Regulierender Eingriff Eierstechen gegen die Vermehrung der Schwäne

Der Schwan steht für das Gute und Reine, ist aber auch eine Plage. Augenschein bei einem umstrittenen Pilotprojekt.

Wildtiere im Visier der Politik – eine Auswahl

  • Stolz, elegant, majestätisch: Der Schwan ist nach dem Adler der beliebteste Vogel.
  • Er sorgt aber auch für Unmut: Besonders Bauern klagen über verkotete Wiesen und Felder.
  • Da es schlicht zu viele Schwäne gibt, sollen die Bestände künftig reguliert werden. Wie das geschehen soll, ist allerdings umstritten.
  • In einem fünfjährigen Pilotversuch werden in den Kantonen Nid- und Obwalden frisch gelegte Schwaneneier aufgestochen. Wir waren dabei.

Vom Militärflugplatz Alpnach her dröhnen Flugzeugmotoren, ganz in der Nähe rauscht die Autobahn, aber sonst ist der Wichelsee ein Naturparadies. Wenn es schön sei, sagen die Wildhüter, seien die Bäume am Ufer voller Kormorane.

Heute sind Klaus Hurschler und Jagdverwalter Cyril Kesseli aber nicht wegen ihnen mit dem Ruderboot unterwegs, sondern wegen der Schwäne. Denen gefällt es am seichten Wichelsee (OW) ganz besonders gut.

Bildlegende:

Im Schwanenparadies

Der Ort ist attraktiv für die Schwäne, von überall her können sie zu den Wasserpflanzen am Ufer paddeln. Die Folge der paradiesischen Zustände: Die Wasservögel vermehren sich prächtig am Wichelsee. Rund 30 Tiere, darunter sechs brütende Paare, sind es mittlerweile.

Vor allem der Bauer in der Nachbarschaft beklagt sich über verkotete Wiesen. Deswegen geht es den Schwänen jetzt an den Kragen, beziehungsweise ihrem ungeborenen Nachwuchs. Im schwer zugänglichen Schilf-Dickicht bauen die Schwäne ihre Nester und legen ihre Eier.

Besser die Eier anstechen, als später lebendige Tiere abschiessen, finden die Wildhüter – und findet offenbar auch die Öffentlichkeit. Jedenfalls gab es keine Einsprachen gegen das Obwaldner Regulierungsprojekt.

Wildhüter sticht Eier auf einem Nest.

Bildlegende: ...der Wildhüter waltet seines Amtes. Die Überpopulation wird mit einem beherzten Stich eingedämmt. Max Akerman/SRF

Ob andere Massnahmen vielleicht nicht doch besser wären, um die Schwanenbestände zu verkleinern, werde sich zeigen, heisst es beim Bundesamt für Umwelt. Viel gewonnen wäre schon, wenn niemand mehr die Tiere füttern würde. Schliesslich seien Schwäne keine Streichel-, sondern Wildtiere.

Operation geglückt

Das merken wir wenig später. Ein aggressives Männchen verteidigt seine Brut: Bedrohlich schlägt es mit den Flügeln, faucht die Eindringlinge an, muss sich dann aber doch geschlagen geben. Aus ein paar Metern Distanz beobachtet er die Nesträuber. Die erfahrenen Wildhüter wissen: das Zeitfenster, um zuzustechen, ist klein. Denn bald sitzt der Schwan wieder auf seinem Nest.

Dort brütet er weiter, ohne zu merken, dass dieses Jahr bloss ein Küken schlüpft – genau was die Wildhüter erreichen wollten. Der Eingriff verläuft reibungslos. Für sie ist die Arbeit fürs erste getan.

In ein, zwei Wochen werden Klaus Hurschler und Cyrill Kesseli noch einmal die Schwanennester am Wichelsee kontrollieren, neu gelegte Eier anstechen und darauf hoffen, ihr Ziel so zu erreichen: den Schwanenbestand im Kanton zu halbieren.

Fünf Fakten über die Höckerschwäne

Schwäne sind Erotik-Symbole: Kaum ein Vogel ist bei den Menschen so beliebt, wie der Schwan. Schon in der antiken Mythologie verführte Zeus in Schwanengestalt die Königstochter Leda. Leda mit dem Schwan gehört seither zu den beliebtesten erotischen Motive in der Kunst. Leonardo da Vinci verewigte es, aber auch für Kitsch und Kommerz müssen schnäbelnde Schwäne herhalten, millionenfach abgedruckt auf Valentinskarten.
Schwäne sind Einwanderer: Schwäne gehören zu Schweizer Seen wie Raclette zu einem Skihüttenfest. Dabei sind diese grössten flugfähigen Wasservögel eigentlich Fremdlinge. Erst im Mittelalter holten sie europäische Adelige aus dem Orient als Statussymbole an ihre Höfe. In der Schweiz sind die Höckerschwäne erst seit Mitte des 19.Jahrhunderts heimisch. Sie müssten eigentlich als Neozoe gelten, als eine gebietsfremde Art, doch die Menschen in Westeuropa haben sie mittlerweile adoptiert.
Schwäne sind in der Schweiz geschützt: Höckerschwäne haben keine natürlichen Feinde, auch nicht den Menschen. In der Schweiz sind sie eine geschützte Tierart. Wildhüter durften bis jetzt Schwäne nur töten, wenn erheblicher Schaden nachgewiesen werden konnte. Letztes Jahr nahm das Parlament aber eine Motion an, die den Schutz der Schwäne ein wenig lockern will. Wenn der Beschluss rechtskräftig wird, kann der Schwanenbestand auch prophylaktisch reguliert werden, das heisst wenn künftige Schäden befürchtet werden.
Schwäne sind Umweltverschmutzer: Schwäne sind vor allem bei Bauern und bei Parkbesitzern unbeliebt. Die Tiere grasen nicht nur auf dem Grund von stehenden Gewässern und an den Ufern, sondern auch auf angrenzenden Wiesen und Feldern. Dabei verkoten sie das Gras häufig so stark, dass es nicht mehr als Viehfutter gebraucht werden kann. Auch in städtischen Ufer- und Parkanlagen können die Exkremente der Schwäne zum Problem werden.
Schwäne sind zu zahlreich in der Schweiz: Zwischen 5‘000 und 6‘000 Höckerschwäne leben auf und an Schweizer Gewässern. An einzelnen Standorten – etwa am Untersee (TG), Wohlensee (BE), in Städten wie Genf oder Luzern – ist die Schwanendichte zu hoch. Oft sind die Bestände zu gross, weil die Tiere von Spaziergängern und Touristen gefüttert werden. Ein konsequentes Fütterungsverbot würde viel helfen, heisst es beim Bundesamt für Umwelt. In den Kantonen NW und OW hat das Bafu zudem ein Pilotprojekt bewilligt, um die Schwanenbestände zu regulieren: Während fünf Jahren werden in der Brutzeit die meisten Schwaneneier angestochen, damit nur ein oder zwei Küken pro Nest schlüpfen.