In Serbien blüht der Handel mit gestohlener Kunst

In Belgrad stehen zurzeit vier Männer vor Gericht. Sie sollen 2008 mehrere Gemälde aus der Zürcher Bührle-Sammlung geraubt haben. Kunstraub ist ein lukratives Geschäft. Und sehr oft führen die Spuren der Kunsträuber nach Serbien.

Aus der Zürcher Bührle-Sammlung wurden vor fünf Jahren vier teure Gemälde gestohlen. Die Bilder hatten einen Gesamtwert von 180 Millionen Franken. Sie tauchten wieder auf – vier Verdächtige wurden geschnappt. Ihnen wird derzeit in Belgrad der Prozess gemacht.

Kunstraub ist ein lukratives Geschäft. Es geht um viel Geld. Und sehr oft führen die Spuren der Kunsträuber nach Serbien. Ist Serbien eine Hochburg des Kunstraubs? «Nein», sagt Walter Müller, «aber ein Transitland ist Serbien sicher». Gestohlene Gemälde würden von dort aus weiterverkauft, beispielsweise an russische Millionäre oder in die EU, weiss der SRF-Korrespondent in Belgrad.

Handelssanktionen gaben Ausschlag

Der Grund, weshalb ausgerechnet Serbien zu einem Umschlagplatz für gestohlene Kunst wurde, liegt rund 20 Jahre zurück. Während den Balkankriegen stand Serbien unter internationalen Handelssanktionen. «Offiziell kamen keine Güter rein und nichts durfte raus», erklärt er. «Alle Waren wurden knapp, also wurde fortan alles hineingeschmuggelt. Benzin, Kosmetika, Tabak, Medikamente – einfach alles.»

Mafiabanden entwickelten sich. Oft seien diese unterstützt worden von staatlichen Stellen, weiss Müller. So machten etwa die Zollbehörden aktiv beim Schmuggel mit. Und die Kriminellen vernetzten sich durch den illegalen Handel international.

1995, nach Ende des Bosnienkriegs, wurden die Sanktionen aufgehoben. Die Mafia suchte sich daraufhin ein neues Tätigkeitsfeld. «So wurde Kunstraub zur neuen Einnahmequelle der Mafiabanden: Wegen der guten Vernetzung und den vielen Kleinkriminellen – Söldner, einstige Paramilitärs –, die nun zur Verfügung standen.»

Im Auftrag von Hintermännern

Über viel Sachverstand in Sachen Kunst verfügen diese Kriminellen in der Regel allerdings nicht. «Das ist Auftragsarbeit», betont Müller. Der neueste Kunstraubfall in der serbischen Stadt Novisad macht dies deutlich: Kürzlich fand dort die Polizei, unter einem Holzhaufen versteckt, ein vier Millionen Dollar teures Rembrandt-Bild. Es war 2006 aus dem Stadtmuseum von Novisad gestohlen worden. Doch die Diebe liessen sich täuschen: Es war eine Kopie – das Original hängt in Innsbruck.

Ein Beispiel ist auch der Bührle-Fall in Zürich, wie Müller meint. Gestohlen wurden damals vier Bilder, darunter ein 100 Millionen Franken teures Werk von Cézanne. Die vier mutmasslichen Täter stehen nun in Belgrad vor Gericht. «Einer von ihnen ist Bäcker. Er wurde vor einem Jahr in der Backstube verhaftet.» Er sagte aus, dass man ihm 10'000 Fraken geboten habe für den Raubüberfall auf die Stiftung. Als er realisierte, wie wertvoll diese Bilder sind, habe er selber Kasse machen wollen.

Tausch gegen Drogen oder Waffen

Geld lässt sich aber nur bedingt mit geraubten Bildern verdienen. Denn wenn die Kunstwerke bekannt sind, können sie auf dem Schwarzmarkt kaum verkauft werden. «Aber die Kunst kann als Tauschware beim Waffen- und Drogenhandel oder beim Versicherungsbetrug eingesetzt werden.» Es ist auch möglich, Werke an Leute mit viel Geld, wenig Kunstverstand und einem anderen Rechtsverständnis zu verkaufen. Denn, so Müller: «Die Kunst des Kunstraubes ist es, die richtigen Verbindungen zu haben.»

(eglc; schl)