Mythos Terra Incognita Der Meeresgrund stinkt zum Himmel

  • 11 Kilometer unter der Meeresoberfläche gibt es grosse Mengen an giftigen Stoffen.
  • Es handelt sich um PCB und PBDE. Zum Teil wurden sie in den 1970er-Jahren verboten.
  • Messungen gestalten sich aufgrund der extremen Tiefe, Kälte und Dunkelheit schwierig.
  • Neue, zusätzliche Verschmutzungen drohen vor allem duch kleinste Plastikpartikel.

Die Tiefsee gilt als letzter weisser Fleck auf der Erde: Man weiss mehr über die Oberfläche des Mondes als über die Tiefen der Ozeane, heisst es immer wieder. Doch das stimmt leider nicht, wie Tiefseeforscher nun herausgefunden haben.

Die Forscher untersuchten die tiefste Region des Ozeans, den 11'000 Meter tiefen Marianengraben im Pazifik. Eine extreme Umwelt, sagt Alan Jamieson von der schottischen University of Aberdeen, der die neue Studie gemacht hat. «Es herrscht enormer Druck, ist eisig-kalt und stockfinster», erklärt er. Standhalten können dem nur speziell angepasste Kreaturen; manche Flohkrebschen-Arten zum Beispiel.

Für Flohkrebschen ist das Nahrungsangebot knapp

«Sie müssen fressen, was von oben herunter kommt – vor allem Partikel aus organischem Material», so Jamieson. Aber Nahrung ist knapp, und die Tiefseewesen sind hocheffiziente Fresser: Sie verschlingen innert Kürze das dreifache ihres Gewichts.

Auf diesem Weg kommen auch die Giftstoffe in ihren Körper, die Jamieson nun gemessen hat. Es handelt sich um zwei Stoffklassen, die PCB und die PBDE, die teils bereits in den 1970er-Jahren verboten wurden, weil sie bei manchen Tieren die Fortpflanzung stören und in der Natur kaum angebaut werden.

Neue Gefahr durch Kosmetikzusätze und andere Plastikpartikel

Auch wenn PCB-Giftstoffe heute verboten sind, die Tiefsee bleibt auch künftig nicht vor problematischen Substanzen verschont. Zum Beispiel stecken in manchen Kosmetikprodukten schwer abbaubare Plastikpartikel, die via Duschwasser, Kanalisation und Flüsse ins Meer gelangen: Einmal mehr sei die Menschheit dabei, einen Fehler zu wiederholen, klagt Alan Jamieson von der Universität Aberdeen. «Wir haben nichts gelernt.»

Und trotzdem hat Jamieson sie nun in den Flohkrebschen der Tiefsee noch gefunden, teilweise in grosser Menge. Bernhard Wehrli vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag sagt dazu: «Es ist spannend, dass man jetzt sogar in der tiefsten Tiefsee Anreicherungen von diesen Schadstoffen in Organismen findet. Allerdings wusste man schon, dass diese Schadstoffe weltweit verteilt sind. Dann ist es auch nicht erstaunlich, dass sie überall vorhanden sind.»

Das sieht auch Jamieson so. Nur konnte bisher niemand die nötigen Messungen machen, weil es enorm aufwendig ist, die Flohkrebschen dafür an die Oberfläche zu holen. Und so hielt sich der Mythos der unberührten, intakten Tiefsee bis heute.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Tiere unter dem Messer: Im Innern des Tiefsee-Kalmars

    Aus Einstein vom 18.12.2014

    Er ist seit Jahrhunderten ein Mythos: der Tiefsee-Kalmar. Einem japanischen Kamerateam ist es im vergangenen Jahr erstmals gelungen, diesen Riesen-Tintenfisch in seinem Lebensraum zu filmen. Gleichzeitig blickt ein Team von Anatomen ins Innere eines tot an Land gezogenen Tiers, um die Geheimnisse seiner Anatomie und Lebensweise zu lüften.