Die Glasfaserkabel von Island: Eindrücklicher als Geysir & Co.

Islands Natur ist eindrücklich. Wirklich aus der Fassung bringt Digitalredaktor Reto Widmer aber ein Kabel. Es verbindet Dänemark mit Island und könnte alleine die Datenmenge zwischen den USA und Europa bewältigen. Wir haben den Datenschlauch angefasst – und wurden danach von Glasfasern verfolgt.

Das Bild zeigt Redaktor Reto Widmer, wie er das Farice-Kabel mit der Hand umfasst. Das Kabel verbindet Dänemark mit Island - es ist das wichtigste Kommunikationskabel für Island.

Bildlegende: Islands Daten im Griff. Gefühl? Unbeschreibliche Demut! SRF

«Du kannst ‹Hallgeirsey› in dein Handy eingeben – oder wir treffen uns gleich an der Tankstelle», schrieb Örn Orrason in einem Mail kurz vor meiner Abreise.

Örn arbeitet bei Farice, dem Betreiber des Kabels, das Island mit Dänemark verbindet und so ans weltweite Internet anschliesst. Örn hat 2009 die Verlegung des Kabels mit einem Spezialschiff geleitet – es ist sein Baby. Kostenpunkt: 90 Millionen Euro.

«Hallgeirsey» also. Klingt isländisch und gut. Aber Google Maps und mein Handy können damit nichts anfangen. Dann eben: Die Tankstelle von Hvolsvöllur, ein Dorf mit knapp 1000 Einwohnern im Süden von Island, eine Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Reykjavík entfernt. Örns Identifikationsmerkmal: Ein «brauner Landcruiser».

Nüchtern ist untertrieben: In diesem Betonbunker landet das Untersee-Datenkabel, das von Dänemark kommt.

Bildlegende: Nüchtern ist untertrieben: In diesem Betonbunker landet das Untersee-Datenkabel, das von Dänemark kommt. SRF

«Fahr' mir einfach nach – ich hoffe, ich finde die Stelle noch», witzelt Örn. Der Weg führt uns einige Kilometer der Ringstrasse 1 entlang, dann biegen wir rechts ab, Richtung Küste, auf eine nicht asphaltierte Nebenstrasse.

Das ist für Björn in seinem Landcruiser noch lange kein Grund, vom erlaubten Tempo 90 abzuweichen, für mich im ebenfalls ordentlich geländegängigen Toyota aber eine Herausforderung, den Anschluss nicht zu verlieren. Zwanzig Minuten später landen wir dort in einer Sackgasse. Ein Kiesplatz, rechts davon Dünen, dahinter einige hundert Meter schwarzer, sehr feiner Vulkansand, dann das Meer. Im Hintergrund das Schreien unzähliger Vögel.

Und linker Seite mein Ziel: Ein niedriges, rechteckiges Gebäude, umzäunt, vorne dran ein Tor, gesichert mit einer rostigen Kette. Bei uns würde man ein kleines Gefängnis vermuten oder ein Wasserreservoir, allenfalls eine Telefonzentrale oder ein Zeughaus der Armee.

Kabel von Dänemark bis nach Grönland

Hier in Island ist es eines der wichtigsten Gebäude überhaupt: Im Innern kommen zwei Unterseekabel an: Eines von Dänemark («Danice») und eines, das weitergeht nach Grönland («Greenland Connect»). Das Gebäude ist entsprechend symmetrisch gebaut, zwei Räume für zwei Kabel, «Danice» ist rechts, «Greenland Connect» links.

Erste Hürde auf dem Weg zum Kabel.

Bildlegende: Erste Hürde auf dem Weg zum Kabel. SRF

Örn schaut auf seinem Smartphone einen Code nach, gibt diesen bei einer kleinen Box rechts vom Tor ein und entnimmt ihr einen Schlüssel. Damit entriegelt er das Vorhangschloss, das die rostige Kette am Tor zusammenhält. «Hochsicherheit sieht anders aus!», denke ich, werde aber nach einigen Schritten hinter dem Gebäude eines besseren belehrt.

Auf dem Weg weist mich Örn auf die surrenden Klima-Aggregate hin an der Aussenseite des Gebäudes: Die Apparate im Maschinenraum erzeugen viel Hitze und müssen gekühlt werden. Kein Problem in Island: Draussen ist es sowieso meistens kühl und wenn nicht, gibt es billigen Strom, da in grossen Mengen vorhanden. Alles Öko aus Wasserkraft oder thermischer Energie.

