Auf dem absteigenden Ast Das Vogelsterben geht weiter – mit einzelnen Ausnahmen

Europas Vögel sind auf dem Rückzug. Droht bald schon ein stummer Frühling? Ein Ornithologe zur Lage in der Schweiz.

  • Amsel, Drossel, Fink und Star – in Europa nimmt die Zahl der Vögel ab.
  • Auch in der Schweiz sind die Zahlen einzelner Arten rückläufig. Doch es gibt auch positive Entwicklungen.
  • Bedroht werden diverse Vogelarten unter anderem durch die intensive Nutzung landwirtschaftlicher Flächen – aber auch durch naturferne Gestaltung von Privatgärten.

In Deutschland ist dieser Tage eine Diskussion um das Vogelsterben entbrannt: «Die Situation ist dramatisch», warnte die Grünen-Politikerin Steffi Lemke. Mit ihrem Befund ist sie nicht allein: Studien zeigen, dass die Zahl der Vogel-Brutpaare in der EU seit den 80er-Jahren um 300 Millionen zurückgegangen ist – ein Minus von 57 Prozent.

Doch auch die Schweiz ist keine ornithologische Insel der Glückseligkeit. Samuel Wechsler arbeitet bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach am neuen Brutvogel-Atlas der Schweiz. Darin wird – alle zwanzig Jahre neu – dokumentiert, wo welche Vogelarten brüten.

«  Dem Spatz fehlen sozusagen die Häuser. »

Samuel Wechsler
Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach

Vogelscheuche in Maisfeld.

Bildlegende: Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Früher waren Vogelscheuchen das grösste Ärgernis für Vögel. Heute ist es die Chemie. Keystone

Dass das Vogelgezwitscher in Schweizer Baumkronen bald verstummt, glaubt Wechsler zwar nicht: «In gewissen Gebieten kann es aber doch sehr ruhig werden.»

Wie im restlichen Europa auch, sind vor allem Vögel bedroht, die in Agrarlandschaften leben. «Gewisse Rückgänge» seien auch bei Insektenfressern und Vögeln zu verzeichnen, die lange Strecken zurücklegen und südlich der Sahara überwintern.

Gepflegte Gärten, hungrige Vögel

Der vielleicht prominenteste Betroffene: der Spatz. «Mit Blick auf die ganze Schweiz sehen wir zwar keinen klaren Trend, dass seine Bestände abnehmen», sagt Wechsler. «Wir stellen aber in verschiedenen regionalen Untersuchungen eine sehr starke Abnahme fest, etwa im Kanton Zürich oder der Bodenseeregion.»

Besorgniserregende Zahlen in Deutschland

In Deutschland hat etwa der Bestand der Kiebitze zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent abgenommen, die Zahl der Braunkehlchen um 63 Prozent, die der Uferschnepfen um 61 Prozent und die der Feldlerchen um 35 Prozent. Die Zahl der Rebhühner hat zwischen 1990 und 2015 sogar um 84 Prozent abgenommen. Ein Drittel aller Vogelarten zeigte seit Ende der 90er Jahre «signifikante Bestandsabnahmen». Die definitive Auswertung für den Schweizer Brutvogel-Atlas steht noch aus.
Hauskatze frisst Vogel.

Bildlegende: Ein (niedlicher) Teil des Problems: Hauskatzen. Auch sie sind eine Gefahr für Wildtiere, beklagen Tierschützer. Reuters

Die Ursachenforschung gestaltet sich schwierig. Dass schlichtweg die Nahrung für die Vögel fehlt, ist eine naheliegende Erklärung: «Es wird vermutet, dass die Spatzen in unseren sehr stark gepflegten Gärten zu wenig Nahrung finden und die Nistmöglichkeiten – also Gebäudenischen – zunehmend verschlossen werden.» Dem Spatz fehlten, so Wechsler, sozusagen die Häuser.

Am meisten Sorgen macht Experten aber nicht die allzu propere «Gärtchen-Schweiz», sondern die Landwirtschaft. Mit Insektiziden wird zwar die Ernte geschützt. Gleichzeitig verschwindet aber auch die Nahrungsgrundlage vieler Vögel.

Zudem würden, wie Wechsler ausführt, landwirtschaftliche Flächen heutzutage sehr intensiv bewirtschaftet: «Das Gras wird sehr früh und sehr häufig geschnitten. Das gibt vielen Vogelarten gar nicht mehr die Zeit, ein Nest zu bauen und Junge aufzuziehen.»

Spatzen sitzen auf Drähten.

Bildlegende: Mensch und Natur – ein spannungsgeladenes Verhältnis. Vogelexperte Wechsler sieht Handlungsbedarf. Reuters

Die guten Nachrichten aus der Vogelwelt

Vögel sind eine Art Warnanlage, wie es um unsere Natur und Biodiversität steht. Stellt der neue Brutvogel-Atlas der Schweiz diesbezüglich nun ein vernichtendes Zeugnis aus?

Nicht alles sei auf dem absteigenden Ast, sagt Wechsler: «Im Greifvogelschutz konnten in den letzten Jahrzehnten viele Probleme gelöst werden». So hätte das Verbot des Insektizids DDT Wirkung gezeigt. Zudem sei die Jagd auf Greifvögel weitgehend eingestellt worden.

Was tun?

Trotzdem sieht der Ornithologe Handlungsbedarf. «Es gibt in der Landwirtschaft Beispiele, in denen stark eingegriffen und die Biodiversität gefördert wurde.» Dies müsse aber verstärkt geschehen, um nachhaltig Fortschritte zu erzielen: «Hier braucht es eine engagierte Zusammenarbeit mit den Bauern, und zwar mehr, als es heute im Schnitt üblich ist.»

Schliesslich sei aber auch jeder Einzelne gefordert: Indem er etwa Produkte von Bauern und Labels kaufe, die sich aktiv für die Biodiversität einsetzten. Aber auch, indem Privatgärten naturnah gestaltet würden: «Denn sie sind die Grundlage für viele Vogelarten».