Zum Inhalt springen
Inhalt

Panorama HIV-infiziertes Kind: Heilung mit Fragezeichen

In den USA haben Mediziner zum ersten Mal ein Neugeborenes von seiner HIV-Infektion geheilt – so sagen sie. Die Aids-Hilfe Schweiz warnt jedoch vor einer allzu grossen Euphorie.

Legende: Video Kleinkind von Aids geheilt abspielen. Laufzeit 00:51 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 04.03.2013.

US-Medizinern ist es nach eigenen Angaben erstmals gelungen, ein Kind praktisch zu heilen, das sich bei der Geburt mit dem HIV-Erreger angesteckt hatte.

Zwar sei bei dem Kind das HIV-Virus nicht verschwunden, erklärten die Virologen bei einem Fachkongress in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Aber die Menge der Viren sei derart gering, dass das Immunsystem des Kindes sie künftig ohne weitere Behandlung kontrollieren könne.

Die infizierte Mutter hatte den Erreger bei der Geburt auf ihr Kind übertragen. Weniger als 30 Stunden danach hatten die Ärzte den Säugling mit einer antiretroviralen Therapie behandelt.

Deborah Persaud von der Universitätsklinik in Baltimore sagte, offenbar habe die rasche Behandlung dazu geführt, dass sich bei dem Kleinkind keine schwer zu behandelnden verborgenen Viren-Reservoirs bilden konnten.

Optimismus: Ja – Heilung: ?

«Sollten sich die Resultate bestätigen, ist die Publikation dieses Falles eine wichtige Entdeckung», sagt Harry Witzthum zu SRF News Online. Witzthum ist Pressesprecher der Aids-Hilfe Schweiz. Er gibt zu bedenken: Es handle sich hierbei um einen ersten Fall, der bisher nicht wiederholt werden konnte.

«Obwohl die heutigen HIV-Therapien die Virusvermehrung hemmen, bewirken die Therapien noch keine Ausmerzung von HIV im Blut», betont er weiter. Das habe damit zu tun, dass die Viren in verschiedenen Reservoirs wie Blutzellen, Lymphsystem, Knochenmark oder Gehirn eindringen und sich dort in einem latenten Zustand versteckten.

«Wird die Therapie abgesetzt, werden diese Viren im Reservoir wieder aktiv. Sie beginnen sich von Neuem, innerhalb von wenigen Wochen, zu vermehren und andere Zellen zu befallen», sagt Witzthum weiter. 

Es werden momentan verschiedene Ansätze in der Forschung verfolgt. Ein wichtiger Schritt würde darin bestehen, die Reservoirbildung und die Vermehrung der HIV-Viren zu verhindern. «Das ist Zukunftsmusik, mit einem Durchbruch ist noch über Jahre hinweg nicht zu denken», betont er.

Kein Sonderfall – frühe Behandlung notwendig

Professor Pietro Vernazza vom Kantonsspital St. Gallen sieht dies nicht ganz so kritisch. Aber auch er relativiert die Sensationsmeldung aus den USA. «Bei dieser ‹Heilung› handelt es sich nicht um ein für uns neues Phänomen», sagt er im SRF-News-Online-Interview. Neu sei, dass es ein Kleinkind treffe. Es gäbe aber bereits Studien die belegen würden, dass Menschen mit HIV bei einer frühen Behandlung gute Chancen auf Heilung hätten.

Es sei damit eine Frage des Zeitpunktes. «Je früher die Therapie einsetzt, desto grösser ist die Chance das Virus ganz los zu werden», betont der Chefarzt der Infektiologie. Der Grund liege daran, dass latent infizierte Zellen eine Halbwertszeit besässen und zu diesem Zeitpunkt noch relativ wenige Zellen mit HIV angesteckt seien. Bei den meisten Patienten wird das Virus jedoch sehr spät entdeckt.

HIV-Therapie als Kondomersatz

In der Schweiz nehmen derzeit HIV-Infektionen wieder zu. Im Jahr 2012 sind 620 neue Fälle gemeldet worden. Das sind 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Rolle könne die zunehmende Sorglosigkeit angesichts des medizinischen Fortschritts spielen. Diese könnte durch die positive Meldung aus den USA nun verstärkt werden.

«Wir beobachten tatsächlich einen Trend zu einer zunehmenden Sorglosigkeit im Umgang mit HIV, weil die HIV-Infektion unter anderem als ‹therapierbar› oder gar ‹heilbar› gilt», sagt auch Witzthum von der Aids-Hilfe.

Er verweist auf den Jugendgesundheitsbericht des Kantons Basel-Stadt 2012. In diesem habe man festgestellt, dass 30 Prozent der befragten Jugendlichen fälschlicherweise davon ausgingen, dass es gegen HIV einen Impfschutz gäbe.

Legende:
HIV-Diagnosen 2002-2012 Eine Übersicht über die HIV-Infektionen der letzten Jahre. BAG

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Fritz Frei, Buriram
    Also, das ist ja wirklich skandalös! Ein satter Klinikarzt lässt uns wissen, dass Früherkennung schon lange zu einer Fast-Heilung führte, niemand spricht aber davon, dass in ähnlicher Weise wie in den USA Säuglinge systematisch auf HIV getestet und dann sofort behandelt würden. Wie lässt sich das in irgend einer Weise rechtfertigen? Solche Ärzte gehören m.E. eingesperrt! Und die Nonvaleurs von Krankenkassen und Bundesamt gleich mit ihnen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Jörg Schüpbach, Ennetbaden
      Die beste Therapie gegen HIV ist die Verhinderung der Infektion. In der Schweiz werden die angehenden Mütter seit Jahren auf HIV getestet. Sind sie infiziert, beginnt man mit einer antiretroviralen Therapie. Diese wird unter der Geburt und beim Neugeborenen während 4 Wochen fortgesetzt. Mit dieser Prophylaxe ist es in unserem Land schon seit Jahren nicht mehr zur HIV-Übertragung auf das Kind gekommen. Auch ein Erfolg, oder nicht?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen