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Eine Hitzewelle rollt über das sibirische Dorf Werchojansk
Aus SRF News vom 24.06.2020.
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Hitzewelle in Sibirien «Dramatische Folgen für die lokale Flora und Fauna»

In Sibirien ist es in diesen Tagen heiss. Die Temperatur erreicht bis zu 38 Grad. So hohe Temperaturen wurden in dieser Jahreszeit noch nie gemessen. Im Schnitt ist es normalerweise zwölf Grad warm. Die Gefahren und die ökologischen Schäden, die durch die extreme Hitze entstehen können, sind immens. Für Umweltwissenschaftlerin Sonia Seneviratne kommt die Hitzewelle nicht überraschend.

Sonia Seneviratne

Sonia Seneviratne

Umweltwissenschaftlerin

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Seneviratne ist seit 2016 Ordentliche Professorin für Land-​Klima Dynamik an der ETH Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung von Extremereignissen, Land-​Klima Prozessen und Klimaänderungen.

SRF News: Wie lässt sich dieser extreme Temperaturanstieg in Sibirien erklären?

Sonia Seneviratne: Zum Teil ist es die Wetterlage. Aber es ist bereits seit Anfang Jahr sehr heiss. Das Gebiet erwärmt sich ungefähr dreimal schneller als das globale Mittel. Dieses Jahr hat es möglicherweise Rückkopplungen gegeben wegen der weiteren Schmelze von Schnee und Eis. Das könnte zu einer zusätzlichen Erwärmung geführt haben.

Das heisst, Sibirien ist wegen seiner Nähe zu den Polen besonders stark von der allgemeinen Erderwärmung betroffen?

Ja. Alle Gebiete, die mit Eis oder Schnee abgedeckt sind, erwärmen sich tendenziell schneller. Schnee und Eis führen dazu, dass die Strahlung die Oberfläche weniger aufwärmt. Wenn es schmilzt, führt es zu einer zusätzlichen Erwärmung.

Enorme Erwärmung in Sibirien

Weltkarte
Legende:Diese Karte der Nasa zeigt, wo es im Mai wärmer (rot) oder kälter (blau) als im langjährigen Durchschnitt war.Modis/NEO/Nasa

Der Mai 2020 war global gesehen der wärmste Mai seit 1880, teilte kürzlich der europäische Beobachtungsdienst «Copernicus» mit. Und nicht nur das: Die Mai-Monate der letzten sieben Jahre seit 2014 waren die sieben wärmsten Mai-Monate seit 1880. Ein Blick auf die Temperaturkarte zeigt, dass eine Region besonders erwärmt wurde: Sibirien. Analysiert man dazu noch die Monate davor seit Januar 2020, stellt man eine Abweichung von schier unglaublichen 6 bis 10 Grad vom langjährigen Mittel (1951 - 1980) fest. (SRF Meteo)

Die Folgen der extremen Erwärmung sind mannigfaltig. Eine grosse Sorge der Klimaforschung ist, dass der Permafrost taut. Warum?

Weil damit die Emission von Methan verbunden sein könnte, das auch ein Treibhausgas ist. Wenn das passiert, würde es zu einer zusätzlichen Erwärmung führen. Und zwar nicht nur lokal, sondern global.

In Sibirien werden Pipelines wegen des Permafrosts überirdisch verlegt. Was, wenn die Permafrostböden tauen?

Der instabile Boden führt zu Schäden an Pipelines und Gebäuden. Der Bruch von Pipelines kann auch zu Umweltverschmutzungen führen.

Fluss in Norilsk
Legende: Ende Mai sackten die Fundamente eines Dieseltanklagers in Norilsk in den Boden ein, weil der Permafrost nachgab. Über 20'000 Tonnen Diesel flossen aus und zerstörten das hochsensible arktische Ökosystem, beispielsweise im nun verschmutzten Fluss. Keystone

Eine weitere Folge der extremen Hitze ist die Trockenheit. In den vergangenen Wochen wurden bereits 6000 Waldbrände in Sibirien registriert. Wird das zunehmen?

