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Wer hat's erfunden? Der Schweizer Mythen-Check

Seit über 200 Jahren wird in der Schweiz der Unspunnen-Stein gestossen. Ein echt eidgenössischer Brauch. Am Sonntag ist es wieder soweit. Doch wie schweizerisch sind andere Traditionen, die wir als die Unseren betrachten? Der Mythen-Check.

Legende: Video Alles wirklich urschweizerisch? abspielen. Laufzeit 03:43 Minuten.
Aus 10vor10 vom 22.08.2017.

Sie sind alt. Uralt. Und sie sind schweizerisch. Unsere Bräuche. Doch stimmt das wirklich? «10vor10» hat nachgefragt:

Mythos 1: Das Edelweiss-Hemd. Das Kleidungsstück der Schwinger und wackeren Sennen. Eine alte Tradition?

Ein Mann und zwei Frauen, ein Edelweiss-Hemd tragend
Legende: SRF

Nein. Der mythenbeladene Sennenstoff ist eine neumodische Erfindung. Immerhin aber erfunden in der Schweiz. «Der Edelweiss-Stoff ist gut 50 Jahre alt, er kommt also aus den 60er Jahren. Alles was vorher war, sah völlig anders aus. Ob vor 100 Jahren oder vor 1000 Jahren», sagt Folklore-Experte Martin Sebastian.

Mythos 2: Das Alphorn. Ein Instrument wie aus Urzeiten?

Drei Alphornbläser
Legende: SRF

Nein. Genau so wie heute gab es das Alphorn früher nicht. Es ist eine moderne Schöpfung. «Das Alphorn, so wie wir es heute kennen, gibt es seit etwa 100 Jahren. Vorher gab es Hirtenhören, die waren etwa halb so lang und halb so dick. Sie sind einfacher zu konstruieren, aber schwieriger zu spielen», erklärt Sebastian.

Um das Jahr 1800 war das Hirtenhorn quasi ausgestorben: Ans erste Unspunnenfest 1805 kamen bloss zwei Alphornbläser. «Als man merkte, dass es um die damaligen Alphörner schlecht stand, hat man versucht das Alphorn oder diese Szene zu retten. Man hat Instrumente bauen lassen. Und man hat Lehrer beauftragt, interessierte Älpler zu unterrichten, welche dann auch diese Instrumente erhielten», sagt der Spezialist für Folklore.

Mythos 3: Schwingen. Wer hat es erfunden?

Männer am Schwingen
Legende: Keystone

Leider nicht die Schweizer. Auch in Senegal ist der Nationalsport ein Kleider-Ringen, hier heisst es «Lutte Senegalaise». Bis nach Korea ist Schwingen verbreitet – der Kampf Mann gegen Mann heisst hier «Sireaum». «Es gibt auf der ganzen Welt Schwingen oder Ringen. So wie der Sport in der Schweiz betrieben wird, ist es einfach eine spezielle Form», so Sebastian.

Manche Schweizer Traditionen mögen nicht ganz so exklusiv sein. Doch sie leben stärker denn je: Gerade weil sie sich immer wieder neu erfinden.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Tobi Hartmann (Tobias Hartmann)
    So wie auch die Schweizer Ländlermusik. Diese wurde von Stadtzürchern irgendwann im 19.Jh. etabliert und komponiert als Teil einer erfundenen Schweizer Identität für den Tourismus - um sich gegen die weitverbreitete Bayrische Musik zu unterscheiden.
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    1. Antwort von HP Korn (HaPeChe)
      ... und aus dem Bedürfnis, für die damals noch junge (erst 1848 begründete) Neue Schweiz nach dem vorangegangenen Bürgerkrieg (als Folge des Zusammenbruchs der Alten Eidgenossenschaft, der Helvetik, der Mediationszeit, der konservativen Restauration und der liberalen Regeneration als Opposition) eine Schweizerische Identität zu konstruieren. Nicht nur die Schweizer Ländlermusik war Teil dieser Konstruktion.
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  • Kommentar von HP Korn (HaPeChe)
    Fakten und Mythen haben kaum etwas gemeinsam. So etwa gibt es lange Trompeten aus Holz mit der Form des Alphorns auch in Tibet, den Pyrenäen und den Karpaten und bei den Kirgisen. Und: Leopold Mozart hat die Sinfonia pastorella für Alphorn und Streicher komponiert - und zwar nicht in der Schweiz. Und: 1891 wurden die ersten mehrere tausend Schweizer Offiziersmesser von der deutschen Messermanufaktur Wester & Co. aus Solingen geliefert, da es keine dafür geeignete Schweizer Firma gab.
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  • Kommentar von Fabian Bächi (Fabian Han Bächi)
    @srf das mit dem Alphorn stimmt nicht ganz, schon 1527 ist in einem Rechnungsbuch des Klosters St. Urban ein Eintrag über "zwei Leute die im Wallis ein Alphorn spielen".
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