«Je mehr gefischt wird, desto weniger Orcas sieht man»

In der Antarktis entsteht die grösste geschützte Meeresfläche der Welt. Unter anderem wird dort nun mindestens für die nächsten 35 Jahre das kommerzielle Fischen verboten. Das sei ein guter Anfang, meint Ozeanforscher Rainer Froese. Aber eben nur ein Anfang.

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Meeresschutzgebiet in der Antarktis

1:31 min, aus Tagesschau am Mittag vom 28.10.2016

SRF News: Die Vereinbarung zum Schutz des antarktischen Rossmeers sei «bahnbrechend» und «historisch», sagen Beobachter. Sind diese Superlative berechtigt?

Rainer Froese: Ich glaube schon, immerhin sind die Erdpole von der Klimaerwärmung am stärksten betroffen. Die Wassertemperatur verdoppelt sich dort von 2 auf 4 Grad Celsius. Das macht es für die dortigen Lebewesen sehr schwierig.

Das Problem der Erwärmung bleibt aber bestehen, auch wenn dort künftig weniger gefischt werden soll...

Das ist richtig. Allerdings wird künftig sehr viel weniger gefischt werden im Rossmeer, weil drei Viertel des riesigen Gebiets unter ein vollständiges Fischereiverbot gestellt werden. In einem weiteren Viertel wird die Fischerei zudem erheblich eingeschränkt. Gefischt wird dort vor allem auf den antarktischen Riesendorsch, auch antarktischer Seehecht genannt. Der Fisch wird bis zu zwei Meter lang. In den verschiedenen Lebensstadien bildet er die Nahrungsquelle für verschiedene andere Tiere in dem Gebiet. Die kleinen Fische ernähren die Weddellrobben, die mittelgrossen die Orcas und die grossen werden wahrscheinlich von den Pottwalen gefressen – das wird gerade erforscht.

«  Im Augenblick bringen unsere Schutzgebiete nicht sehr viel – und das muss sich dringend ändern. »

Welche Auswirkungen hat es auf die Weltmeere, wenn die Erdpole besser geschützt werden?

Die direkten Auswirkungen halten sich in Grenzen, weil es sich hier um ein ganz anderes Ökosystem handelt als es die subtropischen, tropischen oder borealen Ökosysteme sind – und auch von diesen abgegrenzt ist. Der Punkt ist, dass wir den Einfluss des Menschen begrenzen wollen. Ausserdem besteht nun die Hoffnung, dass man ähnliche Vereinbarungen auch für andere Schutzgebiete erzielen kann. Nur rund drei Prozent der weltweiten Meeresgebiete sind laut Schätzungen Schutzgebiete, doch in weniger als einem Prozent der Meeresgebiete wird tatsächlich die Fischerei eingeschränkt.

Bahnbrechend ist also die Haltung: Eine Einigung darauf, dass der Schutz dieses Gebietes im Rossmeer wichtig ist?

Richtig. Obwohl ja nicht die ganzen antarktischen Gewässer unter Schutz gestellt werden, sondern bloss eine grosse Bucht des Kontinents. Doch schon das halte ich für sehr gut.

Das Gebiet liegt weit entfernt von den bewohnten Kontinenten und ist deshalb für die Fischerei weniger begehrt als andere Gebiete. War es deshalb einfacher, die beteiligten Länder dazu zu bringen, das Gebiet unter Schutz zu stellen?

Es war tatsächlich einfacher, als es an anderen Orten sein wird. Im Rossmeer wird etwa seit den 1990er-Jahren gefischt und es fischten jeweils nur ein paar Dutzend Schiffe. Leider ist die dortige Fischerei vom MSC-Label für nachhaltigen Wildfang als besonders gut zertifiziert worden, obschon es schon 2010 grosse Bedenken gab, dass der Einfluss der Fischerei auf das Ökosystem nicht unerheblich ist. Tatsächlich beobachtete man mit der Zunahme der Fischerei eine Abnahme der Orcas in dem Gebiet.

Was bringt ein Abkommen, das nur 35 Jahre gültig sein soll?

Ich verstehe die Politik dahinter auch nicht wirklich. Ich hätte mir gewünscht, dass der Schutzstatus endgültig ist. Ich nehme an, dass es andere Stimmen gab. Im Jahr 2050 – so vermutet man heute – soll die Menschheit ihren Peak erreichen, erst danach soll die Anzahl Menschen auf der Erde wieder abnehmen. Vielleicht hat jemand deshalb darauf bestanden, dass dann die Möglichkeit besteht, das Gebiet für die Fischerei wieder freizugeben, um die Menschheit zu ernähren. Das wäre natürlich nicht schön, denn die Menschheit kann man anders ernähren. Mit nachhaltiger Fischerei und weniger Wegwerfen könnte man das Problem sicher besser lösen, als mit Fischerei im Rossmeer.

Das Gebiet steht nun also unter Schutz. Was müsste man in Sachen Meeresschutz als nächstes in Angriff nehmen?

Inzwischen gibt es auf der Erde einige grössere Schutzgebiete, auch die USA haben grosse Gebiete in den Tropen geschützt. Aber der Hauptpunkt ist, dass wir in den Schutzgebieten endlich Massnahmen ergreifen müssen, um die schädlichen Einflüsse zurückzudrängen – auch in den Schutzgebieten Europas. Dort soll nicht weiter nach Muscheln gebaggert oder mit Grundschleppnetzen gefischt werden dürfen. Im Augenblick bringen unsere Schutzgebiete nicht sehr viel – und das muss sich dringend ändern.

Das Gespräch führte Simon Leu.

Rainer Froese

Rainer Froese

Rainer Froese ist Ozeanforscher am Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung. Das Kieler Institut gehört zu den weltweit führenden Zentren für Meereswissenschaft.

Grösste Meeresschutzzone

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In der Antarktis soll das grösste Meeresschutzgebiet der Erde entstehen. Dies haben 24 Staaten und die EU nach jahrelangen Verhandlungen vereinbart. Das Schutzgebiet im Rossmeer soll 1,55 Millionen Quadratkilometer umfassen. Lesen Sie hier mehr.

Das Rossmeer

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Die Meeresgebiete rund um die Antarktis gehören zu den unberührtesten Gebieten der Weltmeere und sind deshalb auch für zukünftige Generationen wichtig. Gerade das Rossmeer südlich von Neuseeland ist eine «Produktionstsätte» für die Nahrungskette: Es wachsen Unmengen von Krill sowie der antarktische Seehecht, der auch kommerziell von Interesse ist.