Noble Irrtümer: Tote, Scheidungsgeld und faule Forscher

Über die Vergabe der Nobelpreise kann jedes Jahr trefflich gestritten werden. Traf es den Richtigen oder ging der Falsche leer aus? War die Vergabe politisch motiviert oder lag dem tatsächlich eine grosse Entdeckung zugrunde? Kurios, tragisch und berührend – der Nobelpreis hat viele Geschichten.

Den meisten Grund zur Diskussion geben die Friedensnobelpreise. Die Europäische Union oder Barack Obama – um nur zwei Preisträger der jüngeren Zeit zu nennen – erscheinen nicht jedem als eine besonders glückliche Wahl.

Zwei Mitglieder von Terrororganisationen

Rückblickend gilt das wohl auch für 1994. Damals wurden der PLO-Anführer Yasser Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin ausgezeichnet. Grund für diese Entscheidung war das Gaza-Jericho-Abkommen und die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten. Der Lauf der Geschichte zeigt, dass das ein Irrtum war.

Ähnlich wird heute die Preisvergabe an Menachem Begin wahrgenommen. Spätere Mitglieder des Nobelkomitees haben sich für die Wahl entschuldigt. Begin war Führer einer Untergrundorganisation, die Anschlägen gegen britische Mandatsbehörden vor 1948 verübte. 1978 wollte oder konnte dies das Komitee nicht wissen.

Der Preis als Rettungsanker für Verfolgte

Carl von Ossietzky erhielt 1935 den Friedensnobelpreis. Der Publizist hatte die geheime Aufrüstung der deutschen Reichswehr publik gemacht und war in einem Konzentrationslager interniert. Zwar wurde er nach Bekanntgabe der Verleihung freigelassen, durfte aber auf Geheiss der Nazis den Preis nicht entgegennehmen.

Ebenfalls eine rettende Mission sollte der Friedensnobelpreis 2010 haben. Er ging an den chinesischen Systemkritiker Liu Xiaobo. Nach Bekanntgabe der Ehrung wurde dieser aus dem Gefängnis entlassen, steht allerdings noch immer unter Hausarrest. Den Preis konnte er wie Ossietzky nicht persönlich entgegennehmen.

Zu klug für das Kommitee?

Albert Einstein erhielt den Nobelpreis für Physik 1921 nicht für seine Arbeiten über die allgemeine Relativitätstheorie, sondern für die der Allgemeinheit wenig bekannte Erklärung des photoelektrischen Effektes. Angeblich soll die Jury Einsteins Relativitätstheorie nicht verstanden haben, so die Legende.

Auch Lise Meitners Beitrag zum Verständnis der Kernspaltung war von den Juroren zunächst übersehen worden. Laut den Juroren hatte sie «nur» herausgefunden, wie viel Energie freigesetzt wird und dies mit relativ einfachen Formeln beschrieben.

Noble Irrtümer

Gelegentlich gab es auch echte Fehlentscheidungen. So erhielt der dänische Pathologe Johannes Grib Fibiger 1926 den Medizin-Nobelpreis für die Entdeckung, dass ein kleiner Fadenwurm Magenkrebs auslöse. Diese Vermutung erwies sich später als Irrtum.

Auch der Kanadier John Macleod erhielt 1923 zu Unrecht die Forscherlorbeeren, denn er machte gerade Urlaub, als Angestellte seines Instituts das Insulin entdeckten.

Die Falschen ernten die Lorbeeren

Ähnlich stellt sich der Sachverhalt bei Selman Waksman dar. Dem Amerikaner war der Nobelpreis 1952 für die Entdeckung von Streptomycin zuerkannt wurde. Tatsächlich fand das Antibiotikum aber sein Student Albert Schatz.

Und mindestens noch einmal lag das Komitee daneben. So wurde Anthony Hewish 1974 für seine «entscheidende Rolle bei der Entdeckung der Pulsare» ausgezeichnet. Die aber machte eigentlich seine Doktorandin Jocelyn Bell Burnell.

Ein Novum: Nobelpreis geht an toten Forscher

Traurig ist die Geschichte des kanadischen Immunforschers Ralph Steinman. Er war drei Tage vor der Bekanntgabe 2011 gestorben. Die Juroren erfuhren erst nach der Zuerkennung von seinem Tod. Obwohl der Preis eigentlich nur an Lebende vergeben werden darf, verlieh die Jury erstmals seit 50 Jahren einen Nobelpreis posthum.

Multitalente und Mehrfachpreisträger

Auch Winston Churchill ziert die Liste der Preisträger. Doch Mr. «No Sports» erhielt nicht den Friedensnobelpreis, sondern den Literaturnobelpreis. Begründet wurde dies mit seiner Redekunst und seiner biografischen Darstellung. Die Fachwelt reagierte überrascht. Nur der Preisträger selbst war nicht irritiert. Als Churchill die Nachricht des Nobelpreises erhielt, soll er gefragt haben: «Auf welchem Gebiet?»

Der Kreis der Mehrfachpreisträger ist übersichtlich. Nur an vier Forscher wurde der Preis zweimal verliehen. Neben Marie Curie (1903 für Physik und 1911 für Chemie), Linus Pauling (1954 für Chemie und 1962 für Frieden) und John Bardeen (1956 und 1972 jeweils für Physik) kam auch Frederick Sanger (1958 und 1980 jeweils für Chemie) in den Genuss der Doppelauszeichnung. Linus Pauling ist aber dabei bis heute der einzige, der keinen der Preise mit jemand anderem teilen musste.

Glück in der Forschung, Pech in der Liebe

Als Einstein 1921 den Nobelpreis erhielt, konnte er das Preisgeld nicht geniessen: Er hatte das Geld seiner Frau Mileva versprochen, damit sie in die Scheidung einwilligt.

Ähnlich erging es Robert Lucas. Seine Frau hatte der Scheidung nur zugestimmt, falls sie die Hälfte des Preisgeldes bekommt. Knapp sieben Jahre später und wenige Wochen vor Ablauf der Frist erhielt ihr Ex-Gatte die Nachricht vom Nobelpreis für Wirtschaft 1995.

Die ewigen Anwärter

Die Liste der «Pechvögel» ist lang. Unverständlich bleibt mancher Jury-Entscheid dennoch. So scheiterte Mahatma Gandhi dreimal. Beim vierten Anlauf standen die Vorzeichen besser. Aber noch vor der Bekanntgabe wurde er ermordet.

Vilhelm Bjerknes trachtete niemand nach dem Leben – den Nobelpreis gönnte ihm das Komitee dennoch nicht. Mehr als 50 Mal war der norwegische Meteorologe für einen Nobelpreis nominiert. Stets ging er leer aus. Ebenso erging es dem deutschen Physiker Friedrich Paschen. Er wurde 45 Mal nominiert, erfolglos.

Hitler auf der Liste

Schwer vorstellbar, aber auch Adolf Hitler stand einmal auf der Nominierungsliste für den Friedensnobelpreis. Der schwedische Reichstagsabgeordnete Erik Brandt hatte ihn vorgeschlagen.

Die Nominierung geschah 1939 aus Protest. Brandt war empört, dass kurz zuvor der britischen Premier Chamberlain wegen seiner Appeasement-Politik vorgeschlagen wurde. Brandt zog die Nominierung später zurück. Allerdings findet sich diese noch immer auf den offiziellen Seiten des Nobelpreiskomitees.