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Prävention und Plackerei Japans Gesundheitsförderung ist voller Widersprüche

Eine Firma will Nichtrauchern mehr Ferien geben. Martin Fritz erklärt, wieso es dabei nicht nur um die Gesundheit geht.

Legende: Audio Raucher bestrafen oder Nichtraucher belohnen abspielen.
4:43 min, aus SRF 4 News aktuell vom 02.11.2017.

Die Büros des japanischen Marketing-Unternehmens Piala Inc. liegen im 29. Stock eines Hochhauses. Mitarbeiter, die eine Zigarettenpause einlegen wollen, müssen jedes Mal den weiten Weg zum Eingang des Gebäudes auf sich nehmen und verlieren dabei bis zu 15 Minuten Arbeitszeit.

Genau darüber echauffierte sich ein Nichtraucher, der beim Tokioer Unternehmen angestellt ist. Während seine Kollegen sich auf ihre regelmässige Pilgerreise zur Raucherzone begäben, sitze er am Schreibtisch und arbeite, argumentierte er in einem Schreiben, das er in die Vorschläge-Box steckte. Dadurch komme er auf deutlich mehr geleistete Arbeitszeit.

Das japanische Harmoniebedürfnis

«Unser CEO sah den Vorschlag und stimmte ihm zu», sagt Sprecher Hirotaka Matsushima zum britischen «Telegraph». Mitarbeiter, die ganz auf Zigaretten verzichten oder seit mindestens einem Jahr nicht mehr geraucht haben, sollen deshalb künftig sechs zusätzliche Ferientage erhalten. Ziel davon sei es, die Mitarbeiter durch Anreize zum Nichtrauchen zu bewegen, und nicht fürs Rauchen zu bestrafen, sagte CEO Takao Asuka zur Nachrichtenagentur Kyodo News.

 Ein Taxifahrer raucht im Kofferraum seines Autos eine Zigarette.
Legende: Japaner qualmen viel: Ein Taxifahrer raucht im Kofferraum seines Autos in Tokio eine Zigarette. Keystone

Dass die Regelung nur dazu diene, die Gesundheit der Mitarbeiter zu fördern, bezweifelt Journalist Martin Fritz in Tokio. «In diesem Fall geht es vor allem darum, die Harmonie im Team wiederherzustellen», sagt er. Teamarbeit und Harmonie seien in Japan sehr wichtig, die Unternehmen reagierten meist sehr schnell, wenn es Unstimmigkeiten unter den Mitarbeitern gebe.

Dieses Harmoniebedürfnis birgt laut Fritzauch ein Problem für die Nichtraucher: «Japaner beziehen ihre Ferien meist im Team. So würden sie in Raucher und Nichtraucher gespalten.» Es sei deshalb möglich, dass die Nichtraucher die zusätzlichen Ferientage gar nicht beziehen würden.

Die Unternehmen wollen einerseits, dass die Mitarbeiter gesund bleiben. Andererseits profitieren sie aber auch davon, dass die sie viel arbeiten.
Autor: Martin FritzJournalist

In Japan ist die Gesundheit der Mitarbeiter ein wichtiges Anliegen der Unternehmen. In vielen Firmen ist es Tradition, dass sich die Mitarbeiter morgens versammeln und Stretching- und Aerobic-Übungen absolvieren. Die Unternehmen seien auch vom Staat dazu angehalten, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu achten, sagt Fritz.

Raucherparadies war mal

Japan, das einst als Raucherparadies galt, ist in den vergangenen Jahren stärker gegen das Qualmen vorgegangen. So diskutiert man über ein Rauchverbot in nahezu allen öffentlichen Räumen, das bis zu dem olympischen Spielen in Tokio 2020 eingeführt werden soll, und hat seine Raucherquote in diesem Jahr erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen unter 20 Prozent gesenkt. Trotzdem sterben in Japan jährlich rund 161'000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.

