögeln ihren Lebensraum nimmt.
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  • Kommentar von Rainer Fauser (Rainer Fauser)
    Nicht nur die konventionelle Landwirtschaft und private Gärten haben die Schuld am Artenrückgang, sondern die Hauptschuld liegt an der Übernutzung, Zersiedelung und Betonierung der Fläche. Die Masseneinwanderung der Menschen in die CH ist bestimmt kein Segen für die Natur, es gibt zu viele des Homo sapiens hier. Dies ist die Hauptursache der Naturzerstörung! Man mogelt sich um die Wahrheit herum, weil es politisch unkorrekt wäre, die tatsächliche Ursachen zu benennen.
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