Fünf Jahre nach Deepwater Horizon – alles wieder gut?

Am 20. April 2010 explodierte die Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko. Noch heute untersuchen Biologen vor Ort die Folgen der Verölung des Wassers und der Küsten. Derweil sprechen die Verantwortlichen von einer Besserung.

Die Chronik der Ölkatastrophe

SRF News: BP sieht erste Spuren der Erholung im Meer und an der Küste des Golfes von Mexiko. Zeichnet der britische Ölkonzern das Bild zu schön?

Antje Boetius: Es kommt darauf an, was genau angeschaut wird. Ist es die Oberfläche des Wassers, sind es die Strände, die abgeräumt wurden; der Sand, der gewaschen und wieder aufgefahren wurde? Ist es das Marschland oder ist es die Tiefsee? Für die verschiedenen Komponenten der Umwelt des Golfes gibt es auch verschiedene Bestandesaufnahmen. Und leider muss die Wissenschaft sagen, dass BP hier schon am Beschönigen ist. Dass es aufgeräumt ist, gilt nämlich nur für die Oberfläche des Meeres. Auch die Strände sehen recht gut aus. Aber im Marschland und vor allem – was uns als Forscher besonders berührt – in der Tiefsee gibt es leider eine ganz grosse Verschmutzung, die uns noch Jahrhunderte beschäftigen wird.

Wie zeigt sich diese Verschmutzung konkret?

Es hat sich einiges vom Öl auf dem Tiefseeboden abgelegt. Normalerweise kommt da viel Sauerstoff ran. Jetzt muss man sich Teile des Tiefseebodens des Golfes von Mexiko mit Ölflocken bedeckt vorstellen. Das bedeutet, dass die Tiere, die dort normalerweise vorkommen, kein zuhause finden, dass sich die Umwelt stark verändert hat. Schwefelwasserstoff und Fäulnisgase entstehen. Wir wissen aus der Beobachtung von natürlichen Ölaustritten, dass dies die Umwelt und die Artenzusammensetzung völlig verändert. Deswegen haben wir eben dort einen langnachhaltigen Schaden festgestellt.

«  Der britische Ölkonzern BP ist hier schon am Beschönigen. »

Heisst das, bisherige Arten sterben aus?

Genau. Es ist so, dass viele der Tiefseewesen, die an eine ganz saubere Umgebung gewöhnt sind, unter Ölflocken nicht vorkommen. Wenn Öl am Meeresboden vorkommt, dann gibt es dort Bakterien, die versuchen, das Öl aufzufressen. Dafür benötigen sie enorm viel Sauerstoff. Wenn kein Sauerstoff mehr im Meeresboden vorhanden ist, bilden sich die sogenannten schwarzen Flecken, wie wir auch vom Wattenmeer kennen. Diese stinken faulig. Das kommt daher, dass wenn der Sauerstoff weg ist, andere Bakterien kommen. Diese nutzen das Sulfat, also ein Salz des Meerwassers. Daraus entsteht Schwefelwasserstoff. Das vertreibt dann auch noch weitere Tiere, weil es für viele von ihnen giftig ist. Genau diese Beobachtung haben einige Wissenschaftler gemacht. Im tiefen Wasser im Golf von Mexiko, also in 1000 Meter Tiefe, ist tatsächlich eine grossflächige Veränderung eingetreten. Auch die Tiefseekorallen sind beschädigt.

Führt das auch dazu, dass immer wieder missgebildete Fische gefangen werden und auch noch immer ein Delfinsterben im Gange ist?

Die Befunde von 1000 Meter und tiefer betreffen auch die Nahrungskette der Menschen. Es ist zwar nicht so, dass alle Tiere, die an der Meeresoberfläche leben, auch dort hinabtauchen. Aber was man definitiv festgestellt hat, ist, dass die Austernfischerei problematisch geworden ist – der Bestand ist stark zurückgegangen. Die Fischer im Golf von Mexiko beschweren sich, dass sie Probleme haben, auf die Zahlen von vor dem Unfall zurückzukommen. Und ja: Es gibt bei den Meeressäugern wie den Delfinen Befunde, dass dort sehr viele Missbildungen und Totgeburten zu finden sind. Es betrifft also nach wie vor auch noch Bereiche, die dem Menschen besonders wichtig sind.

«  Im Golf von Mexiko ist eine grossflächige Veränderung eingetreten. »

Sind diese Ölflocken am Meeresboden eine direkte Folge davon, dass versucht wurde, den Ölteppich mit Chemikalien aufzulösen?

Es lässt sich leider nicht so genau nachvollziehen, ob diese Flocken und die grossen Ablagerungen am Meeresboden wirklich ganz den Chemikalien zuzuordnen sind. Es ist richtig, dass enorme Massen an giftigen Lösungsmitteln eingeleitet worden sind, um das Öl zu verflüssigen und zu verteilen. Allerdings: Wer sich an die Bilder erinnert, weiss, dass das Öl dort mit solch einer Macht aus der gebrochenen Pipeline geschossen ist, dass es sich wahrscheinlich auch rein mechanisch stark zerstäubt hat. Während Öl und Gas normalerweise leichter ist als Wasser, ist das Öl wahrscheinlich rein wegen dieser Zerstäubung unten in der Tiefsee geblieben und hat sich dann durch Beschwerung mit kleinen Sedimentpartikeln abgesetzt.

Und das wird sich nun erst in Jahrhunderten wieder auflösen?

Ja. Wir haben Beobachtungen an natürlichen Austritten von Öl gemacht. Es kommt durchaus auch in der Natur hier und da mal ein Leck im Meeresboden vor, aus dem aus tiefen Reservoirs dann Öl entweicht. An solchen Stellen arbeiten wir. Wir stellen fest, dass es dort, wo Öl liegt, wirklich Jahrhunderte dauert, bis dieses von Bakterien zersetzt ist. Also für unseren normalen Zeithorizont, in dem wir Menschen denken, ist der Golf von Mexiko langfristig verschmutzt. Das ist das Ärgerliche: In diesem Raum, der uns immer noch fremd ist, in dem wir gerade erst beginnen zu forschen, ist ein sehr grossflächiger Unfall passiert. Und diesen können wir Menschen jetzt nicht wieder so einfach aufräumen.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.

Antje Boetius

Porträt Antje Boetius

Max-Planck-Institut

Die Meeresbiologin Antje Boetius ist als Tiefseeforscherin am Max-Planck-Institut und als Professorin an der Universität Bremen tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Untersuchung untermeerischer Gasquellen und die Mikrobiologie des Methanumsatzes im Meer.