Auf Tauchstation vor Fidschi Haie anlocken – im Namen der Wissenschaft

Ein französischer Forscher nimmt vor einer Fidschiinsel Touristen mit in die Tiefe. Auch um sie zu Botschaftern für die Tiere zu machen – denn die dortige Haiart ist bedroht.

22 Meter unter der Oberfläche, das Wasser ist grau-blau. Ich sehe den Hai erst, als er wenige Meter vor mir schwimmt. In 450 Millionen Jahren Evolution hat sich das Tier perfekt an die Umgebung angepasst. Nach ein paar Sekunden umschwimmt uns ein Dutzend Stierhaie, alle über zwei Meter lang.

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Beobachtung von Haifischen vor den Fidschis hautnah

0:28 min, vom 6.7.2017

Auf eine lange Aluminiumstange spiesst Thomas Vignaud, ein Doktor in Haikunde, den Kopf eines Thunfischs. Er wuchtet ihn mehrere Meter in die Höhe.

Dann sinkt der Köder langsam zum Boden. So beginne er jeden Morgen seine wissenschaftliche Arbeit mit den Raubfischen, erklärt der Franzose später. «Stierhaie reisen im Verlauf eines Tages von einem Hotspot zum andern. Also von Futterplatz zu Futterplatz, dort wo es potenziell etwas zu fressen gibt.»

Stierhaie heissen nicht ohne Grund so. Sie sind wuchtig gebaut und aggressiv. Sie greifen auch Menschen an – als eine von wenigen der über 400 Haiarten. Nicht etwa, weil sie uns fressen wollen. Kein Hai hat uns auf der Speisekarte.

Einziger Feind ist der Mensch

Doch Stierhaie leben auch in Brackgewässern, nahe am Ufer, und sie schwimmen in Flüssen. Da, wo eben auch Menschen sind. Pro Jahr töten Haie etwa ein Dutzend Menschen. Eine verschwindend kleine Zahl, wenn man die andere Statistik sieht: 100 Millionen Haie werden pro Jahr von Menschen getötet. Für Fischstäbchen, Spaghetti à la Marinara, und vor allem Haifischflossensuppe. In Teilen Asiens ist letzteres eine gesuchte, prestigeträchtige Delikatesse.

Getrocknete Haifischflosse vor schwarzem Hintergrund.

Bildlegende: Getrocknet findet man Haifischflossen – zu gesalzenen Preisen – in Asien, etwa in Läden für chinesische Heilmittel. Reuters

Fünf Haie nähern sich dem Thunfischkopf, umkreist von hunderten kleinerer Fische. Dann, plötzlich, ist er da. Ein Hai, gut dreieinhalb Meter lang. Ruhig und wie selbstverständlich schnappt er sich die Beute, unbelästigt von den anderen Raubfischen.

Stierhaie hätten eine starke Rangordnung, erklärt Vignaud. Sonst aber wisse man wenig über diese Haiart. «Die Wissenschaft weiss nicht, wo sie sind, was sie tun.»

Das Verhalten, die Fortpflanzung vieler Haie sind noch immer ein Mysterium. Und das, obwohl sie die Artenvielfalt in den Meeren sichern. Denn sie fressen nicht nur kranke und verletzte Fische. Allein durch ihre Anwesenheit würden sie andere Tiere zur Wachsamkeit zwingen – und dazu, dass sie sich häufiger vermehrten.

Kein Panda-Effekt bei Haien

Das stärke Tierarten, festige das Ökosystem, sagt Vignaud. Doch während Panda- und Orang-Utan-Forscher vom «Kuscheltier»-Effekt profitieren, müssen Haiexperten um jeden Forschungsfranken kämpfen. Darum nimmt Vignaud zahlende Touristen mit ins Wasser. Alles unter strikter Kontrolle. Taucher heben eine Aluminiumstange hoch, wenn Haie den Gästen zu nahe kommen.

Vignaud notiert sich das Verhalten der Haie. Daten über Aussehen, eventuelle Verletzungen und Veränderungen, Fotos und Filme. Alles erfasst er. Man entwickle eine persönliche Beziehung zu den Tieren, sagt der Forscher.

Ohne Köderung keine Studien

Doch die Methode des Anfütterns ist auch umstritten. «Wildtiere darf man unter keinen Umständen fangen oder ihr natürliches Verhalten beeinflussen», sagt Graham Howe, Experte für Wildtiertourismus aus Südafrika. Er ist ein führender Kritiker des Anlockens von Löwen mit Fleisch auf Safaris und von Weissen Haien mit Thunfischblut, wie das vor der Küste Kapstadts geschieht. Das sei reine Geldmacherei, reine Ausbeutung von Wildtieren. Doch für die Wissenschaft macht er eine Ausnahme. Hier sei kontrolliertes Anlocken akzeptabel.

«  Viele Leute kommen zu mir und sagen: Das ist das Beste, was ich in meinem Leben getan habe. »

Thomas Vignaud
Hai-Forscher

Auch Vignaud ist prinzipiell gegen das Anfüttern. Doch ohne Köderung wären Stierhaie wissenschaftlich nicht studierbar. Das Mitbringen von Gästen bringe zudem einen anderen, ebenso wichtigen Nutzen. Er schärfe in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür, wie schön und wichtig Haie seien. Jeder Taucher werde so zu einem Botschafter für ihren Schutz. Er sei anfänglich überrascht gewesen, fast nach jedem Tauchgang einen bestimmten Satz zu hören, so Vignaud: «Viele Leute sagen zu mir: Das ist das Beste, was ich in meinem Leben getan habe.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • SRF-Korrespondent Urs Wälterlin 22 Meter unter der Oberfläche – inmitten von Haien.

    Sympathie und Geld für Haie

    Aus Rendez-vous vom 5.7.2017

    100 Millionen Haie werden pro Jahr getötet – mit fatalen Folgen für das gesamte Ökosystem. Denn die Fische sind wichtige Gesundheitspolizisten im Meer. Trotz ihrer Bedeutung weiss man wenig über ihr Verhalten. Es mangelt der Forschung an Geld. Auf Tauchgang vor der Insel Kuata in Fidschi.

    Urs Wälterlin