Halbnackt durch die Rush Hour: Radler-Protest in Lima

Im Adamskostüm in den Verkehr gestürzt. Radler in Perus Hauptstadt Lima haben ihrer Forderung nach fahrradfreundlichen Strassen mit viel nackter Haut Nachdruck verliehen.

Entkleidete Menschen auf Fahrrädern

Bildlegende: Nackter Wahnsinn in Lima: Im Adamskostüm radelten Velo-Piloten wider die Verwundbarkeit ihrer Körper im Strassenverkehr. Reuters

Eine Armada von Velofahrern radelte in Unterwäsche oder splitternackt eine zehn Kilometer lange Strecke entlang. Sie forderten mehr Fahrradwege und eine bessere Strassenbeleuchtung.

Einige der Teilnehmer trugen Batman-Kostüme, andere ersetzten den Fahrradhelm durch einen Hut. Einer der Teilnehmer, Nilton Lopez, sagte, die Nacktheit solle auf die Verwundbarkeit der menschlichen Körper gegenüber einem Auto verweisen.

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Nackter Protest auf Limas Strassen

0:36 min, vom 10.3.2013

Kein Respekt gegenüber Velofahrern

«Ich fahre jeden Tag mit dem Velo und habe nicht das Gefühl, das mir von anderen Verkehrsteilnehmern der nötige Respekt entgegengebracht wird», erklärt einer der Demonstranten. Das sei In vielen Ländern ganz anders. 

Zum achten Mal trafen sich die Radler zum nackten Protest in Perus Hauptstadt um gegen die Gefahren im täglichen Strassenverkehr aufmerksam zu machen. Die Strassen Limas seien «nur für Autos konzipiert», erklärt Octavio Zegarra, einer der Organisatoren der Kundgebung. Die Metropole mit ihren rund zehn Millionen Einwohnern verfüge über zu wenig Fahrradwege, die zudem ständig von Fussgängern und Motorradfahrern mitbenutzt und verengt würden.

Notwendiges Fortbewegungsmittel

Velos, so fährt Zegarro fort, seien in Lima eben mehr als nur eine Art Spielzeug oder sportliche Fortbewegungsmittel. Fahrräder dienten vielen Menschen hier als notwendiges Transportvehikel, denen weder von anderen Verkehrsteilnehmern noch von den städtischen Behörden genügend Aufmerksamkeit und Respekt entgegengebracht werde.

Ähnliche Beobachtungen hat die Journalistin Hildegard Willer gemacht. Die wenigsten Menschen in Lima würden im Fahrrad «ein alltägliches Verkehrsmittel sehen, mit dem man in der Stadt einfach von A nach B gelangen kann».

Grösster Feind: Autofahrer

Carlos Caballero ist einer der wenigen Limenhos, die kontinuierlich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. 30 Kilometer legt er dabei jeden Tag zurück. Der grösste Feind beim täglichen Fahrradfahren seien die Autofahrer, berichtet er. «Mir haben sie schon alles mögliche gesagt, dass ich verrückt sei, dass ich zum Radfahren in den Park gehen soll, dass ich auf dem Gehweg fahren soll», fährt er fort.

Der 42-jährige Softwareentwickler ist dennoch von den Vorteilen des Fahrrads als alltägliches Verkehrsmittel überzeugt. Auf einer Website (www.cicloviasdelima.org) hat er die 125 Kilometer vorhandenen Fahrradwege in Lima aufgezeigt, und kämpft dafür, dass es mehr werden. 125 Kilometer seien eben viel zu wenig für die ständig wachsende Metropole.

Oberbürgermeisterin als Verbündete

Eine Verbündete haben die Fahrradaktivisten in der Oberbürgermeisterin Susana Villarán. Die hat kurzerhand eine Hauptverkehrsstrasse jeden Sonntagvormittag für den Autoverkehr sperren lassen, damit die Radler ungestört fahren können, berichtet «blickpunkt-lateinamerika».

Vorbild seien für Villarán die Städte Bogotá oder Méxiko-Stadt, in denen das Radeln seit Jahren auch von offizieller Seite gefördert werde.

Seltene Vögel im Verkehrsdschungel

Die Hauptgefahr für Fahrradfahrer in Lima gehe von den Autofahrern aus, heisst es weiter. Auf Limas Strassen gelte das Recht des Stärkeren, und stärker fühlt sich derjenige, der in einem möglichst grossen Auto sitzt, so die Journalistin Willer.

Fahrradfahrer erhielten auch keinen Schutz von Seiten der Polizei, sie würden immer noch als «seltene Vögel» im Verkehrsdschungel von Lima gelten. Konkret bedeute dies: Fahrradfahren in Lima ist lebensgefährlich.

Eltern fürchten um das Leben ihrer Kinder

Dennoch gewinne das gesunde und billige Verkehrsmittel gerade bei Jugendlichen der wachsenden Mittelschicht Limas an Attraktivität. Sehr zum Leidwesen ihrer Eltern, die – zurecht – um das Leben ihrer radfahrenden Kinder fürchten. Bis es soweit ist, dass die kleinen Peruaner mit dem Velo in die Schule oder Uni fahren, würden wohl noch einige Jahre ins Land gehen, resümiert Willer.

Allein 2009 haben in Lima gemäss offiziellen Statistiken mindestens 635 Menschen bei Verkehrsunfällen ihr Leben verloren.