Münchner Bilderfund: Deutsche Ermittlungen hinfällig?

Nach dem spektakulären Bilderfund in München muss die Justiz ihre Steuerermittlungen gegen den Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt möglicherweise einstellen. Ihm kann wohl kein Steuervergehen angelastet werden. Jedenfalls nicht in Deutschland.

So spektakulär der Münchner Bilderfund ist, möglicherweise ist die Beschlagnahmung der Bilder zu Unrecht erfolgt. Wie die «Süddeutsche Zeitung» (SZ) aus bayerischen Behörden erfuhr, soll der Sohn des Nazi-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt in Österreich für «bescheidene Einkünfte» Steuern gezahlt haben.

Das österreichische Melderegister führe ihn mit Hauptwohnsitz in Salzburg, berichtet die SZ weiter. Damit wäre der deutsche Fiskus für Cornelius Gurlitt gar nicht zuständig.

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Kunstfund München: weitere Bilder werden veröffentlicht

2:33 min, aus Tagesschau vom 15.11.2013

Die Staatsanwaltschaft hat die Steuerermittlungen gegen Gurlitt derweil verteidigt, in dessen Münchner Wohnung im Frühjahr 2012 1400 Bilder beschlagnahmt wurden. «Steuerlich relevant ist nicht der Wohnsitz, sondern der Lebensmittelpunkt und für bestimmte Steuern nicht einmal der», erklärte der Augsburger Oberstaatsanwalt.

Fall 20 Monate unter Verschluss

Die Behörden streiten sich unterdessen über die Verantwortung dafür, dass die bei Gurlitt beschlagnahmten Werke 20 Monate unter Verschluss blieben. Nach Darstellung des Justizministeriums in München soll mit dem Fall schon seit langem auch das Berliner Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen befasst sein. Dieses Amt kümmert sich um die Rückgabe von Kulturgütern, die während der NS-Zeit ihren Besitzern abgepresst worden sein könnten.

Bayerns Justizressort schilderte auf SZ-Anfrage im Detail, wie das Bundesamt von Anfang an unterrichtet worden sei. Diese Darstellung wies das Berliner Amt zurück und betonte dem Bericht zufolge, man habe erst Anfang November aus den Medien «von dem konkreten Ausmass und den Hintergründen des Falles erfahren».

Experten sollen Herkunft abklären

Wie die «Wirtschaftswoche» berichtet, wollen sich deutsche Behörden bei der Aufklärung des Kunstfunds nicht von Londoner Experten helfen lassen. Das Londoner Art Loss Register (ALR) habe seine Unterstützung angeboten, um die Herkunft der gut 1400 Werke zu ermitteln.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz habe nicht auf das Angebot reagiert. ARL ist nach Angaben der Betreiber mit 420'000 registrierten Objekten die weltweit grösste privatwirtschaftliche Datenbank für verlorene oder gestohlene Kunstwerke.

Mehr im «Reflexe»

Die Biographie eines jeden Kunstwerks muss nun einzeln abgeklärt werden: In «Reflexe» unterhält sich Ellinor Landmann mit der Provenienzforscherin Esther Tisa Francini von Zürcher Museum Rietberg. Das Interview läuft am Montag um 10:03 Uhr auf Radio SRF 2 Kultur.