Hotels in der Schweiz Nobel + Herberge = Luxus + Sorgen

Das Palace in Gstaad ist in Zeiten wie diesen etwas ganz Besonderes – allerdings nicht wegen seiner fünf Sterne. Vielmehr deshalb, weil es sich in der Hand einer Besitzerfamilie befindet und keiner grossen internationalen Kette angehört. Klingt romantisch, ist aber beinhartes Business.

Andrea Scherz

Bildlegende: Andrea Scherz führt in dritter Generation das Palace in Gstaad. Der Kampf um genügend Umsatz ist enorm. palace/Andrea Scherz

Das Hotel Palace in Gstaad ist eine der letzten Luxusherbergen in der Schweiz, die sich in der Hand einer Besitzerfamilie befindet. In dritter Generation wird das Palace von Andrea Scherz geleitet. Mit ihm sprachen wir über die Vor- und Nachteile eines Familienbetriebes und darüber, wie der Klimawandel möglicherweise die Zukunft seines Hauses bedroht.

SRF News: Das Hotel ist noch geschlossen. Erst kurz vor den Sommerferien öffnen sie. Ist das rentabel?

Andrea Scherz: Im Herbst ist das Wetter nass und im Frühling nach der Schneeschmelze wirkt Gstaad nicht so einladend. Die Gäste bleiben aus. Das Palace ist deshalb seit der Eröffnung vor über 100 Jahren nur im Sommer und im Winter geöffnet.

Sind Sie in der Zwischensaison dann alleine hier, inspizieren das Hotel und löschen am Abend die Lichter?

Zu Zeiten meines Grossvaters war das fast noch so. Er sammelte das Laub auf und erledigte bürokratische Arbeiten. Ihm zur Hand gingen nur zwei, drei Angestellte. Heute sind wir das ganze Jahr über 30 Mitarbeiter. Es wird umgebaut, reorganisiert, Marketing betrieben und die liebe Bürokratie nimmt auch nicht ab.

Viele Luxushotels haben sich einer Kette angeschlossen oder gehören einem potenten Investor. Was ist der Vorteil eines Familienbetriebs?

Es ist alles persönlicher. Wir haben Gäste, die seit vielen Jahren kommen. Sie schätzen es, dass nicht jedes Jahr alles neu ist.

Sie verändern also möglichst wenig – auch beim Personal?

Das treue Personal ist einer unserer grossen Trümpfe. Tatsächlich haben wir viele Mitarbeiter, die jedes Jahr zu uns zurückkommen. Für die Kundenbindung ist das unglaublich wichtig. Es gibt Gäste, die kommen an und gehen als erstes zu einer Mitarbeiterin, weil sie gehört haben, dass sie ein Kind bekommen hat. Oder sie tauschen sich mit unserem langjährigen Portier aus.

Penthouse-Wohung im Palace Gstaad

Bildlegende: Gute 15'000 Franken kostet die Nacht in der Penthouse-Suite. Zu teuer? Im Gegenteil. palace.ch

Der berühmt dafür ist, alle Vorlieben der Gäste zu kennen?

Wir führen über alle Gäste eine Kartei, damit wir ihre Vorlieben kennen. Das beginnt damit, dass jemand die Pantoffeln lieber auf der linken Bettseite hat als rechts bis zu kleineren Umbauten, die wir vornehmen müssen.

Das heisst?

Wir hatten einen Gast, der war zu klein, um richtig aus den Fenstern schauen zu können. Also hoben wir den Boden während seiner Zeit bei uns etwas an, damit er die prächtige Bergwelt besser sehen konnte.

Nerven diese vermögenden Gäste auch manchmal mit ihren seltsamen Wünschen?

Wir haben das Glück, dass zu uns vorwiegend Leute mit «altem Geld» kommen. Das sind in den allermeisten Fällen sehr kultivierte Menschen, die sich ganz normal verhalten. Aber es ist grundsätzlich schon so: Jeder Wunsch muss erfüllt werden.

Tatsächlich jeder?

Fast jeder. Vor kurzer Zeit wollte ein Gast das Penthouse mieten, obwohl es bereits vergeben war. Er wollte dem andern Gast 50'000 Franken anbieten, damit dieser es ihm überlässt. Das haben wir abgelehnt.

Das Trois Rois in Basel wurde vor über zehn Jahren für 60 Millionen Franken saniert. So eine Renovation steht bei Ihnen zwar nicht an, aber woher nehmen sie das Geld für den Unterhalt und Ausbau?

Früher konnten wir Bauland verkaufen. Doch dieses «Familiensilber» ist verkauft. Wir müssen jetzt alles aus dem Betrieb erwirtschaften.

Haben Sie schon ans Aufhören gedacht?

Nein, mir gefällt meine Arbeit. Und ich werde meinen Kindern das Gleiche sagen wie mein Vater zu mir: Du kannst das Hotel gerne übernehmen, wenn Du wirklich Freude daran hast. Denn nur dann hast Du eine Chance.

Kann man überhaupt aussteigen? Immerhin sind sie schon fast eine Familiendynastie.

Gute Frage. (Überlegt) Einfach ist das sicher nicht. Aber wenn es nicht mehr geht, dann muss man wohl ans Aufgeben denken.

Welches ist die grösste künftige Herausforderung?

Wir müssen immer im Voraus wissen, was sich die Gäste wünschen. Das ist aber eine Aufgabe, an der wir selber arbeiten können. Sorgen macht mir hingegen der Klimawandel. Es heisst, dass Orte unter 1200 Meter immer weniger Schnee haben werden. Unsere Wintergäste wollen aber Schnee sehen und zwar nicht nur auf der Piste, sondern auch auf den Dächern und Wiesen. Wenn die Winter also immer schneeärmer werden, werden wir ein ernsthaftes Problem haben.

Das Gespräch führte Massimo Agostinis.

Zum Nachhören

Zum Nachhören

Sie möchten das gesamte Interview mit Andrea Scherz noch einmal hören? Dann können Sie das hier tun.