Die Kunst des Rücktritts Eine kleine Anleitung für die Mächtigen

Den Absprung verpasst – und damit das eigene Vermächtnis zerstört? Ein Personalexperte sagt, wie man in Würde geht.

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Ein Abschied in Würde

4:31 min, aus Echo der Zeit vom 07.03.2017

Orientierungslose Wirtschaftskapitäne. Politiker, die so lange am Sessel kleben, bis sie zur Karikatur ihrer selbst geworden sind. Sportler, die mit einem letzten grossen Knall abtreten wollen – und wieder und wieder von der nachrückenden Generation blossgestellt werden. Die Liste derjenigen, die den Absprung verpassen, ist lang.

Das neueste Beispiel: François Fillon. Der Präsidentschaftsanwärter der französischen Konservativen klammert sich an seine Kandidatur. Die Justiz bezichtigt er des «politischen Mords», die Medien und politischen Gegner der Verschwörung.

Francois Fillon

Bildlegende: Weisser wird die Weste nicht mehr: Tag für Tag mehren sich Kritik und Vorwürfe gegen Fillon. Reuters

Zeit, «Adieu» zu sagen

Es hilft alles nichts: Der einstige Favorit auf die Nachfolge von Präsident Hollande ist tief gefallen, Beobachter räumen ihm kaum mehr Chancen ein. Und auch die Parteikollegen werfen ihm vor, den Absprung verpasst zu haben.

Wann es Zeit ist zu gehen, weiss Matthias Mölleney. Er war letzter Personalchef der Swissair und für über 70‘000 Leute zuständig. Heute führt Mölleney seine eigene Personalberatungsfirma. Im Gespräch mit SRF News erklärt er, wie man in Würde abtritt.

  • Erkenne dich selbst
Angela Merkel, eingerahmt in schwarz.

Bildlegende: AfD, Flüchtlingskrise, Schulz: Die «Teflon-Kanzlerin» ist angreifbar geworden. «Absprung verpasst!», höhnen Kritiker. Reuters

Standhaftigkeit kann eine Tugend sein, und ohne Rückgrat ist der Weg nach oben kaum zu meistern. Nichtsdestotrotz: Jeder muss wissen, wann eine Schlacht verloren ist, wie Mölleney sagt. «Man muss erkennen, ob sich etwas zu einer Affäre ausweitet oder eben nicht.» Eine selbstkritische Lagebeurteilung ist dabei unerlässlich: «Jeder weiss selbst um seine moralischen, ethischen oder wirtschaftlichen Verfehlungen und kann den Schaden vorhersagen.»

  • Dem Shitstorm trotzen
Jolanda Spiess-Hegglin

Bildlegende: Beim «Zuger Sex-Skandal» steht Aussage gegen Aussage: Jolanda Spiess-Hegglin ist trotzdem Polit-Rentnerin. Reuters

Wer ausharrt bis zum bitteren Ende, dem droht oft ein wenig schmeichelhafter Abgang. Doch kann es Situationen geben, in denen Unnachgiebigkeit belohnt wird: «Wer weiss, dass die Vorwürfe unbegründet sind, sollte durchhalten», sagt der Personalberater. Denn am Ende, so die hehre Hoffnung, wird die Wahrheit siegen. Zumindest, wenn man lange genug «überlebt» hat: «Sich ohne vernünftigen Grund von einem Shitstorm aus dem Amt fegen zu lassen, macht aber auch keinen Sinn.»

  • Umgib dich nicht mit Kopfnickern
«Comical Ali» während einer Medienkonferenz.

Bildlegende: Ein Pionier? Saddams Propagandaminister wurde zu einem der ersten globalen Internet-Phänomene. Screenshot Youtube

«Wir bombardieren sie, sie ziehen sich zurück. Die Situation ist vollends unter Kontrolle», beschwichtigte Saddam Husseins Informationsminister während der US-Invasion von 2003 – und belustigte damit eine zweifelhafte Fan-Gemeinde. Muhammad as-Sahhaf, besser bekannt als «Comical Ali», konnte den Zusammenbruch von Saddams Regime jedoch nicht wegreden. Mölleneys Lehre aus ähnlich gelagerten Fällen: «Je weniger Führungspersönlichkeiten grundsätzlich hinterfragt werden, desto gefährlicher ist es.»

  • Wider den Tunnelblick
Sepp Blatter mit Pflaster an der Backe.

Bildlegende: Lange prallten alle Vorwürfe an Blatter ab. Am Ende wirkte der «ewige Fifa-Präsident» nicht nur physisch angeschlagen. Reuters

«Wenn ich scheitere, scheitert die ganze Firma» – diese Sichtweise sei nach wie vor verbreitet unter CEOs, schildert Mölleney. Und wer diese Kultur der Unersetzlichkeit in ein Unternehmen hineintrage, laufe Gefahr, den berühmten Tunnelblick zu entwickeln: «Wer in diesem Rollenbild zudem ständig von den Untergebenen bestärkt wird, setzt sich selbst und die Firma gleich», sagt der ehemalige Personalchef der Swissair. Fazit: Wer sich selbst für unverzichtbar hält, verpasst den Absprung definitiv.

  • Plane die Zeit danach
Roger Federer mit gesenktem Kopf.

Bildlegende: Die alternde Legende ist zum Prügelknaben der «Tennis-Experten» geworden. Der Titel in Melbourne strafte sie Lügen. Reuters

Jeden Morgen als Erster ins Büro und am Abend als Letzter das Licht ausmachen: Das mag gut gehen – solange man gefragt ist. «Doch die Welt verändert sich schnell und die Anforderungen an eine Führungskraft nehmen rasant zu», weiss Mölleney. Kommt hinzu: Am Ende einer Karriere von 100 auf 0 gehen, kann brutal enden: «In vielen Unternehmen ist der CEO bis zu seinem letzten Tag vor der Pensionierung unter Hochspannung im Betrieb», so der 56-Jährige, und zitiert einen Witz aus der Branche: «Woran merkt der Top-Manager, dass er pensioniert ist? Wenn er am Morgen hinten in sein Auto einsteigt und es fährt nicht los.»