Arbeiten bis zum Tod

Japaner müssen zudem ab einem gewissen Alter regelmässige Gesundheitschecks absolvieren und die Unternehmen kontrollieren – auf freiwilliger Basis – den Hüftumfang ihrer Mitarbeiter. Männern, die dabei auf mehr als 85 Zentimeter Umfang kommen, wird beispielsweise einen Plan mit Sport- und Ernährungsvorschriften verschrieben.

Gleichzeitig gebe es aber auch starke Widersprüche in der japanischen Arbeitskultur. Regelmässig kursieren Meldungen über Angestellte, die sich zu Tode arbeiten. Auf in der japanischen Sprache existiert sogar ein Wort dafür: Karoshi, der Tod durch Überarbeitung.

Dieser Widerspruch lässt sich laut Fritz nicht einfach aufklären. «Die Unternehmen wollen einerseits, dass die Mitarbeiter gesund bleiben. Andererseits profitieren sie aber auch davon, dass die sie viel arbeiten», sagt er. Gesundheitsförderung und Überbelastung seien zwei Zustände, die in der japanischen Arbeitswelt parallel existieren.

Ein Modell für die Schweiz?

SBB, Coop und Valora setzen bei dieser Thematik ausdrücklich auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter. Das gilt auch bei der Swisscom. Das Unternehmen bietet den Mitarbeitern in Zusammenarbeit mit der Lungenliga und weiteren Anbietern aber auch kostenlose Rauchentwöhnungskurse an, wie Mediensprecherin Sabrina Hubacher erklärt.
Noch weiter geht die Schweizerische Post. Dort gibt es den sogenannten «Nichtraucher-Pass», sagt Mediensprecherin Jacqueline Bühlmann. Drei Viertel der Lernenden würden bei diesem Programm mitmachen. Bühlmann erklärt, wie das Programm funktioniert: «Die lernende Person verpflichtet sich, weder während der Arbeitszeit noch in der Freizeit Raucherwaren zu konsumieren. Sie erhält bei Einhaltung der Vereinbarung pro Semester einen Geldbetrag in Form einer Gutschrift von 150 Franken, sofern die lernende und die betreuende Person in der Ausbildungsdokumentation dies bestätigen. Am Ende der Ausbildung wird der so angesparte Betrag den jeweiligen Lernenden gutgeschrieben.» Sollte das Programm abgebrochen werden, verfalle der Betrag zugunsten der Post, erklärt Bühlmann. Die Nichtraucher-Vergütung beträgt bei einer Ausbildungsdauer von vier Jahren 1200 Franken.

Martin Fritz

Martin Fritz

Der Journalist Martin Fritz arbeitete als Radio-Korrespondent für die ARD in Tokio. Als freier Journalist berichtet er auch über Nord- und Südkorea. Vorher war er fünf Jahre lang Südasien-Korrespondent in Neu-Delhi. Er hat Politik in Münster, Los Angeles und London studiert.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Das ist ein perfektes Beispiel um über Lebensweisheit zu philosofieren. Dieser Widerspruch lässt sich sehr wohl auflösen, wenn wir die geistige Gesundheit dazu nehmen. Im Land mit dem höchsten Durchschnittsalter der Wel,t 48 und am meisten 100 jährige Frauen, 88 Prozent der 100 Jährigen sind Frauen, müssten die Frauen eigentlich weniger gesund Leben und etwas mehr Zeit für den Spass und die Familie, sprich Sex haben. Oh wie wünsch ich mir ab und zu den Geschmack von Pfeiffentabak zurück.
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    1. Antwort von Karl Müller (KaMü)
      Etwas wirr, dieser Kommentar, besonders die Zahl 48 ergibt für mich keinen Sinn. Sind denn Spass und Glück schlecht für die Gesundheit? Ich dachte, eher das Gegenteil. Dass aber die Japaner (Männer) auch gerne dem Alkohol frönen, was wohl das durchschnittl. Alter um ein paar Jahre senkt, wird übersehen.
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