Island nutzt diesen Vorteil und mischt international im Geschäft mit Rechen- und Datencentern mit. Das generiert einen grossen Datenstrom, der ebenfalls über dieses Kabel läuft. Diese Nutzung sei wichtig, meint Örn, weil das Kabel sonst für ein so kleines Land wie Island mit etwas mehr als 300'000 Einwohner ein Luxus wäre. 90 Millionen Euro nur für die eigene Internetversorgung: Ohne die Vermietung von Daten-Kapazitäten an Rechenzentren wären die Abos für die einzelnen Haushalte viel zu teuer.

Daten von BMW und VW, gerechnet in Island

Ausländische Firmen sorgen also indirekt dafür, dass die Isländer Highspeed-Internet haben – zu vernünftigen Preisen. BMW etwa hat in der Nähe des Flughafens Reykjavík seine Computer in einem Rechenzentrum aufgestellt. Wenn ein Ingenieur in München ein neues Modell entwickelt, werden die Daten in Island gerechnet. Vor wenigen Tagen hat sich auch Volkswagen bei einem Rechenzentrum in Island eingemietet. «Deutschland ist 25 Millisekunden von hier entfernt», sagt Örn. So lange dauert es, bis ein Photon von dort bis zu uns geflitzt ist.

Eingang zu den beiden Seekabeln. Das Holz hat nichts zu bedeuten.

Bildlegende: Zweite Hürde auf dem Weg zum Kabel. Der Holzstamm hat nichts zu bedeuten. SRF

Durch das Danice-Unterseekabel, dem wir nun nur noch zwei Türen entfernt sind. Von oben beobachtet uns eine Kamera. Örn telefoniert in die Firmenzentrale, damit ein Mitarbeiter die Türverriegelung öffnet. Aus irgendeinem Grund schafft der das nicht auf Anhieb.

Während wir warten, erzählt mein Begleiter stolz, dass «Danice» seit Inbetriebnahme 2009 ohne Probleme laufe. Das sei nicht selbstverständlich! In Irland beispielsweise hätten sie «quasi wöchentlich» Ausfälle, vor allem, weil Fischer mit ihren Ankern die Meereskabel beschädigten. Hier in Island sei die Zusammenarbeit mit den Fischern sehr gut. Sie halten die 500-Meter-Sperrzone zum Kabel ein und falls nicht, warne ein automatisches Radarsystem direkt auf dem Fischerboot.

Dritte Hürde auf dem Weg zum Kabel. Drinnen, aber noch nicht ganz.

Bildlegende: Dritte Hürde auf dem Weg zum Kabel. Drinnen, aber noch nicht ganz. SRF

Wegen der Fischgründe nimmt das 2900 Kilometer lange Kabel nicht den direkten, kürzesten Weg nach Dänemark. Es führt zuerst nach Westen, etwa 200 Kilometer, dann biegt es nach Osten ab Richtung Dänemark. Der andere Grund für das Zickzack sind mögliche Vulkanausbrüche. Ganz in der Nähe ist Vulkan Katla, einer der Aktivsten Islands. Er bricht regelmässig etwa alle 100 Jahre aus und steht in diesen Tagen erneut unter Hochdruck. «Er könnte theoretisch gerade jetzt ausbrechen», sagt Örn. Und dann können unterirdische Schlammströme und Erdverschiebungen das Kabel zerreissen. Durch die angepasste Linienführung liegt es aber ausserhalb der Gefahrenzone.

Ich bin drin – in der gähnenden Leere

Örn telefoniert wieder in die Zentrale, ob noch was gehe heute. Endlich öffnet sich die Türe, ich höre ein Surren, wir sind drinnen, aber noch nicht ganz. Eine weitere Türe sichert den Maschinenraum.

Noch ein Anruf – dann haben wir es geschafft. Auch die letzte Tür öffnet sich, das Surren wird noch lauter – und dann sehe ich: Fast nichts. Nur Leere. Ganz hinten an der Wand sehe ich immerhin ein Kabel, es hängt wie ein Gartenschlauch aufgerollt an der Wand. Ist das das grandiose Kabel, über das Daten von BMW und das Internet der ganzen Insel fliessen? Ja. Das ist es.

Gähnende Leere: Die Geräte, die die Laser-Lichtwellen erzeugen, sind seit 2009 stark geschrumpft.