Das ist schon möglich. Bereits letztes Jahr hat es Feuer gegeben in Sibirien. Es ist also eine weitere mögliche Gefahr in der Zukunft.

Was bedeutet das für Sibirien?

Es ist dramatisch für die lokale Fauna und Flora. Viele Waldbrände und weitere Methanemissionen könnten globale Konsequenzen haben auf die Temperatur – wegen der höheren Konzentration von Treibhausgasen.

Wir müssen unbedingt die globale Erwärmung stabilisieren.

In Sibirien zeichnet sich eine ökologische Katastrophe von ungeahnten Ausmassen ab. Welche dringenden Massnahmen braucht es jetzt, um den ökologischen Supergau in Sibirien abzuwenden?

Wir müssen – wie an anderen Orten – unbedingt die globale Erwärmung stabilisieren. Dafür müssen wir auf Netto-Null-CO2-Emissionen kommen. Das braucht grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft. Das heisst, dass wir keine fossile Energie mehr verbrauchen. Dies sollte sehr schnell passieren, wenn wir es schaffen wollen, die globale Erwärmung beispielsweise auf 1.5 Grad zu begrenzen.

Werchojansk, badende Kinder
Legende: In Werchojansk ist der bitterkalte sibirische Winter derzeit weit weg. Sehr zur Freude der Kinder. Für Flora und Fauna ist die Hitzwelle aber äusserst bedrohlich. Keystone

Das sind langfristige Ziele. Unmittelbar für Sibirien im Moment kann man nichts tun?

Unmittelbar kann man nichts tun. Aber auch wenn wir es schaffen, die Temperatur auf 1.5 Grad zu stabilisieren, was immer noch ein halbes Grad zusätzlich gegenüber heute wäre, würde sich die Lage vorerst weiter verschlimmern. Aber man könnte die Schäden begrenzen. Wenn wir nichts machen, wird es noch viel schlimmer sein.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

SRF 4 News, 24.06.2020, 08:00 Uhr;

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Klimawandel: Gefahr durch tauenden Permafrost in Sibirien. Das Auftauen der Dauerfrostböden ist eine der sichtbarsten Folgen der Erderwärmung. Die obere Schicht des Dauerfrostbodens taut im Sommer auf und sollte im Winter wieder zufrieren.Der menschgemachte Klimawandels der wird radikal alles beschleunigen.Und so wird diese sommerliche Auftauzone sukzessive grösser. Das stört das Gleichgewicht des Permafrostes, und der taut zunehmend auf. Extreme Hitze und Trockenheit könnten folgen. Waldbrände
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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Das Eis der Erde schmilzt besorgniserregend schnell. Sowohl in Grönland als auch in der Antarktis ist das ein Massenverlust. Das heisst, die Gletscher fliessen schneller und transportieren mehr Eis vom Inland in den Ozean. Die übrigen Gletscher der Erde schmelzen ebenfalls mit zunehmender Geschwindigkeit, weltweit verlieren diese rund 335 Milliarden Tonnen Eis. Das lässt nicht nur den Meeresspiegel steigen - mit ihnen schwinden auch wichtige Wasserspeicher für Mensch und Natur.
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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Permafrost: Gigantischer Treibhausgasspeicher taut bereits auf. Die Erderwärmung schreitet an den Polen schneller voran als in den Tropen. 25 Prozent der Landfläche auf der Nordhalbkugel besteht aus dauerhaft gefrorenen Böden. Dazu zählen beispielsweise Alaska, der Norden Kanadas und grosse Teile Sibiriens. In über 20 Millionen Quadratkilometern sind gigantische Mengen an Kohlendioxid und Methan gespeichert. Tauen die Böden auf, zersetzen sich nämlich und die Klimagase entweichen.
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