«Art déco»-Wolkenkratzer: So leben New Yorks Reiche

Amerikas Reichtum hat eine Adresse: 740 Park Avenue. In keinem anderen Haus der USA leben mehr Milliardäre. Sie sind die Strippenzieher von Wirtschaft und Politik: Zum Beispiel Öl-Magnat David Koch, wohnhaft in einer 18-Zimmer-Maisonette und Financier der Tea Party.

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Luxuswohnungen in New York

8:21 min, aus 10vor10 vom 3.1.2014

«Wie kann man nur 35 Millionen Dollar für eine Wohnung bezahlen?» frage ich mich, als ich der grauen, unscheinbaren Fassade mit den kleinen Fenstern hochblicke. 740 Park Avenue erinnert an eine Trutzburg. Abweisend und verschwiegen verhalten sich auch die livrierten Türsteher, die ab und an per Trillerpfeife ein Taxi für ihre noblen Auftraggeber herbeirufen. Wer mit einer Journalistin spreche, verliere seinen Job, höre ich später.

«Du willst doch nicht ausgeraubt werden!»

Im benachbarten Wolkenkratzer treffe ich David Stone und seine Frau Sarah. Er ist Investmentbanker und auch noch im Alter von 71 berufstätig. «Wir sind nicht eifersüchtig», lacht David, während Ehefrau Sarah die prominenten Bewohner ihres Hauses aufzählt; ein Hollywood-Produzent und zwei Hedge-Fund-Manager.

David und Sarah Stone

Bildlegende: David und Sarah Stone leben in Nachbarschaft von 740 Park Avenue: Heute ist ihre Wohnung 15 Millionen Dollar wert. SRF

Das Penthouse an der 740 Park Avenue in Manhattan wechselte den Besitzer für 39 Millionen Dollar. Die Park Avenue auf Höhe der Upper East Side ist die prestigereichste Gegend New Yorks. Die Finanzkrise ist hier längst überwunden: Seit 2009 sind die Verkäufe von Luxusimmobilien um 77 Prozent gestiegen. An ihrer Nachbarschaft schätze sie die «relative Sicherheit», sagt Sarah. «Du willst doch nicht ausgeraubt werden!»

Leben an der Park Avenue: Türsteher, Liftboys, Fitness-Raum

Besonders stolz sind die Stones auf ihr Esszimmer, in dem der Architekt barocke italienische Gemälde in die Wände eingearbeitet hat. Zehn Zimmer zählt ihre Wohnung, und sie wäre heute rund 15 Millionen Dollar wert. Vor 30 Jahren hatten die Stones die Wohnung für einen Bruchteil erworben.

Der Kaufpreis ist aber nur das eine, auch den Unterhalt berappt jede Partei im 20-stöckigen Haus teuer: 10'000 Dollar pro Monat. Zwei Türsteher, zwei Liftboys und der hauseigene Fitness-Raum wollen bezahlt sein. Für David Stone lohnt sich dieser Betrag: «Eine Mietwohnung auf der anderen Strassenseite kostet mehr.» Und Sarah sagt, nach vielen Jahren sei Türsteher Jerry fast zu einem Freund geworden. Mit wem sonst würde sie reden, wenn David an der Arbeit sei.

Milliardäre als Genossenschafter

Die Ironie der Geschichte der altehrwürdigen Wolkenkratzer in Manhattan aber ist, dass ihre Millionen teuren Wohnungen den Käufern gar nicht gehören. Alle Häuser an der Upper East Side sind sogenannte Co-Ops: Das Haus gehört einer kommerziellen Genossenschaft. Statt einer Wohnung erwirbt der Käufer Anteile an der Genossenschaft. Die Käufer verwalten das Haus gemeinsam. Nichts darf eigenständig entschieden werden: sei es, ein Käufer wolle umbauen oder seine Anteilscheine an einen Interessenten verkaufen.

Barbra Streisand: Als Käuferin abgelehnt

Es gäbe fast nichts Mühsameres in New York als der Einzug in ein Co-Op, klagt Investmentbanker David Stone. Fünf Steuererklärungen habe er einreichen müssen, «ein extremer Eingriff in meine Privatsphäre». Und Reichtum alleine entscheidet auch nicht über die Aufnahme in den exklusiven Co-Op-Klub.

Im Epizentrum der Reichen, an der Park Avenue 740, wurde Sängerin und Schauspielerin Barbra Streisand von den Bewohnern abgelehnt. Vermutlich aus Angst vor zu lauten Partys. Im Haus der Stones gibt es dafür einen speziellen Party-Lift – die Benützung kostet 125 Dollar pro Anlass.

Nachbarschaftsärgernis FBI

Benefizveranstaltungen sind zwar gang und gäbe bei den Reichen, gerne gesehen aber werden sie nicht: Die Stones erzählen von einem Fundraising für die Demokraten, zu dem sie den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton geladen hatten. «Die Nachbarn waren gar nicht erfreut, als sie Männer des FBI im Eingang stehen sahen».

David Stones Miene verfinstert sich. In Anbetracht des Aufwands und der Mühsal beim Einzug ins Co-Op habe er damals zu seiner Frau gesagt: «Hier ziehe ich erst aus, wenn sie mich raustragen.»