Ostern: «Manche brauchen den Stau»

30 Jahre lang hat Werner Kappeler von der Kantonspolizei Uri an den Ostern jeweils die Blechlawine vor dem Gotthard gemanagt. SRF News sprach mit ihm über den Umgang mit gestressten Autofahrern.

Ein Polizist überwacht den Stau am Gotthard.

Bildlegende: Wichtigste Aufgabe der Polizei bei Stau ist es, die Autos so zu lenken, dass die Unfallzahl möglichst klein bleibt. Keystone

SRF News: Man erhält jeweils an Ostern den Eindruck, die Menschen fahren absichtlich in den Stau. Macht Stau manchen Leuten eigentlich Spass?

Werner Kappeler: Ich glaube tatsächlich, manche brauchen das. Es haben mir auch schon Leute erzählt, dass sie den Stau toll finden, weil sie dann mit anderen Leuten in Kontakt kommen.

Öfters aber liegen die Nerven blank. Die Fähre, die nicht mehr erreicht wird, die quengelnden Kinder ...

Die meisten bleiben ruhig. Allerdings gibt es schon jene Pärchen, die ihren Krach austragen. Da geht es dann aber um Kleinigkeiten, dass etwa der Partner das Mineral nicht kaltgestellt habe oder dass die Partnerin die Karte nicht lesen könne.

Mussten Sie da schon Paartherapeut spielen?

Nein, wir haben höchstens schon Eltern gesagt, sie sollen doch ihr schreiendes Kleinkind aus dem Auto nehmen und ihm etwas zu trinken anbieten. Häufig werden wir gerufen, weil es den Leuten schlecht wird, wenn sie in der Hitze im Stau stehen. Es kommt ab und an vor, dass ältere Menschen in Autos ohne Klimaanlage einen Kollaps erleiden.

Was sind die besten Vordrängler-Tricks, die sie erlebt haben?

Solche Tricks gibt es nicht. Ein Spurwechsel bringt rein gar nichts. Der Zeitgewinn beträgt höchstens eine Minute. Und dann gibt es da noch die Pannenstreifen-Fahrer. Nicht nur die Klassischen. Es gibt auch solche, die die Ausfahrt auf die vermeintlich offene Gotthard-Passstrasse verpasst haben und die in der Folge in Wassen auf dem Pannenstreifen retour fahren. Die zeigen wir an.

Da bekommen Sie dann den ganzen Stau-Frust ab …

Die teilen dann schon aus. Ob wir eigentlich nichts Besseres zu tun hätten, als Leute anzuzeigen, wird dann gemault. Manche lassen sich auch eine Geschichte einfallen. Am häufigsten kommt jene mit dem todkranken oder verstorbenen Grossvater in Italien oder der Frau im Tessin, die ein Kind erwartet.

Werden die Gebüssten auch mal handgreiflich?

Nein, nicht bei Bussen, eher bei Unfällen. Wenn Stau ist, haben wir mehr Auffahrtskollisionen als sonst. Oder wir haben Autofahrer, die vergessen, die Handbremse anzuziehen und rückwärts in den anderen hineinrollen. Da kann es in der Unfallabklärung schon mal so hitzig werden, dass es Kragenarbeit braucht. Einen Mann mussten wir mal in Handschellen legen, weil er sich nicht beruhigt hat. Das ist aber selten.

Ihr aussergewöhnlichstes Oster-Erlebnis?

Einmal wollten zwei oder drei Engländer in einer Nische im Gotthard-Tunnel ihr Zelt aufschlagen und dort übernachten. Die wollten da tatsächlich Heringe einschlagen. Als wir sie nach dem Grund fragten, sagten sie uns, weil es draussen regnen würde.

Apropos Engländer: Sind eigentlich die Deutschen besonders kaltschnäuzig, die Zürcher aggressiver als die Berner, die Jungen besonders frech?

Ehrlich, im Stau sind sie alle gleich. Ich kann weder einen Unterschied bei den Nationen, noch bei den Kantonen, noch bei den verschiedenen Altersgruppen oder den Geschlechtern feststellen.

Wann standen Sie selbst denn das letzte Mal im Stau?

Das war letztes Jahr in Karlsruhe, zehn Minuten. In der Schweiz bin ich in den letzten 20 Jahren nicht mehr im Stau gestanden.

Sie sind der Mann der Stunde. Wie umgehen Sie den Stau?

Zugegeben, ich kann schnell in der Zentrale nachfragen, wo sich der Stau gerade entwickelt. Und in der Regel arbeite ich ja an Ostern. Aber das ist nicht zentral. Wichtig ist die Organisation: sich frühzeitig informieren, in der Nacht fahren, nicht dorthin fahren, wo gerade alle hinfahren.

Zur Person

Zur Person

Feldweibel Werner Kappeler ist bei der Kantonspolizei Uri stellvertretender Dienstchef von Flüelen und war 30 Jahre stellvertretender Dienstchef in Göschenen. An Ostern hat er jeweils die Einsätze und das Stau-Management am Nordportal des Gotthardtunnels mitverantwortet.

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