Melbournes Graffitis generieren willkommene Touristendollars

Was bringt Leute dazu, Wände vollzusprayen? Der Australien-Korrespondent von SRF, Urs Wälterlin, stand der Spraykunst immer eher kritisch gegenüber. Bis er in der Stadt Melbourne eines Besseren belehrt wurde.

Impressionen aus der australischen Graffiti-Hauptstadt Melbourne

Es ist Sonntagmorgen. Auf der oberen Terrasse einer halboffenen Parkgarage im Stadtzentrum von Melbourne ist es bitter kalt. Ein paar Betrunkene grölen in der Ferne. Für sie ist der Morgen das Ende einer langen Nacht. Es stinkt nach Erbrochenem und Urin. Nicht wirklich das Ambiente einer Kunstgalerie. An der Hausmauer gegenüber fällt ein mindestens zehn Meter hohes Spryagemälde einer Fledermaus auf. Ein atemberaubendes Werk.

Doch das Graffiti bleibt nicht lange erhalten, wie Daniel Lynch erklärt. «Es ist normal, dass Werke jeden zweiten oder dritten Tag übersprayt werden.» Eher ungewöhnlich sei es, dass ein Bild länger als zwei Wochen überlebe. Lynch ist selbst ein bekannter Strassenkünstler. Man kennt ihn unter dem Namen Junky.

Sehr bekannte Künstler

Junk bedeutet Abfall. Junky sammelt Müll von der Strasse und gestaltet daraus kleine Plastiken. Ein Männchen etwa, eine Collage aus Yoghurtdeckeln oder zerquetschten Coladosen. Die Augen seiner Figuren sind Kronkorken und Junkys Markenzeichen. Seine Kunst montiert er in Ruthlege Lane, einer Seitengasse der wohl berühmtesten offenen Kunstgalerie Australiens, der Hosier Lane. Es seien in der Regel sehr bekannte Künstler, die in Hosier Lane malen, sagt er.

Wer meint, Graffiti sei nichts anderes als Vandalismus junger Leute, sollte mal nach Melbourne kommen. Genau das tun viele Besucher aus der ganzen Welt. Die Gassen von Melbourne sind eine Attraktion, die jedes Jahr hunderttausende von Touristen anlocken. Nirgendwo sonst in Australien wird Strassenkunst in ähnlicher Weise zelebriert.

Politische Botschaften

In den Gassen Melbournes gibt es unzählige Malereien. Jedes Bild – jedes «Tag», wie man die Unterschriften der Künstler nennt – hat eine Bedeutung. Doch es sind nicht nur Graffiti und Plastiken, wie Junkys Werke, die hier präsentiert werden. So sind hier auch Poster auf bunt bemalte Wände geklebt.

Viele der Werke haben eine politische Botschaft. «Dieses hier richtet sich an die immer lauter werdenden Rassisten im Land, an die Flüchtlingshasser, an die fremdenfeindliche Regierung Australiens», sagt Junky. Echte Australier würden Asylbewerber willkommen heissen. Jeder, der sage, Australien sei voll, solle mal ins isolierte Landesinnere gehen.

Es ist nicht so, dass Graffitisprayen in Melbourne legal wäre. Wie in den meisten Städten ist es auch hier verboten, öffentliche Gebäude zu bemalen. Aber die Regierung hat längst den Wert erkannt, den diese Kunst bringt – in Form von Touristendollars. Deshalb lässt man die Sprayereien fast überall stehen.


Reportage aus der Graffiti-Hauptstadt Australiens

4:42 min, aus SRF 4 News aktuell vom 19.08.2015

Der freie Geist wird kommerzialisiert

Sogar private Hausbesitzer seien nicht unbedingt gegen die Spraykunst, weiss Junky. «Aber sie wollen nette Graffiti, ganz bestimmte Formen von Kunst.» Doch darum gehe es schliesslich nicht. Man solle den Künstlern nicht sagen, was sie malen sollen. Tatsächlich wird der freie Geist in den Gassen von Melbourne immer mehr kommerzialisiert. Das werde von vielen jungen Künstlern bemängelt, sagt Junky. Nicht aber von jenen, die davon profitiert haben.

Zu diesen gehört Rone. Der 35-Jährige malt inzwischen auch auf Leinen, nicht wie früher nur auf Betonwände. Seine Werke sind in Museen rund um die Welt ausgestellt. Er ist einer aus den Gassen von Melbourne, der es geschafft hat. «Es ist sehr einfach, in Melbourne mit dem Malen zu beginnen», sagt er. Denn die Leute hier kümmere es nicht, wenn die Rückwand ihres Hauses besprayt sei, weil es ja niemand sehe.

Sydney radierte seine Graffiti-Geschichte aus

Rone erhält inzwischen Gagen in Höhe von zehntausenden Dollar, um von London bis New York die Wände von Banken und Versicherungen zu bemalen. Für ihn liegt das Geheimnis zum Erfolg Melbournes als Hauptstadt der Graffiti-Kunst in der Toleranz seiner Bewohner. Die fehle in vielen Städten.

Vor allem in der Melbourner Rivalenstadt Sydney. Das habe die Erfahrung um die Olympischen Spiele im Jahr 2000 gezeigt: «Als die Spiele nach Sydney kamen, liess die Regierung dort alle Sprayereien übermalen.» Damit habe sie die gesamte Graffiti-Geschichte der Stadt einfach ausradiert.