Mexiko-Stadt – wo der Tod vier Räder hat

In der Mega-City tritt heute ein neues Verkehrsreglement in Kraft. Und man darf von einer Revolution sprechen: Denn künftig müssen Neulenker eine Fahrprüfung absolvieren, bevor sie losfahren dürfen.

Ein Polizist mit einer gelben Weste in Mexiko-Stadt.

Bildlegende: Die Verkehrspolizisten tragen jetzt gelbe Westen – obs hilft? Keystone

«Warte, lose, luege», sagen sich unsere Kinder bei der Strassenüberquerung, auch manch zartbesaiteter Erwachsener murmelt das gutschweizerische Mantra vor sich hin. Zufrieden überschreiten sie den Zebrastreifen, die wartenden Automobilisten nicken freundlich zu.

In Mexiko-Stadt verpufft «Helmis» lebensrettender Ratschlag: Denn hier stirbt, wer im Strassenverkehr hadert: «Als Fussgänger und Fahrradfahrer werde ich als störendes Element wahrgenommen. Es gibt keine Verkehrskultur, keine Regeln. Es herrscht Anarchie!», klagt der leidgeprüfte Journalist Klaus Ehringfeld.

Kein Herz für Nicht-Motorisierte

Er lebt und arbeitet in der Mega-Metropole – und kennt die Spiessrutenfahrten der Hauptstädter aus leidvoller Erfahrung: «Wir haben hier fünf Millionen Fahrzeuge, und jeden Tag gibt es drei Verkehrstote.»

«  Es gibt keine Verkehrskultur, und noch weniger Verkehrserziehung. »

Klaus Ehringfeld
Journalist in Mexiko-Stadt

Auf die Schwachen werde, so der Journalist weiter, keine Rücksicht genommen: «Es gilt das Recht des Stärkeren. Zebrastreifen werden nicht respektiert, die Autos biegen ab, ohne zu blinken, Ampeln verkommen zu dekorativen Elementen – niemand hält sich an irgendetwas.» Ehringfelds Worte lassen Schweizer leer schlucken.

Renaissance der Fahrprüfung

Die Behörden haben das Problem erkannt – und reagieren mit einer skurrilen Massnahme: Es werden Fahrprüfungen für Neulenker eingeführt. Die Sinnhaftigkeit des Unternehmens wird kaum jemand bezweifeln. Von weiser Voraussicht kann man aber im Jahr 2015 kaum mehr sprechen.

Bislang durfte jeder über die Strasse heizen, der sich den Fahrausweis leisten konnte – er kostete umgerechnet 40 Franken. Immerhin: «Bis 2003 war es üblich, eine theoretische und praktische Prüfung zu machen», erklärt Ehringfeld. Aber es war ebenfalls üblich, beides mit Bestechungsgeld zu umgehen», sagt der Journalist. Das Problem wurde schliesslich, so Ehringfeld, auf mexikanische Art gelöst: «Man hat die Fahrprüfung abgeschafft.» Die Korruption grassierte weiter.

Was tun?

Die Verkehrsteilnehmer transportierten das liberale Regime ungefiltert auf die Strasse, die Beamten nahmen es zur Kenntnis: «Die Stadt wimmelt zwar von Polizisten. Aber entweder interessiert es sie nicht, oder sie lassen sich bestechen.» Schweizer Verkehrsteilnehmer schlucken ein zweites Mal leer.

Neuerdings gebe es zwar mit gelber Weste und Strafzetteln ausgestattete Verkehrspolizisten in der Metropolregion mit rund 20 Millionen Einwohnern. Sie seien aber zu wenige, um wirklich etwas ausrichten zu können.

Was tun, fragt sich der verkehrsgezähmte Mitteleuropäer im Angesicht der buchstäblichen Raserei? Eine Option wäre, selber zum Saulus des Asphalts zu werden.

Am Ende zahlt die Versicherung?

Ehringfeld rät ab: Als verängstigter Verkehrstourist Beamte bestechen zu wollen, könnte nach hinten losgehen: «Korruption bleibt im ganzen Land das Hauptübel, sie wird aber inzwischen verstärkt verfolgt. Man sollte sich sehr gut überlegen, ob man das Risiko eingehen will.»

Immerhin, sollte einmal etwas passieren: Man ist versichert. Doch auch hier interveniert Ehringfeld: «Es gibt keine Versicherungspflicht, das wird lax gehandhabt. Wenn es zu einem Unfall kommt, gibt es oft das Phänomen der Fahrerflucht.»

Wer auf eine gütliche Einigung setzt, sollte bedenken: Neben dem Fahrer könnte sein unversichertes, schrottreifes Auto stehen. Nicht eben die beste Verhandlungsbasis. Schweizer schlucken ein drittes Mal leer.