Bildlegende: Gähnende Leere: Die Geräte, die die Laser-Lichtwellen erzeugen, sind seit 2009 stark geschrumpft. SRF

Wieso ein so grosser Raum für einen Gartenschlauch und ein paar kühlschrankgrosse Geräte links vom Kabel? «Technischer Fortschritt», erklärt Örn. Zu Beginn waren die Geräte grösser und haben den Raum ausgefüllt. Nur gerade sieben Jahre später benötigen die Apparate, die die Lichtwellen erzeugen, noch einen Viertel des Platzes.
Und sind gleichzeitig auch leistungsfähiger: 2009 gingen 5 Terrabit pro Sekunde durch den Schlauch, heute sind es 35 Terrabit pro Sekunde. «Das entspricht der Datenmenge, die zwischen Europa und den USA über den Atlantik fliessen.»

Danice könnte also den ganzen Verkehr zwischen den beiden Kontinenten übernehmen. Tut es aber nicht – derzeit sind nicht einmal zwei Prozent der Kapazität ausgelastet.

Jedem Kabel seine Beschriftung.

Bildlegende: Jedem Kabel seine Beschriftung. SRF

«Das wird nie voll», ist Örn überzeugt. Denn die Lasertechnologie werde immer besser und die Datenmenge, die durch dasselbe Kabel passe, entsprechend grösser.

Glasfaserkabel – ein Wunderding der Technik. Sie kommen nicht nur im Meer vor. Glasfaser verlegen die Isländer überall, auch an abgelegenen Orten, wo man sie nicht vermuten würde. Von hier fliessen die Daten über Glasfaser auf die ganze Insel oft direkt ins Haus der Kunden – nicht nur in der Hauptstadt.

Kabel verlegen im Doppelpack

Zum Beispiel in den Westfjords. Ich traf dort – reiner Zufall – auf der Strasse 61 zwei kräftige Männer, im Niemandsland einige Kilometer nach Litlibær, einem kleinen Bauernhof aus dem Jahr 1895, der heute als Museum dient.

Die Arbeiter verlegten neben der Strasse Strom- und Glasfaserkabel in einem Arbeitsgang. Möglich macht dies eine kuriose Maschine, die etwa zehn Meter pro Minute zurücklegt, hinter sich mit einem Pflug den Boden aufreisst und gleichzeitig die beiden Kabel imi Graben versenkt. Das Stromkabel ohne zusätzliche Hülle, das Glasfaserkabel in einem orangen Schutzrohr.

Zurück bleibt eine kleine Wunde in der Landschaft, die die Männer mit Erde füllen und alle paar hundert Meter mit einem kleinen Pflock markieren. Achtung: Kabel!

Des Bauers neue Glasfaserleitung

«Ich bin der westlichste Bauernhof!» lacht Árni – nicht nur auf Island, in ganz Europa. Nach mir kommt nur der Atlantik. Stimmt! Die Fahrt zu seinem Bed and Breakfast führte mich über die Route 60, ab der Tankstelle bei Flókalundur etwa eine Stunde un-asphaltiert zum Dynjandi Wasserfalls – und von dort nochmals rund zwanzig Minuten weiter auf einem Feldweg, der kriminell gefährlich in den linken Abhang des Fjords hineinkonstruiert wurde.

Árni hat Glasfaser-Internet in der Wiese und bald auch im Haus.

Bildlegende: Bauer Árni hat Glasfaser-Internet in der Wiese und bald auch im Haus. SRF

Am Ende des Weges: Die Laugabol Farm. Mir fällt in der Wiese sofort ein achtlos hingeworfenes Glasfaserkabel auf.

Wie kommt das hier her? «Glück gehabt!» meint Árni und zeigt zum Berg hinauf. In einer Distanz von etwa einem Kilometer steht eine Handyantenne, die das ganze Gebiet versorgt. Sie ist neu – und benötigt ein Glasfaserkabel zur Versorgung. Der beste und direkteste Weg führte bei Árnis Bauernhof vorbei. Ein Bagger hat vor kurzem den ganzen Hang hinauf bis zur Antenne einen Graben ausgehoben und das Kabel darin versenkt. Die Spuren am Berg sind noch sichtbar.

Bald wird die Telekomfirma den «Abzweiger» bis ins Haus legen – dann hat Árni eine Internetkapazität, wie sie in vielen Gebieten der Schweiz noch jahrelang nicht zur Verfügung stehen wird.

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