Ein Cappuccino auf dem Friedhof

Am heutigen Tag des Friedhofs propagieren mehrere Schweizer Städte ihre Friedhöfe als Erholungs- und Freizeitorte. In Deutschland ist man da schon weiter. Immer mehr Cafés sorgen neben den Gräbern für Leben.

Leute sitzen an Tischen vor dem Café Strauss.

Bildlegende: Nur zehn Meter Abstand zum ersten Grabstein: das Café «Strauss» im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Café Strauss

«Pietätslos?», fragt Bernd Bossmann fast etwas ungehalten. «Warum fängt die Pietät erst nach dem Leben an?»

Bossmann betreibt auf dem St.-Matthäus-Kirchhof im Stadtteil Schöneberg in Berlin das «Finovo», ein Café mit dazugehörigem Blumenladen. Ein Café auf einem Friedhof, einem Ort also, an dem man Andacht und Stille erwarten würde – das findet der Mittfünfziger überhaupt nicht unpassend.

Eingangstor zum Friedhof und kleines Haus daneben

Bildlegende: Das Café «Finovo» liegt im kleinen Haus direkt hinter dem Eingangstor zum St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin. Café Finovo

Der Kaffee auf dem Friedhof liegt im Trend

Der Friedhofbesuch soll nicht bloss furchtbare Pflichtaufgabe sein, sagte sich Bossmann, als er das «Finovo» vor zehn Jahren gründete. Das sehen offenbar auch die Besucher so: «Die Leute kommen gerne hierhin.» Sie wollen sich ausruhen, meditieren, sich ungezwungen austauschen – auch über den Tod. Und, so Bossmann: «Wir haben sehr guten Kuchen, den wir selber backen.»

Mit seinem Café ist Bernd Bossmann nicht mehr alleine. Auf mehreren Friedhöfen in deutschen Städten sind unterdessen solche Cafés entstanden.

Ein Friedhof ist kein Spielplatz

Das Café «Strauss» im Berliner Stadtteil Kreuzberg etwa hat in der ehemaligen Aufbahrungshalle Platz gefunden. «Es wurde sehr gut angenommen», sagt Martin Strauss, der das Café vor gut drei Jahren eröffnet hat.

Zeitung und Kaffeetasse im Vordergrund, Grabstein im Hintergrund.

Bildlegende: Ein Zaun musste hin, um zwischen Café «Strauss» und den Grabsteinen eine Trennlinie zu ziehen. Café Strauss

Negative Reaktionen gab es lediglich in der Anfangsphase. «Es gab keine Grenze zum Friedhof», erklärt Strauss. «In zehn Metern Abstand zum Café stand der erste Grabstein.»

Weil Kinder darauf herumkletterten und Eltern Decken auf dem Rasen ausbreiteten, haben sich Friedhofbesucher beschwert. Die Kirche forderte darauf eine klare Trennlinie. Eine Hecke und ein Zaun haben das Problem dann gelöst.

«Wieso gibt es das nicht überall?»

Auch beim Café «Finovo» gab es kaum Widerstand. Die Kirchgemeinde liess Bossmann freie Hand. Nur einmal habe ihm eine Frau gesagt, sie würde niemals ein Café auf einem Friedhof besuchen. «Nach zwei oder drei Wochen war sie Stammkundin.»


Leben zwischen den Gräbern

4:39 min, aus Echo der Zeit vom 17.09.2016

Trotzdem gibt es auch im «Finovo» Grenzen. Bossmann führt dort Veranstaltungen durch, organisiert Lesungen und Führungen. Da habe man irgendwann eine Limite erreicht: «Es wurde immer mehr und das wollten wir dem Friedhof nicht zumuten.» Also hat er die Zahl der Anlässe auf ein erträgliches Mass reduziert.

Trotzdem: Die Idee des Friedhofscafés, bilanziert Bossmann nach zehn Jahren «Finovo», habe sich bewährt: «Es wundern sich schon ganz viele Leute, wieso es das nicht überall gibt!